Ukraine-Netzwerk RHEINPFALZ Plus Artikel Sie hilft Geflüchteten, eine Bleibe zu finden

Yuliya Yaroshenko hält beim Ukraine-Netzwerk die Fäden in der Hand, wenn es um die private Unterbringung von Geflüchteten aus de
Yuliya Yaroshenko hält beim Ukraine-Netzwerk die Fäden in der Hand, wenn es um die private Unterbringung von Geflüchteten aus der Ukraine geht.

Den Kopf in den Sand stecken, das gibt es für Yuliya Yaroshenko nicht. Über 60 Geflüchteten aus der Ukraine hat sie bereits private Unterkünfte in Neustadt vermittelt. Sie weiß: Beim Flüchten und Ankommen sind oft die kleinen Hilfen wichtig.

Yuliya Yaroshenko hat es längst aufgegeben, Nachrichten zu schauen. Zu schrecklich sind die Bilder aus ihrer Heimat. „Würde ich das tun, ich wäre nur noch gelähmt“, sagt die 37-Jährige, die 1997 im Alter von 13 Jahren mit ihrer Familie aus Charkiw nach Deutschland kam. Jener Millionenstadt, die bereits zu Beginn des Kriegs Ende Februar zum Angriffsziel des russischen Militärs geworden ist. Nur wenn etwas ganz Wichtiges passiert, möchte sie von Freunden und Familie informiert werden.

Gelähmt sein ist das Letzte, was sie will. Denn Yuliya wird gebraucht. Von ihrer Tochter, aber auch von so vielen Menschen, die sie zum Teil noch nicht einmal persönlich kennt. Was daher rührt, dass die Ukrainerin Flüchtenden auf ihrem Weg nach Neustadt beisteht. Per Telefon und Whatsapp. Um sie dann in privaten Unterkünften unterzubringen. Während des Gesprächs mit der RHEINPFALZ linst sie kurz auf ihr Handy, entschuldigt sich, weil sie eine Familie darüber informieren muss, welcher Zug in Frankfurt sie in die Vorderpfalz bringt.

Wie ein kleines Unternehmen

Yuliya ist die Hauptbetreuerin im Ukraine-Netzwerk Neustadt. Sie weiß, dass es oft kleine Hilfen sind, die für Menschen auf ihrem Weg vom Kriegsgebiet in Sicherheit wichtig sind. „Ich bin nicht nur Dolmetscherin“, stellt sie klar. Es geht auch darum, Kontakt zwischen Gastgebern und Gästen – den Geflüchteten – herzustellen, psychologische Hilfe zu leisten für die zum Teil traumatisierten Ankömmlinge. Und darum, die Kooperation zwischen Netzwerk und Akteuren wie Stadt, Ärzten, Schulen, Kultur- und Sporteinrichtungen auszubauen.

Ihr Kopf ist voll mit Terminen, mit tausend Dingen, an die sie denken muss. „Am liebsten ist es mir, ich kann Aufgaben sofort erledigen“, sagt sie. Listen schreiben, wie früher, lässt sie mittlerweile sein. Dafür hat sie ihr Smartphone. Mittlerweile pflegt das Ukraine-Netzwerk eine Datenbank, die genau auflistet, wer wo untergekommen ist, wer eine Bleibe sucht, wer etwas anbietet. Strukturen schaffen stand bei der spontanen Gründung von Anfang an mit ganz oben auf der Liste der Ehrenamtlichen. „Mittlerweile funktionieren wir wie ein kleines Unternehmen“, sagt die 37-jährige Mitgründerin.

Zeit und Geld knapp

Noch bevor das Netzwerk gegründet wurde, hat Yuliya humanitäre Hilfe geleistet: Sie packte ihr Auto mit Einkäufen voll und fuhr los zur Grenze. „Aber nach zwei Tagen habe ich gemerkt, wie sehr es mich erschöpft und dass ich dadurch keine Zeit mehr für meine Tochter habe.“ Zeit, das betont sie mehrfach, ist eine sehr knappe Ressource, gefolgt von finanziellen Mitteln. Während Corona hat sie den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, berät Unternehmen in Sachen Marketing und Digitalisierung.

Klar sei es schwierig, das alles unter einen Hut zu bekommen, einige Projekte musste sie verschieben. Doch auch und gerade in schwierigen Zeiten bleibt die 37-Jährige positiv, achtet auf sich und darauf, vor allem dann zu arbeiten, wenn ihre Tochter in der Kita oder im Bett ist. „Ohne meine Schwägerin, die mit ihrer Tochter aus der Ukraine zu mir geflüchtet ist, würde ich das auch nicht schaffen“, ist sich Yuliya sicher. Eine große Hilfe sei auch das von Stadtmobil Rhein-Neckar zur Verfügung gestellte Auto, das sie noch bis Ende Mai kostenfrei nutzen darf.

Netzwerk sucht Betreuer

Als großen persönlichen Erfolg verbucht sie, die Idee dazu gehabt zu haben, dass die Züge, die zuvor Flüchtlinge nach Deutschland gebracht haben, nicht leer, sondern mit Spenden beladen wieder zurück in die Ukraine fahren. Einige Gespräche mit Behörden und Freunden in der Heimat waren nötig, bis das Ganze umgesetzt wurde.

Eine der größten Aufgaben ist es nun, den Ankömmlingen Sprachkurse anzubieten. Dafür hat Yaroshenko den Kontakt zu einer Dozentin vom Goethe-Institut in Kiew hergestellt. Für 28 Euro könnte eine Person drei Mal pro Woche einen Monat lang Sprachunterricht bekommen, jeweils zwei Stunden am Stück. Auch das Thema Jobeinstieg werde immer wichtiger: „Kleinere Nebenjobs in Weingütern, der Gastronomie oder bei Frisören konnten wir bereits vermitteln.“ Auch Pflegekräfte und Menschen aus dem pharmazeutischen und dem Hospizbereich seien unter den Geflüchteten und hofften auf Arbeit. „Schließlich wollen sie nicht untätig sein, bis sie hoffentlich bald zurück können, um unser Land wieder aufzubauen.“

Das Netzwerk sucht dringend Betreuer aus der Vorder- und Südpfalz, vor allem welche, die ukrainisch oder russisch sprechen und übersetzen können. „Wir erwarten nicht, dass sie so flexibel sind wie ich, aber wer etwas tun möchte, ist willkommen“, sagt Yuliya. Außerdem wird Geld für Bücher und Sprachbücher benötigt.

Info

  • Gäste aus der Ukraine, die eine Betreuung und/oder eine Unterkunft suchen, können sich per E-Mail an gast@ukraine-neustadt.de wenden
  • Geldspenden für Bücher und Sprachkurse an „Selino“-Völkerverständigungs-und Kulturförderverein, IBAN DE71 5465 1240 0005 5555 86, Betreff Bücherspende, weitere Infos dazu unter spenden@ukraine-neustadt.de
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