Bobenheim-Roxheim
Erinnerungen an jüdisches Leben in den Dörfern
Vor 80 Jahren setzte eine Geheimbesprechung der NS-Ministerien in der Berliner Villa Am Großen Wannsee 56-58 den fabrikmäßigen Völkermord an den Juden im deutschen Einflussbereich in Gang. Da war das Judentum in Bobenheim-Roxheim seit über 170 Jahren präsent. Die Jahreszahl 1771 schließt jedoch nicht aus, dass Juden in beiden zum Hochstift Worms gehörigen Dörfern bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg heimisch waren. Nachum T. Gidal erwähnt in seinem Standardwerk „Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik“ ausdrücklich, dass sich damals unter anderem hier die Gesetzeslage für diese Glaubensgemeinschaft besserte.
Im 18. Jahrhundert ziehen nicht wenige jüdische Familien aus dem stark verschuldeten Worms in die umliegenden Dörfer. 1771 stehen auf Roxheims Einwohnerliste ein Moyses Hirsch und ein weiterer jüdischer Mann mit dem Familiennamen Löw. „16 Seelen“ gehören 1801 in Roxheim und Bobenheim dem Judentum an – die Ersterwähnung für Bobenheim ist nicht konkreter fassbar.
Edikt für die Gleichberechtigung
Die Juden beider Gemeinden gehören damals der breiten armen Unter- und einer kleineren Mittelschicht an. Mit der Eroberung des linken Rheinufers durch die französischen Revolutionsarmeen kommen beide Dörfer in den Genuss des napoleonischen Edikts zur völligen Gleichberechtigung der Juden. Das preist Peter Longerich in seinem unlängst erschienenen Buch „Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte. Von der Aufklärung bis heute“ als integrative Errungenschaft für die Region. Das statistische Jahrbuch 1811 für das Departement de Mont Tonnere bemängelt hingegen, dass nur die wenigsten der zahlreichen hiesigen Juden für Ackerbau und Gewerbe zu gewinnen seien. Als „Fremdlinge“ innerhalb der Mehrheitsgesellschaft fielen sie durch „absonderliche Gebräuche“ auf, heißt es da.
In Wirklichkeit sind sie längst heimisch und wirtschaftlichen wie politischen Entwicklungen ebenso unterworfen wie die übrige Bevölkerung. Die Angehörigen der 1854 gegründeten Israelitischen Kultusgemeinde beider Dörfer bleiben aber immer deutlich unter vier Prozent der jeweiligen Einwohnerschaft. Umso mehr sind die erfolgreichen Bemühungen um den Bau einer Synagoge in der Bobenheimer Straße und ihre Neuerrichtung 1889 zu bewundern.
Christen und Juden in Freundschaft verbunden
Zu den christlichen Mitbürgern besteht Freundschaft: In den 1860er-Jahren gestaltet ein stimmgewaltiges jüdisches Mitglied des Liederkranzes in Roxheim eine katholische Messe mit, und 1927 läuten die Glocken der protestantischen Kirche zur Beerdigung einer verstorbenen Jüdin. Überliefert ist auch, dass man gutmütig scherzend religiöse Eigenheiten aufs Korn und sich gegenseitig auf den Arm nimmt. Dennoch finden sich mit Adolf Hitlers Machtübernahme hier wie anderswo gehässige Antisemiten zur Genüge, die der schließlichen Auslöschung auch des Bobenheim-Roxheimer Judentums Vorschub leisten.
Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1935 unterhält die Israelitische Kultusgemeinde einen Friedhof, der im Dritten Reich geschändet, später wiedererrichtet und bis heute liebevoll gepflegt wird. Ende der 1920er-Jahre verliert die Kultusgemeinde den Minjan, die für einen gültigen Gottesdienst verbindliche Zehnzahl erwachsener Männer. Die Synagoge wird profaniert, noch vor der NS-Zeit legal veräußert und zum Wohnhaus. Da leider nie eine Unterschutzstellung gelingt, reißen die Eigentümer sie 2017 ab. Die Gemeinde will die Erinnerung an das Gebäude und seine Geschichte nun mit einer Informationstafel wachhalten.