Otterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Eh-da-Flächen-Erfinder fordert Umdenken beim Naturschutz: Weg vom Ökopopulismus

Inmitten seines grünen Gartens vor einer wuchernden Brombeerhecke: Christoph Künast.
Inmitten seines grünen Gartens vor einer wuchernden Brombeerhecke: Christoph Künast.

Christoph Künast aus Otterstadt hat vor mehr als zehn Jahren die Eh-da-Flächen-Initiative ins Leben gerufen. Damit soll die Artenvielfalt gefördert werden. Der Biologe zieht jedoch eine kritische Bilanz und fordert ein Umdenken.

Christoph Künast ist ein Insektenfreund durch und durch. Im Garten des 75-Jährigen in Otterstadt kreucht, fleucht, summt und brummt es. Dem promovierten und habilitierten Biologen, der früher bei der BASF gearbeitet hat, geht es allerdings nicht unbedingt um Bienen, die im Fokus des öffentlichen Interesses stehen und mit zahlreichen Programmen gefördert werden, sondern um die „unbeliebten“ Tierchen wie Larven und Raupen. „Denn ohne Raupen gibt es keine Schmetterlinge, ohne Wildbienenbrut keine Wildbienen und ohne Käferlarven keine Käfer“, sagt der in Oberbayern aufgewachsene Künast. Worauf er hinaus will: Es müssen gewohnte und liebgewonnene Denkmuster verlassen werden, und es muss über den Tellerrand geschaut werden – weg vom Ökopopulismus, hin zu einem breit angelegten Naturschutz.

Der Otterstadter hat vor mehr als zehn Jahren mit einem Freund abends beim Rotwein eine Idee entwickelt, aus der die Eh-da-Flächen-Initiative hervorgegangen ist. Ziel dieser Initiative ist, dass Flächen, die jeder Ort hat – die eh da sind –, ökologisch aufgewertet und so zum Lebensraum für von Insekten und Tieren werden. Eh-da-Flächen können Straßenböschungen und Wegränder, Verkehrsinseln und Bahndämme sowie Deiche sein. Solche Flächen machten, regional unterschiedlich, zwischen zwei und sechs Prozent der Offenlandschaft Deutschlands aus, schätzt Künast.

Nicht schön fürs Auge, aber nützlich für Insekten

An der Eh-da-Initiative haben sich dem Otterstadter zufolge bundesweit bislang rund 100 Kommunen beteiligt. „Der Begriff hat super funktioniert“, sagt Künast. Er führt jedoch weiter aus, dass die anfängliche Begeisterung in vielen Kommunen abgeebbt sei. Er vermutet dafür zwei Gründe: zum einen die fehlende finanzielle Förderung und zum anderen die Unattraktivität der Flächen. Denn Eh-da-Flächen sind nicht unbedingt bunt blühende Blumenwiesen. Es sind „schlampig“ aussehende Bereiche, auf denen Totholz lagert und Brennnesseln wachsen. Das gefällt nicht jedem Bürger, und der Bürgermeister müsse sich häufig rechtfertigen, berichtet Künast von Erfahrungen.

Der Biologe will daher für die Bedürfnisse der scheinbar unattraktiven Tierchen und deren Lebensraum werben und kritisiert das Schubladen-Denken in Teilen der Bevölkerung und auf höheren Ebenen. Künast hat seinen Angaben zufolge mit seiner Initiative bereits beim Bundesamt für Naturschutz und der Leopoldina vorgesprochen. Die Leopoldina ist die Nationale Akademie der Wissenschaften, die Politik und Gesellschaft zu wichtigen Zukunftsthemen berät.

Er nahm aus den Gesprächen jedoch mit, dass deutscher Naturschutz bedeute, die traditionellen Naturlandschaften zu erhalten. „Eh-da-Flächen gehören nicht dazu“, sagt Künast. Seiner Meinung nach fokussierten sich der politische Naturschutz und die großen Naturschutzorganisationen zu sehr auf populäre Tiere wie Luchs, Biber und Wildkatze und fördere deren Ansiedlung durch breit angelegte Kampagnen. Naturschutz bedeute aber auch Rücksicht auf für das Ökosystem wichtige Kleinstlebewesen zu nehmen. Und dazu gehöre nun mal auch die nicht populäre graue Fliege, sagt der Otterstadter.

Es geht um mehr als nur Blüten

Christoph Künast hofft, dass ein breites Umdenken in der Bevölkerung stattfindet – weg vom „kampagnengetriebenen Naturschutz“ hin zum vollumfänglichen Artenschutz. Er ist nach eigener Aussage guter Dinge, dass das gelingt. Mit seiner Initiative, die er zusammen mit der gemeinnützigen Gesellschaft RLP AgroScience betreut, möchte Künast Vorreiter sein, um Biodiversität zu fördern. Dafür braucht es kombinierte Lebensräume, die „mehr als nur Blüten“ sind. Kombinierte Lebensräume bieten Insekten auf kurzer räumlicher Distanz unterschiedliche Habitate zum Nisten und Ernähren.

Der Otterstadter hat die Erfahrung gemacht, dass sich grundsätzlich viele Menschen für Biodiversität interessieren, aber viele nichts darüber wüssten. Es ginge darum, sich auch mit der kleinen Schmeißfliege auseinanderzusetzen, auch wenn man sie nicht mag, sagt Künast, beginnt zu lächeln und mit großen Augen zu erzählen, warum ihn diese kleinen Tiere so faszinieren. Wenn er Käfer, Fliegen und Bienen beobachte, tauche er in eine Welt ein, hinter der eine komplexe Lebensweise und Endlosigkeit stecke. „Wir wissen einiges über Insekten, aber über deren Vielfalt wissen wir wenig“, sagt der Biologe und beschreibt damit den Zauber, den die Insektenwelt auf ihn ausübt und den er gerne weitergibt.

Lesezeichen & Kontakt

  • Mehr Infos zu Eh-da-Flächen gibt’s im kürzlich im Verlag Dr. Friedrich Pfeil erschienen Buch „Eh da-Flächen – Mehr Lebensräume für Insekten“ von Christoph Künast, ISBN: 978-3-89937-281-6.
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