Haßloch
Flucht aus DDR: So schaffte es ein Haßlocher über die Grenze
„Unser Elvis Presley“, sagt Karin Mertens*, während sie ein Foto in der Hand hält. Darauf blickt ein junger Mann in Ausgehuniform in die Kamera. „Das war 1962,“, sagt Hans Mertens*. Der 82-Jährige sitzt mit seiner Frau in ihrer Haßlocher Wohnung am Esstisch, darauf ausgebreitet sind Zeitungsausschnitte und ausgedruckte Seiten. Damals, verrät seine Frau, hätten sie sich, obwohl sie auf dieselbe Schule gingen, aber noch nicht gekannt. Damals, das war, als die beiden noch in der DDR lebten. Auf drei ausgedruckten Seiten hat Hans Mertens einen Teil seines alten Lebens festgehalten: die Geschichte seiner Flucht aus der DDR im Jahr 1963.
Aufgewachsen in einer Kleinstadt in der Nähe von Magdeburg, wo Mertens nach dem Schulabschluss eine Maurerlehre absolvierte, „machte ich mir Gedanken über das System der DDR“, schreibt Mertens. Er habe sich „eingesperrt wie in einem großen Käfig“ gefühlt. Als er mit seinem Fußballverein am 12. August 1961 von einem Freundschaftsspiel in Berlin spät abends mit dem Zug nach Magdeburg zurückkehrt, fallen dem jungen Mann sofort „die vielen Russen am Hauptbahnhof“ auf. Schnell erfährt er: „In Berlin wird eine Mauer gebaut.“
Ziel: die Grenztruppen
Dies scheint die Initialzündung für Mertens Fluchtpläne. Er möchte nur noch „so schnell wie möglich die DDR verlassen“. Noch im selben Monat habe er sich freiwillig zur NVA, der Nationalen Volksarmee, gemeldet. Sein Ziel: die Grenztruppen. Bereits während der Grundausbildung wären sie „mehrmals nachts an die Westgrenze gefahren worden, um die NVA-Pioniere zu unterstützen“. Dann, nach einem halben Jahr Ausbildung, wird Mertens an die Westgrenze nach Weferlingen (Kreis Haldenleben) versetzt.
Nach drei Monaten ergibt sich für den jungen Soldaten endlich die Chance zur Flucht. Auf einem Kontrollgang bietet sich eine einzigartige Gelegenheit: von Weferlingen zu Fuß hinüber nach Grasleben in Niedersachsen zu laufen. „Ich hätte nur rüberlaufen müssen und wäre im Westen gewesen“, schreibt Mertens. Doch genau zu diesem Zeitpunkt liegt seine Mutter im Krankenhaus. Mertens verschiebt seine Pläne und wird noch im selben Jahr „in den Innendienst versetzt“.
Ein Partner für die Flucht
Im Januar 1962 wird er während der Wehrdienstpflicht wieder zum Grenzschutz einberufen. Die Soldaten müssen unter anderem bei minus 28 Grad Dienst am Grenzposten leisten. Auf einem dieser Einsätze kommt Mertens mit Jan, einem Kameraden, ins Gespräch, und spürt bald, dass dieser ebenfalls ein gewisses Interesse am Westen bekundet. „Ich habe gedacht“, so scheibt Mertens, „das wäre vielleicht ein Partner, um zu flüchten.“ Doch wem konnte man in diesem Regime trauen?
Eines späten Abends, Mertens ist mit Kameraden im Ausgang, spricht er von seinen Plänen: „Wenn sich in unserem Staat nichts ändert, dann überlege ich mir was.“ Seine Äußerungen bleiben ohne Konsequenzen – vorerst. „Die Monate vergingen“, sagt Mertens. Am 25. August 1963 fasst er den Entschluss zu fliehen. Mertens ist am darauffolgenden Tag für den Spätdienst eingeteilt. „Postenführer war ich“, schreibt er, gemeinsam mit Jan, der auch Hundeführer war.
Durch den Zehn-Meter-Streifen
Obwohl es regnet, kann Mertens seinen Kameraden zu einer „Fleißaufgabe“ überreden: der Kontrolle des unverminten Durchgangs zum „Zehn-Meter-Streifen“. Dort angekommen, „habe ich ihn angeschrien, wir hauen ab“, sagt Mertens. Doch Jan, noch im ersten Schock, zögert und scheint noch nicht bereit. Mertens kann ihn wenigstens dazu bringen, die spanischen Reiter und die Leuchtraketen zu entfernen, dann läuft er als erstes durch. Rückblickend sei das ein großer Fehler gewesen, schreibt Mertens, da sein Kamerad ja bewaffnet gewesen sei und außerdem den Hund bei sich gehabt habe.
Doch es kam anders: Jan „war so geschockt und ist mir gefolgt“. Schlussendlich gelingt es Mertens, den Zehn-Meter-Streifen zu passieren. Die Wachposten haben inzwischen schon Alarm ausgelöst. Mertens wirft seine Waffe zurück und ruft seinem Kameraden, der noch auf der DDR-Seite steht, zu, er solle den Hund anbinden und ebenfalls die Waffe zurückzuwerfen. So schafft es auch Jan hinüber. Unbewaffnet laufen sie nach Grasleben (Kreis Helmstedt).
Befragt vom Geheimdienst
„Die Leute waren im Garten am Arbeiten“, erinnert sich Mertens an die Ankunft. Er habe sie gegrüßt, und ein Mann habe gleich gefragt, ob sie geflüchtet seien. „Ja, hab ich gesagt.“ Die beiden werden erst einmal eingeladen und bewirtet und dann vom Bundesgrenzschutz abgeholt. Dem westlichen Geheimdienst müssen sie ausführlich berichten, „ob es etwas Neues gibt“, bevor die Reise weitergeht, nach Gießen ins Durchgangslager. Die DDR, sein altes Leben, ist für Mertens ab diesem Zeitpunkt Geschichte.
Doch zwei Tage später sollte ihn die Hinterhältigkeit des Regimes noch einmal einholen. „Jan hat mich morgens beim Duschen angesprochen“, schreibt Mertens. Sein Kamerad, mit dem er in den Westen geflohen war, gesteht ihm: „Ich war auf dich angesetzt.“ Das, was Mertens damals, spät abends in der Gaststätte, über den Staat gesagt habe, sei umgehend dem Kompaniechef gemeldet worden. Dass er im Nachhinein solche Sachen erfahren musste, scheint Mertens noch heute sehr zu beschäftigen.
Vertrauen erschüttert
Das bleibt nicht der einzige Schreckmoment. Am Tag, als Mertens zu seinen Verwandten nach Essen weiterfahren will, um dort eine Anstellung als Universalschleifer in der Firma seines Onkels anzutreten, betritt er morgens die Dusche und erstarrt. „Mein Gruppenführer stand mit seinem Posten vor mir.“ Er erfährt, dass die Grenzsoldaten nach seiner Flucht mit Jan versetzt wurden und der Gruppenführer diese „letzte Chance genutzt“ habe. Zu Jan, der nach Saarbrücken weitergereist sei, habe er danach noch telefonisch Kontakt gehalten, sagt Mertens. Bis er kurz vor Weihnachten 1963 erfährt, dass sein Freund wieder in die DDR zurückgekehrt ist. Jans Vater soll so unter Druck gesetzt worden sein, dass ihn nur die Rückkehr seines Sohnes vor einer Zwangsversetzung bewahrt haben soll.
An dieser Stelle endet Mertens Bericht. „Als die Wende kam, kam das alles wieder hoch“, erzählt der 82-Jährige heute. Er habe innerlich gezittert, als er eine Woche später, nach dem Fall der Mauer, hinüberging. Hans Mertens ist inzwischen verheiratet. Seine Frau Karin hat die DDR bereits 1960 verlassen. Über gemeinsame Kontakte lernen die beiden sich aber erst 1970 in St. Goar kennen, bekommen einen Sohn, leben 52 Jahre am Mittelrhein. Kontakte in die alte Heimat hätten sie heute nicht mehr, erzählt das Paar.
In Haßloch angekommen
Um so mehr schätzen sie das, was sie jetzt haben: all die gemeinsamen Aktivitäten in Haßloch, das Miteinander. Und dort, wo er mit seiner Frau Karin seit Ende letzten Jahres wohnt, gebe es „eine gute Hausgemeinschaft“, man helfe sich gegenseitig. Erich Mertens erzählt erst mal von seiner „neuen Heimat“, vom Boule-Verein Haßloch, wo er regelmäßig mit Kollegen die Kugel wirft. „Sehr nette Leute“, fasst der Senior zusammen. Auch beim Wandern und beim Kaffeeklatsch seien er und seine Frau „sehr gut aufgenommen“ worden. Es sei, als ob man sich schon ewig kenne. Überhaupt, da ist sich das Ehepaar einig, seien sie richtig angekommen in Haßloch. „Schon vor zehn Jahren hatten wir den Wunsch, herzukommen, aber es hat damals noch nicht geklappt mit dem Hausverkauf.“ Der Sohn der Mertens, der mit seiner Frau auch in Haßloch lebt, habe letztes Jahr überraschend schnell die Wohnung gefunden – und der Makler in St. Goar Interessenten für das Haus, „danach ging alles ruckzuck.“
*Anmerkung: Die Schilderung von Mertens Flucht aus der DDR wurde schon einmal in einer Zeitung abgedruckt. Dies habe damals so so hohe Wellen geschlagen, dass sogar das Fernsehen bei ihnen zuhause angeklopft habe, berichtet das Paar. Um dies zu vermeiden, haben sie gebeten, dieses Mal ihre Namen zu ändern.
Die Serie
Im Erzähl-Café sind Seniorinnen und Senioren eingeladen, aus ihrem Leben zu erzählen – ganz ohne Vorgaben. Erinnerungen oder Anekdoten, lustig oder nachdenklich – alles ist erlaubt. Bei den Geschichten geht es allein darum, den Lesern von heute ein wenig das Leben von damals näher zu bringen.