Pirmasens
Warum Wissenschaftler an der Hochschule Algen untersuchen
Die neuen Anlagen sind der nächste Schritt auf dem Weg zum Ziel, das unter anderem lautet: Kohlendioxid im industriellen Maßstab zum Beispiel aus Blockheizkraft- oder Zementwerken zu fixieren, damit es nicht mehr in die Atmosphäre gelangt. An der Hochschule in Pirmasens setzen Biologe Michael Lakatos und sein Team dabei auf Algen, genauer gesagt auf Cyanobakterien. Die Arbeit der Pirmasenser Forscher hat ein Fernsehteam ein Jahr lang begleitet.
Integrative Biotechnologie heißt der Hochschulbereich, für den Lakatos verantwortlich zeichnet. Das neue Labor bietet nun Platz für die Forschung, die in der Biotechnologie-Offensive des Landes Rheinland-Pfalz ein wichtiger Ansatz ist. Mit 400.000 Euro hat das Wissenschaftsministerium die Laborräume gefördert.
Früher Umkleide, heute Labor
Die Räume dienten einst als Umkleide in der amerikanischen Schule. Längst ist moderne Technik in die neu gestalteten Räume eingezogen, in denen auch die große Algensammlung zu finden ist. Hochauflösende Kameras, die mit bis zu tausendfacher Vergrößerung die isolierten Cyanobakterien erfassen können, oder ein Fluoreszenzmikroskop gehören zur Ausstattung. In den neuen großen Bioreaktoren verrichten die Algen ihre Arbeit, aus der die Forscher ihre Schlüsse ziehen.
Ein Bereich, in dem den Cyanobakterien eine zukunftsweisende Rolle zukommen könnte, ist die Medizin. Aktuell wurden in Zusammenarbeit mit Kollegen von der TU München zwölf Cyanobakterienarten untersucht. „Fast alles neue Arten aus verschiedenen Regionen der Erde“, erzählt Patrick Jung, der ein dreijähriges Forschungsprojekt in Pirmasens verantwortet. In München wurde festgestellt, dass die untersuchten Bakterien extrem gut Selteneerden-Metalle binden können. „Seltene Erden spielen in der Elektronik eine sehr große Rolle“, sagt Jung. Oder eben in der Medizin. Um ein MRT (Magnet Resonanz Tomographie) zu erstellen, das benötigt wird, um Gewebe und Organe untersuchen zu können, wird ein Kontrastmittel gespritzt. Dieses Kontrastmittel enthält seltene Erden, die bislang nach dem Einsatz verloren waren. Das Kontrastmittel und damit die Metalle werden auf natürlichem Wege aus dem Körper ausgeschieden und landen in der Kläranlage. Selbst moderne Kläranlagen können die Metalle nicht herausfiltern. Aber untersuchte Cyanobakterien können das, indem sie die Metalle an sich binden. Das eröffnet neue Recycling-Perspektiven, skizziert Jung eine von unzähligen Entwicklungsmöglichkeiten.
Wieder andere Cyanobakterien sind in der Lage eine Art Bio-Kunststoff zu produzieren. Daraus lassen sich selbst zersetzende Nähte herstellen, die bei Operationen zum Einsatz kommen können. Eines von mehreren Forschungsprojekten, an denen in Pirmasens gearbeitet wird.
TV-Team war in Spanien dabei
Grundlagenforschung wird hier betrieben. „Wir schauen zum Beispiel, welche Cyanobakterien diese Biokunststoffe am besten produzieren und unter welchen Bedingungen sie das tun“, erläutert Lakatos. Dazu werden die Bioreaktoren benötigt, in denen zum Beispiel die Lichtmenge oder die Temperatur verändert werden können.
Lakatos und Jung begeben sich dazu weltweit auf die Suche nach Cyanobaktierien, die in unterschiedlichsten Lebensräumen vorkommen. Zum Beispiel in der Atacama-Wüste in Chile oder in spanischen Höhlen. Alles besondere Lebensräume. Nach Spanien hat das Fernsehteam die Forscher aus Pirmasens begleitet.
In Pirmasens werden die gefundenen Algen untersucht. Unterm Mikroskop und molekulargenetisch. Es wird geschaut, ob und wenn ja welche Algenstämme miteinander in einer verwandtschaftlichen Beziehung stehen. Es werden Stoffwechselaktivitäten betrachtet und es wird untersucht, ob sie neue Wirkstoffe produzieren. Es wird geprüft, ob sie einen neuen Stoffwechselweg haben, den andere Arten nicht haben. „Die interessantesten Stämme ziehen wir dann groß für Untersuchungen, oder um zum Beispiel Pigmente, Biokunststoffe oder Polysaccharide zu isolieren“, sagt Lakatos. Mit diesen sollen im kommerziellen Bereich neue Anwendungsgebiete erschlossen werden, die ein Ziel haben: wirklich nachhaltige Produkte herzustellen.
TV-Tipp
Das Team von „made in Südwest“ hat die Pirmasenser Wissenschaftler ein Jahr lang begleitet. Die Sendung wird am Mittwoch, 24. Mai, um 18.15 Uhr im SWR ausgestrahlt.