Neustadt
Pfefferminzbähnel: Tragödien, Unglücke und ein Igel
Wie eine zusammengeschobene Spielzeugeisenbahn wirkt das entgleiste Gäubähnel auf dem Foto von 1905. Der Unfall unweit von Schwegenheim forderte einen Toten. „Die Strecke macht an der Unglücksstelle eine etwas starke Biegung und der als Zugführer funktionierende Wagenwärter Richard Gruber, der sich auf dem ersten Wagen befand, scheint die Bremse etwas zu scharf bedient zu haben“, heißt es in einem Bericht aus „Die Geschichte des Pfefferminzbähnels“ von Hans-Ulrich Kroszewski.
Zum Glück war der Zug langsam unterwegs gewesen, sonst hätte es mehr Verletzte gegeben. Denn auf dem aus Speyer kommenden Bähnel befanden sich rund 40 Bahnarbeiter. Alle bis auf einen blieben unverletzt. Wagenwärter Richard Gruber wurde bei dem Unfall vom Transportwagen geschleudert und unter der Maschine begraben. Er war sofort tot.
1905: erste Fahrt
Das Unglück ereignete sich während der Bauarbeiten der Strecke von Geinsheim nach Speyer. Der erste Teilabschnitt der Gäubahn war am 26. August 1905 in Betrieb genommen worden. Erst drei Jahre später, Ende Oktober 1908, wurde der Abschnitt Geinsheim-Neustadt fertiggestellt. Es war so manche Überzeugungsarbeit bei königlichen Behörden und bei den an der Strecke liegenden Gemeinden nötig, damit die Bahnlinie gebaut werden konnte.
Schon 1873 diskutierte eine Versammlung in Geinsheim über eine Bahnstrecke durchs Gäu. Diese sollte Neustadt mit Germersheim verbinden, weil es „der kürzeste Weg zur Truppenbeförderung nach Metz bei einem eventuellen Kriege mit Frankreich“ war. Nur ein paar Jahre später entstand die Idee, Edenkoben und Speyer mithilfe einer Bahnlinie zu verbinden. Die Vorschläge konkurrierten miteinander.
1908: Bahnstrecke komplett
Wohl auch deswegen wurde die Bahnlinie erst knapp 25 Jahre später gebaut. Die insgesamt 29,1 Kilometer lange Strecke verlief etwas umständlich mit einem Südschlenker über die Dörfer Freisbach, Weingarten und Schwegenheim. Rund um Gommersheim wurde seiner Zeit viel Pfefferminz angebaut. Bauern und Händler nutzten den Zug daher häufig für ihre Geschäfte, weshalb die Gäubahn im Volksmund zum „Pfefferminzbähnel“ wurde.
Am 31. Oktober 1908 startete die erste Gäubahn in Neustadt. Die schnellste Verbindung brauchte nach Speyer eine Stunde und 33 Minuten. Mit maximal 30 Stundenkilometern zuckelte der Zug durchs Gäu. In manchen Zeitungsberichten ist zu lesen, dass Reisende während der Fahrt bequem einen Blumenstrauß für die liebe Schwiegermama pflücken konnten. Ging es bergauf, schnaufte die Lokomotive schwer, was Zeitzeugen als „helf mer dricke, ich bleib sticke“ interpretierten. So schildert es Klaus M. Harthausen in seiner Abhandlung „Das Gäu- oder Pfefferminzbähnel“ aus der Festschrift Mobilitas. Die Geduld der Fahrgäste war gefragt.
Anfangs ohne Anbindung
Als in Duttweiler nach längerem Rangieren endlich zwei Wagen mit Zuckerrüben angehängt waren, sollte es weiter Richtung Neustadt gehen. Doch nach wenigen Metern rollte die Bahn wieder zurück. Die Steigung war zu steil, die angehängte Fracht zu schwer. Als auch der zweite Versuch scheiterte, wurde kurzerhand ein Güterwagen abgehängt. Endlich packte das Bähnel den Hügel und erreichte Neustadt mit einer Stunde Verspätung.
Wer mit anderen Zügen weiterreisen wollte, hatte nach solch einer Verspätung keine Chance. Denn das schmalspurige Pfefferminzbähnel endete im Lokalbahnhof Neustadt unweit des Schlachthofs in der Speyerdorfer Straße. Es waren knapp 20 Minuten Fußweg zum Neustadter Bahnhof. In den ersten Jahren gab es keine Verkehrsverbindung zwischen beiden Bahnhöfen. Reisende und Händler mussten die Wegstrecke zu Fuß zurücklegen, was einen regen Betrieb auf der Straße zur Folge hatte. Es wurde hart um die Möglichkeit gerungen, das Gäubähnel in den Neustadter Bahnhof zu leiten. Allerdings konnte die Schmalspurbahn nicht in dem für Normalspur ausgelegten Bahnhof enden. Die Idee eines Lokalbahnhofs gegenüber dem Saalbau scheiterte an der Möglichkeit, die von Landau kommenden Gleise der Normalspurbahn zu überqueren.
1944: Toter bei Fliegerangriff
Nach den Weltkriegen machte sich die Bahn als „Hamsterbähnchen“ einen Namen. Die Städter fuhren ins Gäu und tauschten dort ihr Hab und Gut gegen Lebensmittel. Für die Bahnbetreiber brachte die Zeit gute Umsätze. Für die Reisenden war es kein Vergnügen, „sondern der Hunger trieb sie an“, heißt es bei Kroszewski. Während das Bähnel in einer Zeit als Versorgungstransport dem Überleben diente, wurde es in anderen Jahren zur Todesfalle.
In den Kriegsjahren 1944 und 1945 war das Pfefferminzbähnel einige Male Ziel von Jagdbombern. So auch am 20. November 1944, als Flieger einen Angriff auf den Flugplatz Lachen-Speyerdorf flogen, just als das Bähnel vorbeifuhr. Der Postbetriebswart Heinrich Mees wurde im Postwagen von den Geschossen in Brust und Bauch getroffen. Er starb an seinen Verletzungen. Erst beim Halt in Freisbach wurde er zwischen den Postsäcken gefunden.
1956: Letzte Fahrt
Zu Beginn der 1950er-Jahre unternahm das Bähnel immer weniger Fahrten. 1952 war bereits eine Buslinie zwischen Neustadt und Speyer in Planung, die dem Zug den Garaus machen sollte. Die ungünstige Lage des Lokalbahnhofs, die Schmalspurbahn und der umständliche Streckenverlauf nahmen der Gäubahn jede Zukunftsperspektive. Die Deutsche Bahn sah als Betreiber keine Möglichkeit, die Strecke rentabel zu machen. Zwar gab es Anfragen zweier Privatunternehmen, das Gäubähnel zu übernehmen, aber daraus wurde letztlich nichts.
Am 2. Juni 1956 brach der Zug zu seiner letzten Fahrt auf. An allen Bahnhöfen kamen Menschen zusammen, die ihrem „Pfefferminzbähnel“ die letzte Ehre erweisen wollten. Übrig geblieben sind Bilder und Geschichten. Wagen und Lokomotiven wurden in Einzelteile zerlegt und verschrottet. Auch die Schienen wurden bereits 1957 zurückgebaut.