Rhein-Pfalz Kreis „Früher gab es nur Soli und Reigen“

Die Gäste des geplanten Kriemhildenballs im Dezember sollen sich nicht im Walzertakt wiegen, sondern schreiten und springen zu h
Die Gäste des geplanten Kriemhildenballs im Dezember sollen sich nicht im Walzertakt wiegen, sondern schreiten und springen zu höfischen, historischen Tänzen.

«Worms.» Zur Weihnachtszeit soll es als Ergänzung zur Nibelungen-Weihnacht in Worms künftig einen Kriemhildenball geben. Mittelalterliche Musik, historische Roben und natürlich die richtigen Tanzschritte gehören dazu. Letztere vermittelt in einem Workshop am kommenden Wochenende der Tanzmeister Chnutz vom Hopfen. Im Interview spricht der 51-Jährige über die Faszination historischer Tänze und wie man deren Choreografie erforscht und rekonstruiert.

Herr vom Hopfen, ist der historische Tanz das neue Freizeithobby? Ja, es gibt tatsächlich sehr, sehr viele Bälle mit historischen Tänzen, Tendenz steigend. Wobei da aber auch die Fantasyschiene mitschwingt durch den Film „Herr der Ringe“. Die Übergänge sind da fließend. Warum fasziniert Sie das Thema? Weil es spannend ist zu sehen, wie sich die Bewegungsabläufe entwickelt haben. Vom Solo und Reigentanz zum heutigen Paartanz. Wobei ich zusätzlich den sozialen Bereich beobachte, wie man sich miteinander etwa in Gesten bewegt. Allerdings bei so manchem Ritual ist die Bedeutung nicht mehr bekannt. Etwa wenn der Brautvater die Tochter zum Traualtar führt und ihre Hand in die des Ehemannes legt. Das heißt nichts anderes, als dass nun der Vater die Vormundschaft abgibt an den Ehemann. Die Frau hatte, als diese Geste entstand, nichts zu sagen. Getanzt haben die Menschen wohl schon immer? Ja, das kann man so sagen. Erste Beschreibungen einzelner Schritte und Schrittfolgen bis hin zu ganzen Choreografien gib es aber erst seit dem 15. Jahrhundert. Davor gab es Tanzerwähnungen in literarischen Texten, etwa wenn es hieß, sie tanzte wie eine Schwalbe. Auch in Handschriften oder gar auf Wänden sind Tänze abgebildet. Das älteste Zeugnis stammt übrigens aus einer indischen Höhle um 2000 vor Christus. Was werden Sie den Teilnehmern tänzerisch vermitteln? Ich werde Schritte und Schrittfolgen zeigen, die alle bestimmte Namen haben. Wie der Caller beim Square Dance rufe ich diese Figuren auf und kombiniere sie mit anderen. So können sehr schnell ganze Tänze erlernt werden. Außerdem werde ich den Teilnehmern einiges über die Geschichte des Tanzes erzählen und berichten, wie historische Tänze rekonstruiert werden. Wie rekonstruieren Sie alte Tänze? Man kann auf den Abbildungen die Schritte und Formationen sehen. Und auch die Geschwindigkeit lässt sich feststellen. Ist ein Tanz schnell stehen die Tänzer weiter auseinander und die Arme gehen nach oben, beim langsamen Tanz steht die Gruppe dichter, die Arme gehen nach unten. Eine weitere Hilfe ist die Musik, nach der getanzt wurde. Gibt es auch Paartänze? Nein, historische Tänze sind grundsätzlich Reigen oder Solotänze. Die gegengleiche Bewegung beim Paartanz, also wenn ein Partner nach vorne, der andere zurückgeht, ist noch sehr jung. Sie trainieren den höfischen Tanz, was ist mit dem Volkstanz? Überlieferung ist im Wesentlichen Herrscherwissen. Wer Bücher lesen konnte, war betucht. Es gibt eigentlich nur Aufzeichnungen über den höfischen Tanz. Über den Tanz des Volkes hat man eher verachtend berichtet, etwa dass die Tänze wild waren, die Buben die Mädels so hoch warfen, dass man ihnen unter die Röcke schauen konnte. Ich bin bei solchen Urteilen vorsichtig. Das Volk hat wohl ähnliche Schrittfolgen getanzt wie bei Hofe, vielleicht lag hier allerdings das Gewicht mehr auf den gesprungenen Tänzen statt auf dem würdevollen Schreittanz bei Hofe. Termin Workshop mittelalterlicher Tanz für Anfänger und Fortgeschrittene, morgen, Freitag, 16. März, 19 Uhr, Samstag, 10 bis 18 Uhr, Sonntag, 10 bis 12 Uhr, Museum Andreasstift, Worms, Weckerlingplatz. Abschlussball Sonntagnachmittag, historische Kleidung erwünscht, aber nicht zwingend. Getanzt wird zu Livemusik vom Duo Wormez. Teilnahmebeitrag pro Person 60 Euro, ein Mittagessen ist in der nahe gelegenen Jugendherberge für neun Euro möglich. Parallel zum Workshop gibt es eine Ausstellung historischer Roben. | Interview: Christina EichhornDOPPELTERZEILENUMBRUCH
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