Mutterstadt / Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Lambsheimer Firma wirbt für Windpark an der A 61

Windräder im Sonnenuntergang - so könnte der Blick gen Westen auf Mutterstadter Gemeindegebiet auch ausschauen.
Windräder im Sonnenuntergang - so könnte der Blick gen Westen auf Mutterstadter Gemeindegebiet auch ausschauen.

Mit dem Wind-an-Land-Gesetz sollen Windräder auch in windarmen Regionen gebaut werden, zum Beispiel in Mutterstadt und Umgebung, wie eine Analyse zeigt.

Roberto Andreula und Matthias Borrmann von der Lambsheimer Gesellschaft für Alternative Ingenieurtechnische Anwendungen mbH (Gaia) stellten ihre Potenzialanalyse für einen Windpark auf Mutterstadter Gebiet im Bauausschuss vor. Ein Windpark kann nicht überall gebaut werden, tabu sind Naturschutzgebiete oder FFH-Flächen. Ebenso müssen Abstände zu Straßen- oder Wohnsiedlungen eingehalten werden. Der Abstand zur Wohnbebauung wurde im vergangenen Jahr mit der Fortschreibung des Landesentwicklungsprogramms von 1000 beziehungsweise 1100 Metern auf 900 Meter reduziert. Nach Berücksichtigung weiterer Faktoren, wie Windgeschwindigkeiten oder Siedlungen außerhalb der Ortsbebauung, begrenze sich die potenzielle Fläche auf zwei Areale: eines nordöstlich des Mutterstadter Kreuzes und der A 61 Richtung Norden sowie eines westlich der B 9. Die Fläche an der B 9 sei mittlerweile zu klein, weil zwischenzeitlich in Maudach ein Wohngebiet entstanden ist, zu dem Abstand gehalten werden müsse. Für den Bau von fünf Windrädern würde sich die Gemarkungsfläche an der A 61 am besten eignen, unter anderem weil es dort schon Infrastruktur wie Straßen und Wege gebe, erläuterte Andreula. Zudem sei die Fläche bereits mit Strommasten und der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung „vorbelastet“. In dem auserkorenen Areal würden zwei der fünf Windräder auf Fußgönheimer, drei auf Mutterstadter Gebiet stehen.

Da Mutterstadt aber nicht an der Nordsee liegt, also als „schwach windiger Ort“ eingestuft wird, müssten für eine bestmögliche Energiegewinnung leistungsfähige Windräder der „modernen Anlagengeneration“ her. Andreula und Borrmann empfehlen solche, die (bis zur Rotorblattspitze) 255 Meter hoch sind. Die Rotorblätter hätten eine Länge von bis zu 175 Metern. Der Spitzenwert, die sogenannte Nennleistung, betrage sieben Megawatt, das ist laut Borrmann die maximale Stromerzeugung bei starkem Wind.

70 Prozent Ökostrom wären möglich

Aber wäre das ausreichend, um zum Beispiel den jährlichen Stromverbrauch von Mutterstadt zu decken? Nein, nicht ganz. Der Mutterstadter Jahresverbrauch betrage laut Energieagentur Rheinland-Pfalz etwa 50 Millionen Kilowattstunden, informierte der Experte. Die jährliche Leistung der drei Windräder hat Gaia auf 38 Millionen Kilowattstunden berechnet, was etwa 70 Prozent des Mutterstadter Jahresverbrauchs wären. Zum Vergleich: 2020 seien in der Gemeinde lediglich fünf Kilowattstunden aus erneuerbaren Energien produziert worden.

Und woran hängt es denn nun, dass so ein Windpark noch nicht einmal geplant wird? Kurioserweise an der interkommunalen „Vertraglichen Vereinbarung über die Darstellung von Flächen für Windenergieanlagen in der Flächennutzungsplanung“. Die haben Mutterstadt und die umliegenden Kommunen (Ludwigshafen, Frankenthal, Bobenheim-Roxheim, Lambsheim und die Verbandsgemeinde Maxdorf) schon vor 20 Jahren geschlossen, denn das Thema Windräder soll ja kein Alleingang der Mutterstadter werden. Jene Vereinbarung sei 2014 aktualisiert worden, informierte Bürgermeister Hans-Dieter Schneider (SPD), aber eigentlich schon wieder überholt. Borrmann erklärte, warum.

Die damals definierten und im Flächennutzungsplan für den Bau von Windrädern ausgewiesenen Flächen weichen von den Bereichen ab, die jetzt von Gaia berechnet wurden. Ein wesentlicher Grund seien die geänderten Abstandsgrenzen. Die Experten empfehlen, die Vereinbarung auf den neusten Stand zu bringen, denn sie sehen großes Potenzial: Es könnten nach ihrer Einschätzung auf dem Gebiet der Kommunen, die die Vereinbarung beschlossen haben, 15 bis 20 Windenergie-Anlagen gebaut werden. Was wiederum dem vom Bund erklärten Ziel, zwei Prozent der Fläche der Bundesrepublik für Windenergie zur Verfügung zu stellen, entgegenkommen würde. Für Rheinland-Pfalz bedeute dieses Ziel, „dass bis 2032 2,2 Prozent der Landesfläche Vorrangflächen für Windenergie werden sollen“, erläuterte Borrmann weiter. Die von Gaia in den Fokus genommenen 66 Hektar auf Mutterstadter Gemarkung entsprechen 3,3 Prozent der Ortsfläche. „Somit könnte Mutterstadt einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Ausbau- und Klimaziele leisten“, sagte Andreula.

Schmackhafte Vergütungen

Des Weiteren könnte Mutterstadt dank einer Neuerung des EEG-Gesetzes finanziell profitieren. 0,2 Cent pro erzeugte Kilowattstunde werden an die Gemeinden, die im Radius von 2,5 Kilometern um ein Windrad liegen, ausgeschüttet. Das würde zum Beispiel für Mutterstadt 15.000 Euro pro Jahr an Einnahmen für eine Anlage bedeuten, rechnet der Experte vor und deutet an, dass es noch weitere finanzielle Schmankerl gebe. Aber auch die Mutterstadter könnten etwas verdienen: Gaia biete eine Beteiligungsplattform für Bürger an. „Der Bürger gibt ein Darlehen und bekommt für eine Laufzeit von sechs bis zehn Jahren eine feste Rendite“, erläuterte Andreula, wobei er noch keine Angaben zur Höhe der Rendite machen konnte. Ab etwa 500 Euro könnten die Bürger einsteigen. Das sei aber kein Darlehen, das zur Realisierung des Projekts benötigt werde, wie es zum Beispiel beim Crowdfunding üblich sei. Das Risiko, das Geld zu verlieren, sei sehr gering. Vielmehr soll dieses Angebot die Akzeptanz der Windenergie bei den Bürgern stärken.

Wie schaut es mit dem Lärm aus, den die Anlagen machen, wollte Isabel Schneider (SPD) wissen. „Ja, die Anlagen machen Geräusche, je stärker sie drehen umso lauter“, sagte Andreula. Der Schall würde aber durch die Geräusche von der A 61 überlagert werden, auch nachts. Dennoch werde beim Gutachten nach dem Emissionsschutzgesetz die Anlage isoliert betrachtet. Würden Grenzwerte überschritten werden, müssten die Anlagen zum Beispiel nachts gedrosselt werden. Gaia wolle aber die Abstandsgrenze von 900 Metern nicht ausreizen.

Bürgermeister Schneider erklärte, dass mit den Gemeinden über die interkommunale Vereinbarung gesprochen werden soll, insbesondere über die etwaige Änderung des Flächennutzungsplans. Voraussetzung sei aber, dass der Rat das auch wolle. Darum sollen die Fraktionen nun darüber beraten, um schon bald über das Vorgehen abzustimmen.

Windanlagen im Rhein-Pfalz-Kreis

Laut Energieagentur Rheinland-Pfalz gibt es im Rhein-Pfalz-Kreis derzeit Windräder auf den Gebieten der Gemeinden Schwegenheim, Römerberg, Böhl-Iggelheim, Dannstadt-Schauernheim, Lambsheim, Großniedesheim und Kleinniedesheim. Der Betreiber der Anlage in Böhl-Iggelheim möchte diese vergrößern und noch eine weitere aufstellen. Die Änderung des Flächennutzungsplan wurde in die Wege geleitet. Auch der Windpark Schwegenheim soll erweitert werden.

Die Gaia mbH

1999 wurde die Gesellschaft für Alternative Ingenieurtechnische Anwendungen mbH in Lambsheim gegründet. Ihr Tätigkeitsfeld umfasst die Planung, den Bau, Service und Betrieb von Windenergie- und Photovoltaikanlagen, Speicher- sowie die Ladesysteme für die E-Mobilität. Dabei seien sie in Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Hessen aktiv. Gaia beschäftigt nach eigenen Angaben 60 Angestellte und mehrere Freiberufler.

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