Kriegsgeschichten
Dieter Rauscher über Krieg, Vertreibung und seine Sportkarriere: Grenzen überwunden
Der Transport in den Eisenbahnwaggons mit den Holzsitzen, die von einer Dampflok gezogen wurde – das ist eine der wenigen Erinnerungen, die Dieter Rauscher noch an den Herbst 1946 hat, an die Vertreibung aus Sankt Joachimsthal im Kreis Karlsbad im damaligen Sudetenland. Zunächst ging es für ihn mit seiner Familie nach Druxberge in der DDR. „Wir mussten ganz kurzfristig unser Haus verlassen, durften nur mitnehmen, was wir so tragen konnten“, sagt der heute 78-Jährige – und weiß es gewiss von seiner Mutter. Mit ihr und den älteren Geschwistern Kurt und Ilse lief Dieter Rauscher über die Grenze nach Gottesgab.
1951 wurde die Familie in einer großen Fabrikhalle in Magdeburg einquartiert. Wieder sind Rauschers Erinnerungen eher schemenhaft: Petroleumgeruch, der die Luft schwängerte. Später wird er in eben dieser Halle ein Jahr lang Omnibusse reparieren. Dabei wusste er da schon, dass er andere Pläne hat. „Ich musste einfach immer draußen sein“, sagt Rauscher, „nach der Schule habe ich eine Gärtnerlehre gemacht, aber in dem Beruf habe ich nie gearbeitet.“
Beim Vater nachgefragt
Die Schulzeit war für Dieter Rauscher prägend. Der spätere Sportlehrer erzählt von seiner Biologielehrerin, die im Krieg auf einem Verbandsplatz in Russland eingesetzt war und gern erzählte, was dort alles passierte – und von den heldenhaften Sowjetsoldaten. „Ich dachte mir, warum erzählt sie das von Russland, wir sind doch hier in der DDR. Vielleicht hat sie damit etwas Traumabewältigung betrieben“, sagt Rauscher – und berichtete davon seinem Vater, der für das tschechoslowakische Militär in Russland kämpfte. „Dann hat er Kriegserlebnisse erzählt, und ich habe gemerkt, dass er dabei auch losgeworden ist, was ihn immer verfolgt hat“, sagt Rauscher. „Er hat erzählt, wie die Russen praktisch in den Tod geschickt wurden. Die konnten ja nicht zurück. Er hat nicht gewusst, dass hinter denen die Kommissare gestanden und sie immer nach vorn getrieben haben.“
In Magdeburg erlebte Rauscher 1953 einen Aufstand der Arbeiter. Der Protestmarsch lief an der Schule vorbei, der Unterricht war vorüber, und seine Mutter hatte im West-Rundfunk von dem Streik gehört. „Die Arbeiter kamen Richtung Polizeipräsidium und Justizpalast, drei Häuser davor wohnten wir“, erzählt er. Der Justizpalast sei gestürmt worden, einige der dort kasernierten Volkspolizisten mit Karabinern seien überrannt worden. „Dann kamen Panzer der in Magdeburg stationierten russischen Garnison, die haben die Leute auseinandergetrieben.“
Durch seinen Sportlehrer in der Magdeburger Schule gewann Rauscher Interesse an seinem späteren Beruf. Doch auch als aktiver Athlet war er erfolgreich. Seine Laufbahn begann er 1956 als Ringer, ein Jahr später wechselte er zum Gewichtheben – und seine Leistungskurve verlief relativ schnell steil nach oben. Sport wurde in der DDR stark gefördert, dazu musste man aber in einem Sportverein sein, der Kaderstellen zu vergeben hatte. Für Gewichtheber gab es das in Magdeburg nicht.
Rias als Draht in den Westen
Der Trainer eines privaten Sportclubs, der Kaderstellen zu vergeben hatte, holte ihn 1958 nach Ostberlin. 1960 wurde Rauscher erstmals DDR-Juniorenmeister im Federgewicht. Rauscher bekam eine Unterkunft und dreimal wöchentlich einen Halbtagsjob. Mit dem konnte er seinen Amateurstatus erhalten, was wichtig für die Förderung war. Auf dem Weg zum Trainingslager in Kyritz an der Knatter sah er 1961, wie täglich ein weiteres Stück Grenzanlage entstand. Nach Westberlin zeigende Fenster wurden zugemauert. Über den westdeutschen Radiosender Rias Berlin erfuhr er, dass Menschen aus Fenstern sprangen, um in den Westen zu gelangen. Traurig war für Dieter Rauscher, dass ein Kollege beim Versuch, durch die Spree nach Westberlin zu schwimmen, erschossen wurde. „Das war schon interessant, was die für einen Aufwand betrieben, uns einzusperren“, sagt er nachdenklich.
Damals gab es bei Olympischen Spielen noch eine gesamtdeutsche Mannschaft. Die Ausscheidungen für 1964 in Tokio fanden in Mannheim statt. Er hatte seinen Bruder Kurt, den es nach Essen verschlagen hatte, darüber informiert – und glücklicherweise wurden die Briefe nicht abgefangen. „Ich wollte im Westen bleiben“, sagt Rauscher. „Mein Bruder holte mich von meinem Hotel an der Augustaanlage ab. Ich hatte vorher in der Nähe ein Fahrzeug mit DDR-Kennzeichen gesehen und vermutete, dass wir beobachtet wurden. Deshalb fuhren wir nicht nach Essen, sondern zu Verwandten in Stuttgart und Ellwangen.“ Tatsächlich: Drei Tage später erfuhr Rauscher, dass in Mannheim drei Männer nach ihm gefragt hatten – Stasi-Leute. Dass ihr Sohn übergelaufen war, erfuhr Rauschers Mutter aus der Tagesschau. Schlagzeilen wie „Zonen-Heber Rausch geflüchtet“, „Nur ein Zonenheber nach Tokio – einer flüchtete“ folgten.
1966 heiratete Rauscher seine Frau Monika, 1967 zogen beide in die Pfalz nach Mutterstadt, wo es damals einen der erfolgreichsten Vereine Deutschlands im Gewichtheben gab. Der Lohn: Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt. Bis 2002 arbeitete Dieter Rauscher im Schuldienst, seit 1984 lebt er in Limburgerhof. Manchmal denkt er noch an die Vertreibung aus dem Sudetenland und das Leben in der DDR. Dann wird er auch ernst und nachdenklich. Aber er hat für sich das Beste aus jeder Situation gemacht.
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