Hassloch / Edenkoben
Fußball: Viele Schiedsrichter sind älter und gehören zur Corona-Risikogruppe
Vielmehr beschäftigt die Schiedsrichter die derzeitige Tatenlosigkeit, wie etwa den Haßlocher Andreas Eberle, der für den VfB Iggelheim pfeift. „Er tigert durch die Wohnung und nervt seine Frau“, sagt Verbandsschiedsrichter-Obmann Thorsten Braun aus Maikammer und lacht. Eine Darstellung, der Eberle nicht widerspricht. „Zuvor habe ich jeden Tag Spiele geleitet. Mir fehlt es kolossal, auf dem Platz zu stehen und zu pfeifen“, gibt der 65-Jährige zu. Bedenken wieder einzusteigen, hat der Haßlocher nicht. „Ich werde auf jeden Fall weitermachen, lieber heute als morgen“, erklärt Eberle.
Er ist seit 42 Jahren Schiedsrichter und hat nichts von seinem Enthusiasmus eingebüßt. Er habe grundsätzlich eine positive Einstellung und hoffe, dass der Fußball nach den Sommerferien wieder beginne. Sein letztes Spiel vor der Corona-Pause war das heikle Nachbarschaftsduell Türk Germersheim gegen VfR Sondernheim. Eberle, der bis zur A-Klasse eingesetzt wird und viel mit dem Fahrrad unterwegs ist, missfällt der Re-Start der Bundesliga. „Mit welchem Recht werden Profis ständig getestet?“, fragt er kritisch.
„Die Situation ist nicht ungefährlich“
Ein Jahr älter als Eberle ist Roland Schäfer aus Frankenthal, der für den SV Studernheim pfeift. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Amateurbereich der Ball bald wieder rollt. Wie soll das gehen? Es kommt zu Zweikämpfen, Körperkontakt bei Eckbällen und Freistößen“, gibt Schäfer zu bedenken. Der langjährige Kreis-Schiedsrichter-Obmann, der 15 Jahre in Bundesliga und Zweiter Liga als Schieds- und Linienrichter eingesetzt war, ist skeptisch: „Die Situation ist nicht ungefährlich, deshalb werden wir lange auf Spiele, so wie wir sie kennen, warten müssen.“ So lange es keine Medikamente und keinen Impfstoff gebe, sei an Amateurfußball mit all seinen Begleiterscheinungen nicht zu denken.
Schäfer leitet 30 bis 40 Spiele pro Jahr und pfeift noch bis zur Bezirksliga. „Ich befürchte, dass wir viele Schiedsrichter verlieren werden, nicht nur ältere“, betont der Frankenthaler. Er selbst trainiert regelmäßig und ist „konditionell in sehr gutem Zustand“. Mit den im Fernsehen übertragenen Geisterspielen kann er nichts anfangen. Schäfer, seit 1971 Referee, pfiff einst im Olympia-Stadion ein Zweitligaspiel von Blau-Weiß 90 Berlin. „3000 Zuschauer waren da, und man hat jeden husten gehört“, erinnert er sich.
Sich einzuschließen ist keine Alternative
Seit 52 Jahren pfeift Leo Gospodarczyk aus Edenkoben, der beim FSV Freimersheim gemeldet ist. Und obwohl er schon 70 ist und wegen verstopfter Venen zwei Stents gesetzt bekommen hat, steht das unverwüstliche Stehaufmännchen jede Woche auf dem Platz, pfeift Spiele bis zur B-Klasse. „Man muss das Virus ernstnehmen, ich habe aber keine Angst und werde auf jeden Fall weiterpfeifen“, legt sich der stellvertretende Obmann des Kreises Südpfalz fest. Infizieren könne man sich überall. Und sich zu Hause einzuschließen, sei keine Alternative. Gospodarczyk, der sich bei der SV Edenkoben in der Jugendarbeit engagiert, hält sich mit Wandern fit und hat sich zudem ein E-Bike gekauft. „Der Trainingsstart bei den Amateurklubs ist ein erster kleiner Schritt. Doch ob es schon im September weitergeht, ist sehr fraglich“, ist Gospodarczyk vorsichtig. Sollte es eine zweite Infektionswelle geben, müssten Lockerungen zurückgenommen werden.
Dass die Bundesliga wieder spielt, akzeptiert der Unparteiische: „Für die Fans ist es eine schöne Abwechslung, wenn Spiele übertragen werden.“
September-Termin ist Spekulation
Ein Schiedsrichter mit Leib und Seele ist auch Rolf Scheib. Der 66-Jährige, der für den TuS Friedelsheim pfeift und im Ort auch wohnt, hat sich noch keine Gedanken darüber gemacht, wie der Fußball der nahen Zukunft aussehen könnte. „Es ist nicht abzusehen, wann die Amateure wieder spielen dürfen. Der September-Termin ist reine Spekulation“, sagt Scheib. Doch wenn der Ball wieder rollt, dürfte der Friedelsheimer seine Form rasch erreicht haben. „Dreimal pro Woche bin ich im Sportstudio, mache an zehn bis zwölf Geräten meine Übungen, fahre Rad, gehe zum Physiotherapeuten und zur Massage“, listet Scheib seine Aktivitäten auf.
Er stellt sich vor, dass den Spielern eingeimpft werde, den Referee nicht zu bedrängen und unbedingt den Abstand zu wahren. Er weiß aber auch, dass dies schwierig in die Tat umzusetzen ist. Seit 33 Jahren leitet der bis zur B-Klasse eingesetzte Scheib Spiele, aktuell noch immer 70 bis 75 pro Saison. „Je länger die Pause dauert, desto mehr Mannschaften werden verschwinden. Das gilt leider auch für Schiedsrichter“, prophezeit der Friedelsheimer.
„Aufzuhören, ist keine Alternative“
Der 62-jährige Gerd Fischer aus Speyer, der dem SC Hauenstein angeschlossen ist, ist den Fußballfreunden nicht nur als Spielleiter des FV Dudenhofen und von Phönix Schifferstadt bekannt, sondern auch als Schiedsrichter. „Nach meiner Spieler-Laufbahn habe ich mit dem Pfeifen begonnen und bin jetzt 25 Jahre dabei“, berichtet Fischer. Und jemand, der auf 150 Partien pro Serie kommt, oft auch unter der Woche im Einsatz ist, der bleibt bei der Stange. „Aufzuhören ist keine Alternative. Ich bleibe dabei, auch weil mir das Hobby viel Spaß bereitet“, erläutert der Speyerer, der bis zur B-Klasse pfeift. Da der Mindestabstand noch nicht aufgehoben ist, glaubt er nicht an baldige Spiele. „Vielleicht geht es sogar erst im Frühjahr weiter“, überlegt Fischer. An Fitness wird es dem immer noch ehrgeizigen Unparteiischen nicht mangeln. Zwei-, dreimal pro Woche läuft er seine Hausstrecke im Speyerer Norden ab. Die Freude, die er bei seinen Einsätzen mit der Pfeife verspürt, hat er bei den Fernsehübertragungen der Bundesliga verloren. „Profifußball ohne Zuschauer ist mir zu steril“, sagt Fischer.
Mit den Spielern reden
Schon 78 Jahre alt ist Fritz Müller aus Ludwigshafen-Gartenstadt, der für den VSK Niederfeld pfeift, sich mit viel Fleiß um den Schiedsrichter-Nachwuchs kümmert und alle Auszeichnungen der Vereinigung erhalten hat. Auch für ihn gilt: kein Laufbahn-Ende wegen Corona. „Der Fußball nimmt einen zu großen Raum in meinem Leben ein. Seit fast 50 Jahren bin ich schon dabei“, berichtet Müller. Bis zur B-Klasse steht er seinen Mann und legt die Grundlage dafür mit regelmäßigem Lauftraining im Maudacher Bruch oder dem Stadtpark. „Ich bin optimistisch und glaube, dass im September wieder gespielt wird. Voraussetzung ist, dass das Infektionsgeschehen weiter zurückgeht“, sagt der Ludwigshafener. Die sonst übliche Rudelbildung um den Referee nach strittigen Pfiffen will Fritz Müller schon im Keim ersticken: „Man muss versuchen, die Spieler zurückzuweisen, damit es nicht zum Körperkontakt kommt. Reden ist ein Schlüssel zum Erfolg.“ Es werde nicht einfach sein, dies durchzuziehen, aber Müller ist sehr zuversichtlich. „Erfahrene Schiedsrichter wissen sich zu wehren.“