Neustadt
Ein Abend mit einer eigensinnigen Frau: Gitte Haenning im Saalbau
„Für immer und neu“ scheint eine Art Erkältungsprogramm zu sein, schon bei der Premiere des Programms im Frühjahr in Berlin und auch bei Auftritten im Mai kämpfte Gitte Haenning mit einer Erkältung. „Ich habe wirklich nicht gewusst, ob ich das heute hinbekomme“, erzählte die gebürtige Dänin gegen Ende des Konzerts. Sie hat es wirklich gut hinbekommen, allerdings zollte sie der Erkältung doch einen Tribut, stellte das Programm stellenweise um und verkürzte es etwas.
Gitte Haenning pflegt das Image, einen eigenen Kopf zu haben, eigensinnig, widerspenstig und rebellisch zu sein und eigentlich schon immer gewesen zu sein, auch wenn sie früher einige Kompromisse gemacht habe. Diesem Image entspricht „Für immer und neu“. Wer erwartet hatte, dass das Programm eine Art Rückblick bietet auf bekannte Lieder, die Gitte Haenning im Lauf ihrer vor über 60 Jahren begonnenen Karriere gesungen hat, der wurde weitgehend enttäuscht. In den gut eineinhalb Stunden, in denen Gitte Haenning auf der Bühne des Saalbau saß, sang sie Songs, die von anderen Sängern bekannt sind, ein paar Chansons, etwas Jazz, etwas Musicals – aber auch einige ihrer bekannten Lieder.
Gitte Haenning hat ihren eigenen Stil
Bei der Auswahl der Musiker-Kollegen, deren Lieder sie singt, setzt Gitte Haenning auf das Image Eigensinn und Rebellion. So sang sie Lieder von Rio Reiser, Ulla Meinecke, Herbert Grönemeyer und Stefan Gwildis, Sänger, deren Lieder häufig kritisch und nicht dem Mainstream entsprechend sind – wobei das für Grönemeyer nur bedingt zutrifft. Gitte Haenning interpretiert diese Lieder in einem ganz eigenen Stil – dem Gitte-Haenning-Stil. So sang sie „Alles Lüge“ ganz anders als der früh verstorbene Rio Reiser, und doch blieb in ihrer Interpretation der Ausdruck des Originals erhalten. Es gelang ihr vorzüglich, Rio Reiser und Gitte Haenning miteinander zu verbinden. Nicht nur deutsche, auch einige bekannte englische Songs interpretierte die Sängerin in ihrem eigenen Stil, etwa „Fifty ways to leave your lover“ von Paul Simon oder „Temptation“ von Tom Waits. Letzterer war einer der Songs, bei dem deutlich wurde, welch tolle, ausdrucksvolle und variationsreiche Stimme Gitte Haenning hat.
Gitte Haenning ist Profi durch und durch. Das zeigte sich schon ganz am Anfang. Das Publikum begrüßte sie mit dem Satz „Da ist so viel Wein um uns herum, das muss wunderbar sein, hier leben zu dürfen“ – und hatte sofort die Herzen zumindest eines Teils der Besucher erobert. Denn einige Gäste kamen von weither, wie an den Nummernschildern der in der Umgebung des Saalbaus nach einem Parkplatz suchenden Autos zu erkennen war. Auch während des Konzerts unterhielt sich Gitte Haenning mit ihren Besuchern – und dies so, dass man oft das Gefühl hatte, es sei wirklich ein Gespräch. Gitte Haenning, die ihre Karriere als 14-jähriges Mädchen als Gitte begonnen hatte, berichtete von dieser Karriere, von ihrem Leben, erzählte Geschichten zu einzelnen Liedern.
Prachtvoller Indianer-Kopfschmuck
Erzählte etwa, dass sie 1973 am Grand Prix Eurovision de la Chanson nicht habe teilnehmen wollen, sich aber habe überreden lassen, weil sie Geld für die Reparatur des Dachs ihres Hauses gebraucht habe. Mit dem Lied „Junger Tag“ kam sie auf den achten Platz. „Junger Tag“ war eines der Lieder aus dem Programm, die man von Gitte Haenning kennt. „Deswegen sind Sie gekommen“, sagte die Sängerin angesichts der großen Begeisterung, mit denen die Besucher auf das Lied reagierten. Ebenso groß war die Begeisterung bei weiteren bekannten Gitte-Songs wie „Alles heimlich“ oder „Ich will alles“. Doch auch für andere Lieder, etwa einen Song aus dem Musical „Mary Poppins“, einige Jazz-Songs oder das sehr melodisch-gefühlvolle „Schenk uns zurück die alten Lieder“ von Inge Ritter gab es viel Beifall.
Dass Gitte Haenning unangepasst und eigensinnig ist, das belegte ihr Auftritt mit einem prachtvollen Indianer-Kopfschmuck – wohl wissend, dass das heutzutage verpönt ist. Dazu sang sie ein Lied in englischer Sprache. „Meine Musiker sagen immer, dass ich ein bisschen was singen soll, bei dem die Leute mitsingen können“, erzählte Gitte Haenning. Sie hörte auf ihre Musiker und sang unter anderem das bekannte „Supercalifragilistiexpialidocious“. Ihre Musiker – Wolfgang Köhler am Flügel und Olaf Casimir am Bass – sind tolle Begleiter, spielten einige sehr gute Soli und fingen Gitte Haenning auf, wenn ihre Stimme sich der Erkältung beugen musste.
Ein dänisches Kinderlied war eine der mit viel Beifall erklatschten Zugaben. Als die Sängerin das Lied ankündigte, rief eine Dänin aus dem Publikum ihr etwas zu. Gitte Haenning antwortete spontan auf Dänisch, es entstand ein kurzer Dialog. Auch das war ein Teil eines trotz Erkältung schönen und gelungenen Konzerts.