Altrip
Ein Schiff wird kommen: Neue Altriper Fähre soll 2025 pendeln
Jürgen Jacob kommt mit einem schweren Aktenordner und einer großen Papierrolle unterm Arm in den Besprechungsraum. Trotz der Last ist er erleichtert. Der Geschäftsführer der Rheinfähre Altrip GmbH hat frohe Kunde. Die neue Altriper Fähre kann gebaut werden. Der Bauvertrag dafür ist vor wenigen Tagen unterschrieben worden. Im Januar 2018 hatte die Gesellschafterversammlung beschlossen, dass ein neues Fährschiff in Auftrag gegeben werden soll. Mehr als fünf Jahre hat es gedauert, bis das auch passieren konnte. Der schwere Aktenordner zeugt von einem langen Weg und komplizierten Verfahren.
Pegelstände: Klima aus dem Gleichgewicht
Auf den langen Weg gemacht haben sich Jacob und seine Mitstreiter mit klaren Vorstellungen. Das neue Schiff sollte auf jeden Fall gewisse Bedingungen erfüllen. „Eine ganz wichtige ist“, sagt Jacob, „dass die Fähre auch bei Niedrigwasser fahren kann.“ Immer öfter komme es vor, dass der Rhein sehr wenig Wasser führt. „2018 haben wir deshalb 44 Tage still gelegen. Von Anfang Oktober bis Mitte November“, berichtet Jacob. Seinen Beobachtungen zufolge ist seit 2003 der Klimawandel spürbar. Pegeltechnisch sei seither einiges durcheinander geraten.
„Das Adventshochwasser war ein festes Ereignis im Jahr. Ein mäßiges aber zuverlässiges Hochwasser. Was uns in den kommenden Tagen erwartet, macht mich allerdings unruhig“, sagt er. Föhn in Bayern kündigen die Wetterdienste an. Der führt zum Schmelzen der gerade erst gefallenen Schneemassen. „Wir haben besorgniserregende Pegelstände in der Prognose.“ Jacob zeigt sein Handy. Auf dem Display eine nahezu senkrecht ansteigende Linie.
Bei starkem Hochwasser kann auch eine neue Fähre nichts ausrichten. Das Problem ist nicht das Schiff, sondern der Weg zur Fähre auf Altriper Seite. Die Uferstraße ist ab einem Pegelstand von siebeneinhalb Metern überflutet. Doch für Niedrigwasserstände wird das neue Schiff gewappnet sein. Die Antriebstechnik ist anders angeordnet. Bei der „Gerda“ stehen die Antriebe 65 Zentimeter unter dem Rumpf heraus. „Das macht sie absolut verwundbar, sobald es zu einer Bodenberührung kommt“, erklärt Jacob. Dabei entstehe schnell ein Schaden im fünfstelligen Bereich. Beim neuen Schiff werden vier Pump-Jet-Antriebe eingebaut, die nur wenige Zentimeter unterm Rumpf herausschauen und auch bei wenig Wasser im Rhein noch gut geschützt sind. Die Fähre kann fahren. „Da muss der Pegelstand schon stark sinken, dass wir den Betrieb einstellen müssen.“
Neue Fähre hat größere Fläche
Ein Schiff, das auch bei Niedrigwasser unterwegs ist, braucht ein gewisses Auftriebsvolumen. Damit muss die neue Fähre eine größere Fläche haben. Sie wird Jacob zufolge deshalb 54 Meter lang und 14 Meter breit. Die „Gerda“ ist 46 Meter lang und elf Meter breit. Die neue Größe bringt einen weiteren Vorteil mit sich: Das Schiff kann mehr Pkw transportieren. 21 Mittelklassewagen können bislang mit an Bord. Künftig werden es bis zu 35 sein. Das neue Schiff wird vier Standspuren haben. Eine soll für Radfahrer reserviert sein, damit sich diese nicht wie jetzt im morgendlichen oder abendlichen Pendlerverkehr zwischen die Autos quetschen.
Der Betrieb der neuen Fähre wird wirtschaftlicher, weil mehr Fahrgäste mitgenommen werden können. Sie muss weniger hin- und herfahren. „Das spart schon mal Sprit“, bemerkt Jacob. Die Idee sei ursprünglich gewesen, mit Wasserstoff zu fahren. Aber diese Technik sei für Fährschiffe noch nicht verfügbar. Die neue Fähre wird diesel-elektrisch unterwegs sein. Zwei Generatoren mit einem Batterieblock speisen die Elektromotoren auf den Antrieben. „Das ist energiesparender“, erklärt der Chef der Fähr-GmbH. „Den Betriebsstrom, den wir fürs Schiff brauchen, erzeugen wir selbst.“
Topmodern und robust soll die neue Fähre werden. Die „Gerda“ war für ein Fahrplanangebot gebaut worden. Alle Viertelstunde rüber über den Rhein. Doch mit der nachwachsenden Nachfrage sei man zum Dauerbetrieb übergangen. Den würde das betagte Schiff nicht mehr lange mitmachen. „Die Instandhaltungskosten sind inzwischen enorm hoch“, sagt Jacob.
Um all die Ausstattungsmerkmale kennenzulernen, die man heutzutage an Bord brauche, und die beste Qualität dafür zu finden, sind er und seine Kollegen viel gereist. Zu anderen Fährgesellschaften etwa, die gerade ein neues Schiff gekauft hatten. Oder zu einem Polizeiboot auf der Donau, das mit einem effektiven Nachtsichtgerät und einer entsprechenden Scheinwerferanlage ausgestattet ist. „Unglaublich welch’ gute Sichtverhältnisse dadurch auch bei Nebel möglich sind. Für unser Schiff und unsere Fährführer unverzichtbar!“
Das neue Schiff mit allen Details zu planen, sei zwar anstrengend gewesen. Aber Jacob hat es Spaß gemacht. Aufreibender sei das Genehmigungsverfahren gewesen. Sprich: die Erlaubnis dafür zu erhalten, eine Fähre in der gewünschten Größe und mit den gewünschten Ausstattungsmerkmalen zu bauen. „Im Oktober 2019 hat unser Konzept gestanden und wir haben es beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt eingereicht. Nach komplizierten Verhandlungen haben wir im August 2021 einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss gefunden. Dann ging es an die Detailplanung.“
Eine Werft bei Bonn baut die neue Fähre
Die Lux-Werft in Niederkassel bei Bonn baut das Schiff. Für Jacob ein Segen. Ein deutsches Unternehmen und noch dazu relativ in der Nähe. Im vorgeschriebenen europäischen Ausschreibungsverfahren keine Selbstverständlichkeit. „Das macht die Kommunikation erheblich einfacher.“ Er freut sich, wenn das Schiff in den Rhein stechen kann. Im August/September 2025 soll das der Fall sein, wenn alles gut geht. Dann wird das Schiff auch ordentlich getauft. „Gerda“ war nur ein Kosename, offiziell hatte das alte Schiff einst gar keinen erhalten. Für die neue Fähre will sich die Mannschaft aber einen schönen Namen überlegen.
Wenn schließlich die Sektflasche am Bug zerschellt, kann Jürgen Jacob den dicken Aktenordner, den er jetzt noch durch die Gegend trägt, endgültig schließen. Noch ein Stück erleichterter als jetzt. „Dann ist alles gut.“