Interview
Gesundheitsamt: Nicht mehr nur Corona-Behörde
Frau Basenach, Neustadt und der Landkreis Bad Dürkheim sind weit oben bei den Corona-Fallzahlen. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Wir haben hohe Fallzahlen, wir haben auch hohe Zahlen von PCR- und Schnelltests, die uns gemeldet werden, Die Verläufe sind überwiegend nicht allzu schwer. Die Menschen haben meist mehrere Tage einen fieberhaften Infekt, auch mit Kopf- und Gliederschmerzen, danach folgt meist eine Erkältungszeit, bei der Husten und Schnupfen dazukommen. Dass die Betroffenen am sechsten Tag symptomfrei sind, kommt selten vor. Oft zieht es sich noch etwas länger, sodass im Schnitt mindestens mit einer Woche Krankheitszeit gerechnet wird. In dieser Zeit sollte man auf jeden Fall zu Hause bleiben. Aktuell sind 48 Stunden Symptomfreiheit Voraussetzung dafür, dass man die Quarantäne verlassen kann.
Ohne Test?
Ja, ohne Test. Und frühestens ab dem sechsten Tag, wenn man eben ab dem vierten symptomfrei ist. Eine Testung wird im medizinischen Bereich empfohlen.
Es wird darüber diskutiert, ob Quarantäne für Infizierte notwendig ist oder nicht. Was denken Sie?
Die Vorgaben der Politik werden von uns natürlich umgesetzt. Derzeit haben wir eben noch einige Menschen, die einfach krank sind. Dass diese dann auch zu Hause zu bleiben, ist absolut wichtig, um andere Menschen zu schützen.
Gibt es eine Erklärung dafür, dass die Fallzahlen in Neustadt und im Landkreis Bad Dürkheim so hoch sind beziehungsweise waren?
Nein. Man sieht es ja auch an den Tabellen, dass immer mal wieder jemand hochrutscht und dann auch wieder runter. Es ist sehr wechselhaft, es kommt auch darauf an, wo gerade am meisten getestet wird, wo sich die Menschen am ehesten testen lassen. Die aktuelle Omikron-Mutante BA.5 ist eben sehr ansteckend und es kann drei bis fünf Tage dauern, bis gegebenenfalls Symptome auftreten. Es sind auch viele Einrichtungen betroffen, Seniorenheime, ebenso Krankenhäuser, sowohl beim Personal als auch bei Bewohnern beziehungsweise Patienten.
Wie belastend sind die hohen Fallzahlen denn?
Im Moment ist das Infektionsgeschehen einfach sehr dynamisch, auch die niedergelassenen Ärzte sprechen von einer großen Belastung. Nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen anderer Infektionskrankheiten, die eben auch eine Rolle spielen. Die Belastung des Gesundheitssystems ist also durchaus gegeben.
Andere Virusinfektionen sind derzeit sehr stark vertreten. Reagieren die Menschen nach zwei Jahren Corona-Schutzmaßnahmen heftiger?
Infektionskrankheiten gibt es zu jeder Zeit, auch im Sommer. Dazu gehören eben unter anderem Virusinfekte, wie zum Beispiel durch Magen-Darm, die akute Erkrankungen verursachen. Das Immunsystem war zwei Jahre lange durch Maskenpflicht und anderes mehr geschützt, dass es jetzt heftiger reagiert, ist nicht auszuschließen.
Wir sitzen uns hier freiwillig mit Maske gegenüber, wie hält es das Gesundheitsamt damit?
Wir haben keine Maskenpflicht im Haus, empfehlen sie aber dringend, sobald man anderen begegnet. Weil auch wir natürlich einzelne Corona-Fälle hatten, und wir uns gegenseitig schützen wollen. Auch die Besucher bitten wir darum, FFP2-Maske zu tragen. Das ist in der Regel kein Problem.
Und wenn Sie einkaufen gehen, im Supermarkt zum Beispiel?
Da trage ich sie ebenfalls weiterhin.
Stichwort Corona-Schutzimpfung: Wie sinnvoll ist aktuell eine vierte Spritze? Oder sollte man einen Impfstoff gegen die neuen Varianten abwarten?
Ja, darüber wird immer wieder diskutiert, über einen neuen Impfstoff, der auch auf die neuen Varianten ausgelegt ist. Er soll wohl in den Herbstmonaten kommen und würde zusätzlich Sicherheit bieten. Aber das muss man abwarten. Aktuell würde ich sagen, dass man nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission, also der Stiko, gehen sollte. Wichtig ist, dass die Impfzentren noch geöffnet sind, dass man auch ohne Termin und ganz unbürokratisch Impfungen haben kann, wenn man sich dafür entscheidet. Jeder, der jetzt geimpft wird, ist geschützt für den Herbst.
Wie sieht es aus bei der Nachverfolgung von medizinischem und Pflegepersonal aus, das der Impfpflicht noch nicht nachgekommen ist? Es gab ja einige Fälle, in denen das Gesundheitsamt nachhaken musste.
Diese Fälle wurden über das Landesportal gemeldet, von uns aufgenommen und bearbeitet. Wenn es notwendig war, haben wir sie an die Bußgeldstelle weitergegeben, die meines Wissens nach aber noch keine Bußgelder verhängt hat. Zudem wurden auch noch keine Betretungs- oder Beschäftigungsverbote ausgesprochen, das ist alles noch auf dem Weg. Frühestens nach den Sommerferien wären wir personell in der Lage, da eventuell noch einen Schritt weiter zu gehen.
Wie sind Sie personell aufgestellt?
Wir gehen wieder unseren eigentlichen Aufgaben nach. Zum Beispiel machen wir über den schulärztlichen Dienst auch Kita-Untersuchungen. Die sind zwar zusätzlich, aber sehr wichtig, weil man da noch vor der Einschulung reagieren kann, falls notwendig. Auch Betreuungsgutachten laufen wieder. Unser sozialpsychiatrischer Dienst ist stark gefragt, weil nach Corona der Bedarf eher noch gestiegen ist. Bei der Hygiene sind wir nicht nur bei Trink- und Badewasser am Ball, sondern begehen Physiotherapie- und Arztpraxen sowie Krankenhäuser und Seniorenheime. Das war in den vergangenen beiden Jahren nur sehr sporadisch möglich. Dann haben wir auch die HIV-Beratung wieder etabliert. Hinzu kommt die Untersuchung der ukrainischen Mitmenschen, wenn sie in Gemeinschaftseinrichtungen sind. Plus alles rund um Corona natürlich. Unsere Belastung ist also nach wie vor hoch.
Also kein Durchatmen vor der befürchteten Herbstwelle?
Nicht so richtig. Andererseits ist es aber auch sehr schön, mal wieder rausgehen zu können, Kontakt zu haben mit den Menschen, wie unlängst beim Gesundheitstag im Jobcenter. Dass wir nicht mehr nur als Überprüfungsbehörde in Sachen Corona wahrgenommen werden.
Kontakte sind kein Problem mehr. Viele wollen aber wieder Hände schütteln. Wie halten Sie das?
Das habe ich auch festgestellt. Aber es gibt Alternativen, ohne unhöflich zu sein, und damit komme ich auch gut hin. Händeschütteln halte ich im Moment noch für schwierig. Zumal es ja nicht nur Coronaviren sind, die man übertragen kann.
Sie haben vorhin auch hohe Fallzahlen in Pflegeeinrichtungen angesprochen. Muss man Sorge haben, dass die Lage dort noch einmal stark eskalieren könnte?
Das hängt davon ab, welche Corona-Variante im Herbst die vorwiegende Rolle spielen wird. Im Moment gibt es Ausbrüche, die Einrichtungen bekommen sie aber aufgrund ihrer seit 2020 gesammelten Erfahrung in der Regel schnell in den Griff. Das Gesundheitsamt wiederum hat Personal, das sich ausschließlich um Heime und auch Krankenhäuser kümmert. Das läuft gut.
Bis wann erhoffen Sie sich weitere Vorgaben von Bund und Land?
Wünschenswert wäre möglichst früh im Herbst, damit man frühzeitig reagieren kann. Wir sind übrigens auch schon mit der Kreisverwaltung Bad Dürkheim wegen Personal im Gespräch, weil die Scouts vom RKI Ende September gehen werden.
Ganz anderes Thema: Wie gut kennen Sie sich mittlerweile mit Affenpocken aus?
Dabei geht es um eine Infektion, die in der Regel durch direkten Hautkontakt übertragen wird. Im akuten Infektionsgeschehen ist aber auch eine Tröpfcheninfektion möglich. Also kein Vergleich zu Corona, das ja durch Aerosole übertragen wird. Aber durchaus eine Erkrankung, die derzeit eine Rolle spielt, zumal sie von der Weltgesundheitsorganisation als gefährlich eingestuft wurde. Uns wurde noch kein Fall gemeldet. Weil das aber vorgeschrieben ist, gehe ich davon aus, dass wir in Stadt und Kreis noch keinen Fall haben. Aber: Wir hatten unlängst die Anfrage einer Kontaktperson zu einem an Affenpocken erkrankten Menschen. Da hatten wir die Gelegenheit, alles durchzuspielen, was dann möglich ist. Und wir haben eine Einrichtung gefunden, die der Person einen kurzfristigen Impftermin anbieten konnte.
Wer sollte sich impfen lassen?
Es gibt klare Vorgaben. Impfen lassen sollte sich, wer Kontakt zu einer infizierten Person hatte oder zu einer Risikogruppe gehört, zum Beispiel, weil eine Immunschwäche besteht. Man wird dann an eine HIV-Ambulanz überwiesen oder an eine Schwerpunktpraxis, und in diesen Stellen wird dann noch mal über die Impfung diskutiert. Aber wenn man den Verdacht hat oder sich selbst gefährdet sieht, kann man gerne das Gesundheitsamt kontaktieren, per E-Mail an gesundheitsamt@kreis-bad-duerkheim.de oder über unsere Telefon-Hotline 06321 961-7401.
Zur Sache: Corona
Landesimpfzentrum Neustadt: In der Chemnitzer Straße 2 (Telekom-Hochhaus) können sich alle Impfwillige ab zwölf Jahren ohne Termin impfen lassen – von der Erstimpfung bis zur ersten Auffrischungsspritze. Für Fünf- bis Elfjährige gibt es Erst- und Zweitimpfungen. Geöffnet ist freitags von 9.30 bis 13.30 Uhr. Möglich ist auch eine zweite Boosterspritze, aber nur für Menschen ab 60 Jahren oder jene, die einer Risikogruppe angehören. Internet: www.neustadt.eu
Kommunale Impfstelle Kreis: Im Landkreis Bad Dürkheim werden alle 14 Tage mittwochs von 15 bis 17 Uhr Impfungen in der Sonnenwendstraße 2 ohne Termin angeboten. Kinderimpfungen sind dabei nur an den Öffnungstagen Ende jedes Monats möglich. Auch bei den Kommunalen Impfstelle ist die zweite Boosterung ab 60 möglich sowie für Angehörige einer Risikogruppe. Internet: www.kreis-bad-duerkheim.de
Zur Sache: Affenpocken
Affenpocken breiten sich vor allem durch engen Körperkontakt zu infizierten Menschen aus, können aber auch durch kontaminierte Kleidung oder Bettwäsche übertragen werden. Bislang betroffen sind überwiegend Männer, die Sex mit anderen Männern haben. Das für Neustadt und den Landkreis Bad Dürkheim zuständige Gesundheitsamt in der Friedrich-Ebert-Straße in Neustadt ist Ansprechpartner für alle Fragen rund Affenpocken. Es bietet zudem regelmäßig eine HIV-Sprechstunde an. Ab September geschieht dies in Kooperation mit der Aids-Hilfe Landau: Diese übernimmt jeweils den ersten Termin im Monat. Neben medizinischer geht es dann also auch um praktische Lebenshilfe. Internet: www.kreis-bad-duerkheim.de