Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Neue Erkenntnisse: Zwangsarbeiter halfen in der Schuhproduktion

283 Zwangsarbeiter waren in der Schuhfabrik Rheinberger eingesetzt, ein Teil davon wohnte unter dem Dach der Fabrik in der Schac
283 Zwangsarbeiter waren in der Schuhfabrik Rheinberger eingesetzt, ein Teil davon wohnte unter dem Dach der Fabrik in der Schachenstraße.

3500 Zwangsarbeiter waren im Krieg in Pirmasenser Betrieben eingesetzt. Lager sollen auf dem Horeb, am Eisweiher oder in den Vororten beispielsweise in Gersbach zu finden gewesen sein. Der Vortragsabend im Carolinensaal mit neueren Erkenntnissen zu dem großen Lager Biebermühle hat die Zuhörer aufgewühlt. Über ein Dutzend Zeitzeugen meldete sich.

„Jeder hatte es gesehen und viele haben davon profitiert“, meinte Christian Decker vom Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde (IPGV) und Zentralarchiv des Bezirksverbandes am Mittwoch im voll besetzten Carolinensaal zu den Zwangsarbeiterlagern in Deutschland und speziell in der Pfalz. Der Wissensstand sei jedoch bescheiden, da viele Unterlagen verloren gingen. Teilweise durch schlampige Aufbewahrung wie die Krankenversicherungslisten der AOK oder durch Bombenangriffe, wie die gesamte Verwaltung des Durchgangslagers (Dulag) Biebermühle. Decker beklagte, dass viel zu spät mit näheren Recherchen zu den Lagern in der Pfalz begonnen wurde. Viele Zeitzeugen oder gar Insassen der Lager lebten nicht mehr.

Auslöser für das jetzige Forschungsprojekt war ein Bericht in der RHEINPFALZ im Jahr 2021, auf den hin sich einige Zeitzeugen meldeten. Ulrich Burkhart vom Zentralarchiv des Bezirksverbands hofft auf Akten in Archiven in Paris, die auf einen Befehl der französischen Besatzungstruppen im Dezember 1945 zusammengetragen wurden und hoffentlich bald von den drei Forschern des Bezirksverbands eingesehen werden können.

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Eine Aufnahme des Lagers Biebermühle aus den Jahren 1942/43.
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Weitere Lager auf der Biebermühle

Nach dem jetzigen Stand gab es auf der Biebermühle nicht nur das Dulag sondern noch vier weitere Lager für Landwirtschaftsarbeiter aus Polen und Russland, Arbeitern der Reichsbahn oder einem Speziallager für die Rheinischen Lederwerke. Die ersten Lagerinsassen dürften laut Burkhart im Frühjahr 1942 eingetroffen sein. Für das Personal bediente sich das Pirmasenser Arbeitsamt als Träger des Lagers meist linientreuer Nazis. „Üble Schergen“ müssen das gewesen sein, meinte Burkhart.

Das Dulag war nicht nur Durchgangsstation für Zwangsarbeiter, die später auf die ganze Pfalz, das Saarland und Luxemburg verteilt wurden. Dort befand sich eine Krankenstation mit 110 Betten, um kranke Zwangsarbeiter zu isolieren. Ein Teil soll ein „Sterbelager“ gewesen sein. Wobei die Arbeiter nicht immer an Krankheiten wie Fleckfieber oder Tuberkulose starben. Viele dürften ausgemergelt oder nach einem Arbeitsunfall verstorben sein, schätzt der Historiker. „Die waren fertig und ausgelaugt“, so Burkhart in Bezug auf Arbeiter, die im Bergbau und Eisenwerken im Saarland malochten und zum Sterben zur Biebermühle zurückkamen.

Unterhemden aus Kartons

Außerdem gab es in dem Lager eine Station für Geburtshilfe und Abtreibung. Schwangere Arbeiterinnen konnten nicht mehr in vollem Umfang eingesetzt werden, weshalb in einigen Fällen die Abtreibung für die Produktivität der bessere Weg war. Eine weitere Krankenstation gab es mit ebenfalls 110 Betten in Waldfischbach-Burgalben.

Die Zustände im Lager beschreiben Tagebucheinträge griechischer Zwangsarbeiter, die berichteten, dass die Arbeiter keine neuen Kleider bekamen, sondern in den Lumpen leben mussten, die sie bei ihrem Abtransport hatten. Unterhemden bastelten sie sich beispielsweise aus Kartons. Gelobt wurde von den Griechen, dass es „echte Betten und Decken“ gegeben habe. Die Brotration von 200 Gramm pro Tag mit wässriger Suppe hätten sich acht Insassen teilen müssen.

Wer die Strapazen nicht überstand, kam auf den Friedhof neben dem Lager, in dem neben vielen Einzelgräbern auch zwei Massengräber nach dem Krieg gefunden wurden. Die Toten wurden auf einen Ehrenfriedhof bei Mainz umgebettet. Die polnischen Insassen wurden auf dem Friedhof Donsieders bestattet.

283 Zwangsarbeiter bei Rheinberger

Heike Wittmer vom Pirmasenser Stadtarchiv, die Mitveranstalterin des Abends war, berichtete über ihre Erkenntnisse zur Zwangsarbeit bei der Firma Rheinberger. Dort seien insgesamt 283 Zwangsarbeiter aus Frankreich, Belgien, Ukraine, Russland, Italien und Norwegen eingesetzt worden. Die Menschen seien unter anderem im Dachgeschoss der Fabrik in der Schachenstraße, sowie in Baracken und einem Haus in der Fröhnstraße untergebracht worden. Laut Wittmer sei es den Zwangsarbeitern bei Rheinberger gut ergangen. Zu gut, nach Meinung der Nazi-Oberen, die Gustav Rheinberger deshalb einmal sogar eingesperrt hätten. Rheinberger stand unter Aufsicht der Deutschen Arbeitsfront und habe sich an Auflagen halten müssen. Die meisten Arbeiter bei Rheinberger seien jedoch Deutsche gewesen. Nur 15 Prozent seien aus den Lagern gekommen, so Wittmer.

Der Vortragsabend endete mit zahlreichen Meldungen von Besuchern, die über eigene Erlebnisse als Kind mit Zwangsarbeitern berichteten, wie eine Frau aus Thaleischweiler-Fröschen, deren Eltern auf dem eigenen Hof zwei Russen beschäftigten. Laut der Frau hätten die Russen am Tisch mit der Familie gegessen, was offiziell verboten war, aber nach Erkenntnissen von Burkhart gerade auf Bauernhöfen doch praktiziert wurde. Der Spruch „Wer auf meinem Hof schafft, isst auch bei mir am Tisch“ habe bei vielen mehr gegolten als die Nazipropaganda. Die Frau konnte ein Spielzeug aus Holz präsentieren, das ihr ein Arbeiter gefertigt hatte.

Spielzeug als Tauschgegenstand

Ein Pirmasenser konnte ein anderes Spielzeug aus Holz zeigen, das seine Eltern als Tauschgeschäft von Zwangsarbeitern aus einem Lager am Horeb bekamen. Die Insassen fertigten die gegen Ende des Krieges raren Spielzeuge und bekamen von den Pirmasensern im Tausch Lebensmittel. Ein anderer Zuhörer überbrachte den Historikern einen ganzen Umschlag mit Dokumenten seiner Schwiegermutter, die als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam und blieb. Gerade Menschen aus der Sowjetunion versuchten sich nach dem Krieg um die Rückführung zu drücken, da sie in der Heimat ein neues Arbeitslager erwartete. Wer für die Deutschen gearbeitet hatte, galt als Verräter, auch wenn er dazu gezwungen worden war.

Kontakt

Die Mitarbeiter des Projekts „Zwangsarbeit in der Pfalz 1939 bis 1945“ stehen per E-Mail (forschung-zwangsarbeit@bv-pfalz.de) oder unter der Telefonnummer 0631 3647-304 zur Verfügung.

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