75 Jahre „Pirmasenser Rundschau“
Als die Stadtwerke ihr Gas noch selbst produzierten
Es war ein dreimonatiger Kraftakt. 1972 sorgte die Umstellung von selbst produziertem Stadtgas auf Erdgas in Pirmasens für Diskussionen. Kohlehändler verteilten Flugblätter und warnten vor Sowjetgas. Die Stadtwerke versicherten, dass allein in Deutschland genug Erdgas zu finden sei. Die Gasvorratstürme in Gasstraße und Simter Straße wurden abgebaut.
Die Geschichte der Stadtwerke beginnt 1874 mit einer eigenen Gasproduktion auf dem Gelände, wo heute die Feuerwache zu finden ist. Gas für die Beleuchtung war nötig, da die Schuhfabrikanten auch gerne abends arbeiten lassen wollten. Im Kerzenschein ließ sich schlecht Schlabbeflicken. Die Lösung versprach die Kohlevergasung mit viel Hitze unter Luftabschluss. Aus der Kohle konnte so ein energiereiches Gasgemisch aus viel Wasserstoff, Methangas, Stickstoff und Kohlenmonoxid gewonnen werden. Koks, Teer und Öle blieben übrig. Der Koks ließ sich gut verkaufen und das Stadtgas sorgte für Helligkeit auf Straßen und in Fabrikhallen. Wegen des vielen Kohlenmonoxids darin kam es allerdings immer wieder zu Unfällen mit Vergiftungstoten.
Luftqualität leidet
Die Pirmasenser Luftqualität wurde durch das Gaswerk in relativer Innenstadtnähe garantiert nicht besser. Tonnenweise wurde dort täglich die Steinkohle in die Öfen geschüttet, um die ständig steigende Gasmenge zu produzieren. Das ging bis in die 1960er Jahre, als mit rund 10 Millionen Kubikmetern Stadtgas der Höhepunkt erreicht wurde. Der ständig steigende Bedarf konnte nicht durch Eigenproduktion gedeckt werden. Die Idee einer Ferngasleitung von Homburg nach Pirmasens, die schon 1942 erwogen worden war, wurde umgesetzt und Pirmasens an das Erdgasnetz angeschlossen. Das Stadtgas aber weiterhin für Bedarfsspitzen produziert. Ein weiterer Grund für den Umstieg, war der schwierigere Absatz für Koks.
Die Umstellung der ganzen Stadt auf das energiereichere Erdgas war eng verbunden mit dem damaligen Stadtwerke-Direktor Willy Leonhardt. Der Ludwigshafener arbeitete bis 1979 in Pirmasens und hatte wegen des Gasprojekts den Spitznamen „Erdgas-Willy“ in der Bevölkerung. „Die Versorgung mit Erdgas ist auf lange Sicht gesichert“, beteuerte Leonhardt 1972 in der RHEINPFALZ. Allein in Deutschland würden jedes Jahr mehr neue Erdgasfelder entdeckt, als man durch den steigenden Verbrauch benötige. Zu 70 Prozent kam das Gas für Pirmasens aus Hengslage bei Bremen und der Rest aus Groningen in den Niederlanden. Später könnten Gasfelder in Algerien liefern.
Russisches Gas habe in Deutschland keine Bedeutung, betonte Leonhardt. Dabei bezog die Ruhrgas AG damals schon einige Milliarden Kubikmeter aus der Sowjetunion, worauf die Pirmasenser Kohlen- und Heizölhändler in selbst produzierten Flugblättern hinwiesen. „Sichere Wärme auch bei außergewöhnlicher Kälte“ warben die Kohle- und Ölhändler für Kohlen im Keller und Heizöl im Tank statt dem unsicheren Gas aus Sibirien.
Solche Diskussionen mochte Willy Leonhardt nicht gerne führen, stand doch die Umrüstung tausender Stadtgasöfen auf Erdgas an. Bei vielen reichte es, die Düsen zu verändern. Viele mussten jedoch ganz gegen so genannte Allgasgeräte ausgetauscht werden. 23.000 Geräte sollen es in Pirmasens gewesen sein, die möglichst in kurzer Zeit umgerüstet werden sollten. Die Deutsche Ofenbaugesellschaft schickte einen Trupp von 40 Mann nach Pirmasens. Leonhardt ließ die Stadt in zwölf Bezirke einteilen, von denen jede Woche ein anderer umgestellt wurde. Dazu kamen Anpassungen und neue Hochdruckleitungen im Stadtgebiet.
Im August 1972 war es dann soweit. Oberbürgermeister Karl Rheinwalt entzündete auf dem Messevorplatz die Erdgasflamme und die Stadtwerke luden zu einem Bier ein. Tausende feierten mit.
„Erdgas Willy“ wird Umweltminister
Leonhardts erfolgreiche Arbeit in Pirmasens blieb nicht unbemerkt. Der damalige Saarbrücker Oberbürgermeister Oskar Lafontaine holte den Pfälzer nach Saarbrücken, wo er die dortigen Stadtwerke und andere Gesellschaften leitete, um schließlich bis zum saarländischen Umweltminister aufzusteigen.
Keine Pläne für neue Gasspeicher
Mit der Umstellung waren auch die Tage der Gasspeicher in Pirmasens gezählt. Der 1904 erbaute Gasometer an der Gasstraße wurde gleich nach der Umstellung abgebaut. Die Reparatur hätte 20.000 Mark gekostet, was den Stadtwerken damals zu viel war. An der Simter Straße stand später noch bis 1994 der erst 1954 gebaute Gasspeicher, der 6000 Kubikmeter Gas fassen konnte, was nicht viel ist in Anbetracht des heute bei mehr als 30 Millionen Kubikmeter Gas liegenden Gesamtverbrauchs von Pirmasens.
Pläne für neue Gasspeicher hegen die Stadtwerke aktuell trotz des drohenden Gasboykotts nicht, wie Kati Miersch, Sprecherin der Stadtwerke, versichert. Auch zur Pufferung von Preisspitzen sei nicht daran gedacht, einen neuen Gasspeicher zu bauen. Solche Anlagen seien in den vergangenen Jahren im kleinen Maßstab unwirtschaftlich geworden.
