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Freitag, 15. Februar 2019 Drucken

Neustadt Land

Der Wald als Kraftoase

Esthal: Im Wald kann man nicht nur wandern oder Pilze suchen. Waldbaden heißt der neueste Trend aus Japan, der jetzt auch im Pfälzerwald heimisch wird. Dabei hat das Ganze nichts mit einem Pool oder Wasser zu tun. Im Kloster St. Maria in Esthal haben diese Woche 13 Männer und Frauen ihre Prüfung zum „Kursleiter Waldbaden“ absolviert.

Von Kerstin Pingel

Kursleiterin Jasmin Schlimm-Thierjung (links) macht mit ihren Schützlingen eine Wahrnehmungsübung.

Kursleiterin Jasmin Schlimm-Thierjung (links) macht mit ihren Schützlingen eine Wahrnehmungsübung. ( Foto: Mehn)

Umarmen die Fans des Waldbadens Bäume? Reißen sie sich bei frostigen Temperaturen die Kleider vom Leib? Sind sie gar in anderen Sphären unterwegs? „Nichts dergleichen“, sagt Jasmin Schlimm-Thierjung lachend. Sie ist die Ausbilderin und hat 2018 die Deutsche Akademie für Waldbaden gegründet. „Waldbaden ist kurz gesagt absichtsloses Schlendern im Wald. Es geht um Achtsamkeit und um das Wahrnehmen mit allen fünf Sinnen.“ Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt Seminarteilnehmerin Susanne Kober in ihrer Lehrprobe.

Die IT-Fachfrau begleitet schon seit einigen Jahren Fastenkurse am Bodensee und möchte das Waldbaden dort integrieren. Sie will den Fastenden zeigen, wie sie „schlendern ohne Schwätzen. Ganz schwer für die meisten, aber es schärft die Sinne“, weiß Kober. Außerdem will sie ihre Teilnehmer die Schätze des Waldes sammeln lassen, daraus ein Mandala legen, eine Yogaübung im Wald machen und als Höhepunkt eine Teezeremonie im Wald anbieten – mit gesammelten Brennnesseln und mitgeschlepptem Wasser.

„Waldbaden ist eine Methode, die Heilkräfte der Natur zu nutzen“, erklärt Schlimm-Thierjung. „Es hat sich als heilsam bei Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und allgemein als Stressreduzierung erwiesen. Der Wald ist eine Kraftoase, die uns gegeben ist.“ Studien haben die Wirkung wissenschaftlich belegt: Bäume versorgen uns nicht nur mit Sauerstoff. Nadelbäume sondern auch sogenannte Terpene ab, die die körpereigene Abwehr stärken. Entstanden den 1980er-Jahren in Japan mit dem Ziel, das Naturbewusstsein zu stärken, hat sich Waldbaden inzwischen weltweit etabliert. An der Universität in München beschäftigt sich ein Projekt der medizinischen Fakultät mit dem Thema.

Auch die Prüflinge im Kloster Esthal haben schon konkrete Ideen, wie und an wen sie das Waldbaden weitergeben wollen. Doreen Sallmann ist Chefärztin an einer onkologischen Rehaklinik in Thüringen. „Unsere Patienten kommen von der Therapie geschwächt zu uns. Für diese Menschen ist es ungemein wichtig, Achtsamkeit zu lernen und die einfachen Dinge in der Natur wahrzunehmen“, sagt die Medizinerin, die bislang von keiner anderen Einrichtung weiß, die Waldbaden als Therapie anbietet. Aus einem ganz anderen Bereich kommt Margaretha Löffler: Die ehemalige PR- und Marketingexpertin kennt den Druck und den Stresslevel der Branche aus eigener Erfahrung und will Waldbaden als Modul des betrieblichen Gesundheitswesens anbieten. Während das Thema Achtsamkeit für die Yogalehrerin aus der Schweiz und den Coach für meditatives Wandern vertrautes Terrain ist, hat sich Cincia Feraci das Waldbaden für Kinder und Jugendliche auf die Fahnen geschrieben. „Waldbaden hat sich bei hochsensiblen, autistischen oder anders beeinträchtigten Kindern als sehr wirkungsvoll erwiesen“, bestätigt Schlimm-Thierjung.

Über die Wirkung des Waldbadens sind die Teilnehmer des Esthaler Kurses selbst erstaunt. „Wir lernen, zur Ruhe zu kommen“, beschreibt Susanne Kober ihre Erfahrung. „Während wir am Anfang des Kurses beim Schlendern noch vier Minuten unterwegs waren, brauchen wir für dieselbe Strecke jetzt mehr als doppelt so lang.“ Margaretha Löffler hat sogar festgestellt, dass ihre kreative Gehirnhälfte merklich aktiviert worden sei. „Der Wald macht unsere Sinne auf“, fasst Anja Schué zusammen, die ihr Wissen demnächst als selbstständige Wanderführerin weitergeben wird.

Als „Badeort“ hat der Pfälzerwald mit seinen Kiefern und den vergleichsweise milden Temperaturen den aus ganz Deutschland angereisten Teilnehmern gut gefallen. Kursleiterin Schlimm-Thierjung ist aus Landau, mit dem Thema Waldbaden aber längst europaweit unterwegs. Gerade ist sie aus Spanien zurückgekehrt. Vorbereitungen für Waldbaden-Kurse laufen außerdem in Rumänien, Schweden und Polen. „Wir suchen immer die Kooperation mit den lokalen Förstern und legen sehr viel Wert auf Qualitätsstandards“, erklärt Schlimm-Thierjung. „Waldbaden ist eben mehr als ein Waldspaziergang.“ Deshalb müssen die angehenden Kursleiter neben einer schriftlichen Facharbeit auch eine Lehrprobe absolvieren. Im Kloster Esthal freuen sich zum Abschluss alle auf die Lehrprobe ihrer Kollegin Anja Schué: Sie hat ein Waldpicknick mit lokalen Kostproben vorbereitet und lädt ein, achtsam und mit allen Sinnen zu essen. In unserer „To-go-Gesellschaft“ sei das nämlich fast schon selten geworden, so Schué.

Im Internet

www.waldbaden-akademie.com

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