Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Warum ein RHEINPFALZ-Redakteur seine Zeit in Pirmasens geliebt hat

Von Links: der frühere RHEINPFALZ-Mitarbeiter Wolfgang Gütschow, Horst Konzok, Hartmut Rodenwoldt.
Von Links: der frühere RHEINPFALZ-Mitarbeiter Wolfgang Gütschow, Horst Konzok, Hartmut Rodenwoldt.

Pirmasens und ich: Großmannsgehabe, Bauernschläue und ein wachsendes Prekariat. So hat unser Autor Pirmasens und die Südwestpfalz in der 80er Jahren erlebt. Vor ein paar Jahren war er noch mal hier: sittlich gereift und moralisch gefestigt.

Jetzt darf ich’s ja sagen, es ist verjährt: Zu Beginn der 80er Jahres des vorigen Jahrhunderts galt die Ausbildungsstation Pirmasens den RHEINPFALZ-Volontären als Strafexpedition. Die Stadt ist als unattraktiv, Redaktionsleiter Gerhard Specht als – sagen wir milde – nicht ganz einfach beschrieben worden.

Alles Quatsch. Ich habe es geliebt in Pirmasens. Der Redaktionsleiter war ein großer Lehrmeister. Und die Stadt war ein ganz eigener, spannender Kosmos. Anders als der in der Industriestadt Ludwigshafen. Oder als der an der Weinstraße.

Allgegenwärtig die „Amis“ aus der Husterhöh-Kaserne. Kalter Krieg. Der FK Pirmasens will in die Zweite Liga. Großmannsgehabe. Die Kneipe „Zaunkönigs Horebschloss“ ist mehr als eine Tränke. Kult. Die Schuhindustrie liegt am Boden. Bitter. Die RHEINPFALZ druckt eine Serie über die 35-Stunden-Woche. Beeindruckender Journalismus in der Provinz. Lange Abende in der Redaktion, an denen auch mal ein Anruf des Ehemanns einer Angestellten im Schuhversand zur schlimmen Ausbeutung am Arbeitsplatz beantwortet werden muss. Deprimierend.

Gerüchteküche: Heißer Konkurs?

Internationales Jugend-Tennisturnier um den „Goldenen Schuh“. Bei einem Endspiel bringt mir RHEINPFALZ-Fotograf Kurt-Udo Stretz die Zuschauer auf der Tribüne näher. Einige der oberen 300 der Stadt geben sich die Ehre. Nebenbei berichtet Stretz, man erzähle sich, die Feuerwehr soll damals zu vielen Bränden in (Schuh-)Betrieben ausgerückt sein. Mhh … heißer Konkurs? Gerüchteküche.

Das Prekariat wächst. Folgen des Niedergangs. Wiederkehrende Berichte, wonach die Stadt relativ zur Bevölkerungsgröße die höchste Millionärsdichte in Deutschland hat. Widersprüchlich.

Es heißt, beim FK Clausen buddeln sie ein Loch in den Rasenplatz, um den Ballstreichlern des 1. FC Saarbrücken auf dem ungeliebten Hartplatz trotzen zu können. Lustige Bauernschläue. Schlechtrednerei, wo man hinhört. Hochfrequenzjammern. Klatsch und Tratsch und Müßiggang im Tchibo in der Fußgängerzone. Heitere Momente. Rodalber heißen „Hundefresser“. Lustig. Der Arbeitsamtschef sagt sinngemäß: Wer hier Abitur hat, ist überqualifiziert. Stimmt nachdenklich. Die Bürgerinitiative kämpft gegen die Müllverbrennungsanlage, mittendrin ein Unternehmer. Unerwartet. In der damals tiefrabenschwarzen Region Hauenstein etablieren sich Grüne. Mutig. Gelage im „Knossos“. Wirt Dimitri staunt. Wunderbar.

Ja, es war gelegentlich bedrückend und widersprüchlich. Aber es hat richtig Spaß gemacht in diesem sehr eigenen Kosmos Pirmasens. Es war erfüllend.

Jahre später war ich wieder da, inzwischen sittlich gereift und moralisch gefestigt. Vieles ist anders. Kleine Firmen statt Soldaten auf dem Gelände der Husterhöh-Kaserne. Geschäftsräume und Dynamikum im früher leerstehenden Rheinberger-Gebäude. Industriegelände statt Fußballstadion an der Zweibrücker Straße. Forum Alte Post. Neu gestalteter Bahnhof. Schöne Gärten in den Wohngebieten von Waldfischbach-Burgalben, Clausen, Donsieders, Rodalben, Fischbach oder Ludwigswinkel. Autos stehen vor der Tür. Relativer Wohlstand. Aus vielen Dörfern Brandenburgs oder Mecklenburg-Vorpommerns dagegen ist das Leben längst unbekannt verzogen.

Die Transformation ist ein schwieriges, überaus zähes Geschäft. Aber es hat sich was getan in Pirmasens.

Vor allem aber meine ich festgestellt zu haben: Es hat im Vergleich zu den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts bei manchen Pirmasensern einen Bewusstseinswandel gegeben. Ich treffe viele Beweger. Sie nehmen die durchaus schwierige Lage nicht als schicksalhafte Fügung hin. Sie wollen Trampelpfade verlassen und nach grüneren Ufern suchen. Gefällt mir!

Zum Autor

Hartmut Rodenwoldt war von 1984 bis 1985 RHEINPFALZ-Redakteur in Pirmasens. Nach einer Station im Ludwigshafener Mutterhaus zog es ihn 1989 bis 1993 als Auslandskorrespondent ins südliche Afrika. Danach Politikredakteur in Ludwigshafen, seit 2004 Korrespondent der RHEINPFALZ in Berlin.

Von links: Sekretärin Renate Freyer, Hartmut Rodenwoldt, Gerhard Specht, Sekretärin Doris Preißer, Redakteurin Martina Schorn, R
Von links: Sekretärin Renate Freyer, Hartmut Rodenwoldt, Gerhard Specht, Sekretärin Doris Preißer, Redakteurin Martina Schorn, Redakteur Peter Thiessen.
Hartmut Rodenwoldt
Hartmut Rodenwoldt
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