Neustadt
Kulturprofil: Der Neustadter Hermann Pütter plädiert für mehr Engagement der Künstler in Sachen Klimaschutz
„Werd’ doch Künstler“, ermunterte ihn sein Kunstlehrer in den 50ern in Düsseldorf. Doch Hermann Pütter studierte lieber Chemie und stieg letztlich zum wissenschaftlichen Direktor bei der BASF auf. Die Kunst aber hat den „Neustadter mit rheinischen Migrationshintergrund“ nie losgelassen. Heute, in Zeiten des Klimawandels, sieht er sie vor allem als „Medium der Kritik“.
Neustadt. Für diese Kritik, die Bereitschaft, Bestehendes radikal zu hinterfragen, steht beispielhaft das Bild „Wanted“, mit dem sich Pütter im Sommer an der Mitgliederausstellung des Neustadter Kunstvereins beteiligte. Es ist ein Steckbrief in typischer Wild-West-Manier, auf dem er sich selbst wegen „Gang plundering of the planet“ zur Fahndung ausschreibt. Auch ein ergänzender Warnhinweis, dass das Subjekt bewaffnet sei mit „lahmen Ausreden, ständigen Ausweichmanövern und Ausflüchten“ fehlt nicht. Denn: „Wir Älteren haben das verbockt“, lässt der 74-jährige Pütter keinen Zweifel daran, bei wem er die Verantwortung für die ökologische Misere sieht. Sich selbst schont er dabei kein bisschen, schließlich sei er zum Beispiel früher beruflich ein Vielflieger gewesen, wie er zerknirscht bekennt. Inzwischen hätten seine Frau und er aber beschlossen, nicht mehr zu fliegen und auch sonst konsequent dem „KdH-Prinzip“ zu folgen – „Konsumier die Hälfte“.
Was für eine Zukunft hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln?
Entstanden ist die Zeichnung „Wanted“ dabei in bewusster Auseinandersetzung mit der Frage, was für eine Zukunft wir, die im 20. Jahrhundert Geborenen, eigentlich unseren Kindern und Enkeln hinterlassen. Die entscheidende Anregung hätten ihm dabei nicht so sehr Greta Thunberg und die „Fridays for future“-Bewegung vermittelt, erklärt Pütter, sondern die Jugendkunstausstellung „Paint your future“ im Frühjahr in der Villa Böhm, an der auch seine Enkelin Tabea Reif teilnahm. Als Kontrastprogramm dazu, eine Art „Paint your past“, habe er sein Bild angelegt – und für das Selbstportrait sogar extra Selfies gemacht, „um das Böse-Gucken einzuüben“, wie er lachend erklärt. „Wenn man nicht deutlich umsteuert, werden wir ein ernstes Problem bekommen“, wird er jedoch gleich darauf wieder ernst. Kritik aus seinem Bekanntenkreis, er sehe das alles doch viel zu düster, kann er nicht nachvollziehen.
Nachhaltigkeit beschäftigte Pütter auch schon bei der BASF
Dass ein Paradigmenwechsel hin zu einer Kultur der Nachhaltigkeit nötig ist, erscheint Pütter angesichts der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse evident. Und auch, dass die Kunst einen wesentlichen Beitrag dazu leisten muss. „Mit Technik allein sind die Probleme nicht zu lösen“, erklärt er. Gedanken zu dem Thema macht er sich schon lange – auch beruflich. So war er in den 90er Jahren bei der BASF maßgeblich an der Forschung in den Bereichen Biodiesel und Brennstoffzelle beteiligt. Zu dem Ludwigshafener Chemie-Riesen kam er 1972 gleich nach Studium und Promotion und blieb bis zur Pensionierung 2006. In Neustadt lebt er seit 1976.
Gemalt und gezeichnet hat er in dieser Zeit immer – und sich kontinuierlich in Kursen und Workshops weitergebildet: in Acryl-Malerei, Aquarell, Lithographie, Radierung, Bronzeguss zum Beispiel. Für all diese Techniken kann er schöne Beispiele vorweisen, auch wenn er sich selbst gar nicht als Künstler sieht. Während in früheren Jahren dabei noch klassische Genres wie Landschaftsmalerei oder Stillleben dominierten, setzt er in jüngerer Zeit vor allem auf symbolisch aufgeladene Figurenbilder – oft eben mit zeitkritischen Verweisen.
Vor allem dem Mannheimer Kunst-Professor Günther Meck verdanke er viele Anregungen, erklärt Pütter, der auch neueren Techniken gegenüber aufgeschlossen ist: So arbeitete er in jüngster Zeit ähnlich wie der englische Maler und Fotograf David Hockney viel mit dem Zeichenprogramm „Brushes“ – einer App für iPhone oder iPad. Zur Bebilderung eines Vortrag, den er 2016 zum Thema Konsumkritik in Dortmund hielt, entstand so eine Serie mit 40 Blättern. Das Gros seiner Arbeiten freilich sind immer noch klassische, figurative Zeichnungen oder auch Collagen, die meist am Arbeitstisch in seinem Eckzimmer mit Blick auf die Villenstraße entstehen. Auch Kinderbücher für seine Enkel hat er schon mehrere geschaffen. Und eine fast dadaistische Serie, bei der er per Zufall Begriffe aus lateinischen oder französischen Wörterbüchern auswählte und in verschiedenen Techniken umsetzte.
Gerade aus der Kulturszene braucht es mehr Engagement
„Kunst gehört zu meinem täglichen Leben dazu“, sagt Pütter, der Chemiker, der kein Künstler sein will. Das unterstreicht er unter anderem auch durch seine Mitgliedschaften beim Speyerer Kunstverein, der Fördergemeinschaft Herrenhof und den Freundeskreisen des Ludwigshafener Hack-Museums und der Mannheimer Kunsthalle. Doch gerade von der Kulturszene erwartet er sich auch mehr Engagement in Sachen Natur- und Klimaschutz. „Ohne gesellschaftlichen Wandel werden wir das Ganze nicht hinkriegen.“