Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Festnahme nach Schießerei: Das sagt der Rockerboss

Die Maschine eines Mitglieds des Mannheimer Motorradclubs „Germanen“ im Stadtteil Waldhof: abgestellt vor dem Lokal, vor dem ein
Die Maschine eines Mitglieds des Mannheimer Motorradclubs »Germanen« im Stadtteil Waldhof: abgestellt vor dem Lokal, vor dem ein 27-jähriger Türke auf die Rocker geschossen haben soll.

Weil er auf sechs Mitglieder des Mannheimer Motorradclubs Germanen geschossen haben soll, wird jetzt ein 27-jähriger Türke wegen versuchten Mordes gesucht. Einen Zusammenhang mit Streit im Rockermilieu sehen die Ermittler nicht. Der Club selbst glaubt zu wissen, was hinter dem Anschlag steckt.

Das Amtsgericht Mannheim hat am Mittwoch Haftbefehl wegen des Verdachts des versuchten Mordes und der gefährlichen Körperverletzung in sechs Fällen gegen einen 27-jährigen türkischen Staatsangehörigen erlassen. Der Mann, der sich auf der Flucht befindet, ist demnach dringend verdächtig, am 24. September gegen Mitternacht vor einer Kneipe im Stadtteil Waldhof auf Mitglieder des Motorradclubs Germanen Mannheim gefeuert zu haben. Dabei wurden sechs Rocker im Alter von 35 bis 45 Jahren zum Teil schwer verletzt, einer liegt noch im Krankenhaus.

„Ich habe verdammtes Glück gehabt“, sagt Holger Jan Pohl, „die Kugeln sind mir um die Ohren gepfiffen“. Wobei Glück relativ ist, denn Pohl hat es erwischt: eine Patrone Kaliber neun Millimeter, glatter Durchschuss in Hüfthöhe.

Nicht ohne Stolz präsentiert der 37-jährige Familienvater die Schusswunde. Laufen oder sitzen könne er nur unter großen Schmerzen, sein rechtes Bein sei schlaff. Aber schlimmer geht immer: Bei einem Kameraden habe ein Beinschuss die Schlagader verletzt: „Der wäre uns fast verblutet.“

Auch so ist die Bilanz erschreckend: Zeugen wollen 16 Schüsse gehört haben, ein Biker wurde zweimal, ein anderer dreimal getroffen. „Der hat sogar nachgeladen“, sagt Pohl, selbst „kein Kind von Traurigkeit. Aber so was ...“

Rockerkrieg in Mannheim?

Eine Schießerei, in die organisierte Biker verwickelt sind lässt an die Rockerkriege denken, die Vereinigungen wie Hells Angels, Bandidos, Outlaws oder Gremium immer wieder ausfechten, um Hoheitsgebiete abzustecken – für Schutzgelderpressung, Geldwäsche, Zuhälterei, Drogenhandel oder Waffenschmuggel. Kurz: für schmutzige Geschäfte, die oft unter dem Schutz von Kutten abgewickelt werden.

„Wir haben damit nichts am Hut“, sagt Norbert „Mac“ Vilimek, Clubgründer und seit 31 Jahren Präsident der derzeit 30 Mannheimer Germanen, einer „multiethnischen Truppe“, wie der 64-Jährige betont. Die Germanen-Symbolik stehe im Übrigen für Gemeinschaft und Lagerfeuer, nicht für ein völkisches Weltbild.

Vilimeks Ärger über eine Razzia der Polizei im Mannheimer Vereinsheim und im Umfeld der Clubs Mitte August war noch nicht verraucht, als er von der Schießerei hörte: „Die Polizei hat damals bei uns nichts gefunden, aber 3000 Euro Schaden hinterlassen. Und nun das.“ Nun, gefunden hatte die Polizei dem Vernehmen nach doch etwas: Drogen und Waffen. Allerdings bei Bikern, mit denen man nichts mehr zu tun habe, sagt Vilimek: „Wer Scheiße baut, fliegt raus.“ Würde man zu Recht mit krummen Dingern in Verbindung gebracht, „könnte die Polizei uns das Vereinsheim dichtmachen. Das wollen wir nicht riskieren“.

„Haben keinen Streit“

Da die Germanen keine Gebietsansprüche stellten, könne es auch keine Rivalitäten um Reviere geben, meint Clubboss Vilimek. Auch mache keine andere Gruppierung Druck, sich ihnen anzuschließen, um deren Schlagkraft zu erhöhen. „Da hat sich keiner bei uns gemeldet. Die wissen, dass das aussichtslos ist“, sagt Vilimek. Man sei eigenständig und wolle es bleiben. Außerdem pflege man ein gutes Verhältnis zu den anderen Clubs, auch zu den Platzhirschen vom Gremium. „Wir haben keine Feinde“, sagt der frühere Türsteher: Dass Rocker die Angreifer waren, „kann ich ausschließen“.

Nicht ausschließen will Vilimek hingegen, dass eine private Fehde eines Clubmitglieds zu dem Anschlag geführt hat. Zielgerichtet sei die Attacke jedenfalls gewesen, ist er überzeugt, seine Leute hätten keinen Streit gesucht, man habe ihnen regelrecht aufgelauert.

Rocker vermuten geplante Attacke

Auch die Mannheimer Ermittler haben offenbar keine Anhaltspunkte dafür, dass neue Verteilkämpfe zwischen Motorradgangs aufflammen könnten. Der mutmaßliche Schütze gehöre jedenfalls keiner Rockergruppierung an, so die Staatsanwaltschaft. Man gehe von einem Einzeltäter aus, der nach einem Streit zur Waffe gegriffen habe und dann geflohen sei. Das Fluchtfahrzeug wurde wenige Tage später in Eschborn bei Frankfurt gefunden.

Die Mannheimer Germanen sehen die Sache etwas anders. „Die haben gewusst, dass wir dorthin kommen“, sagt Holger Pohl und spricht bewusst in der Mehrzahl. Der Angriff sei geplant gewesen: „Wer schleppt schon immer eine Waffe mit zwei Magazinen mit sich herum?“ Man hatte im Vorfeld verabredet, am Freitagabend in genau dieser Kneipe etwas zu trinken: „Als wir ankamen, saß da schon eine Gruppe.“ Aus dieser heraus seien die Germanen ständig provoziert worden. Als man habe gehen wollen, sei einer der Pöbler aufgesprungen, habe sich vor ihm aufgebaut, nach einem Wortgefecht die Knarre gezogen und losgeballert. „Der hat nur nach einem Anlass gesucht“, ist sich Pohl sicher.

Rache aus der Shisha-Bar?

Der Rocker glaubt, dass der Angriff vor allem ihm gegolten hat. Der Schütze habe zu ihm so etwas gesagt wie „Meine Brüder haben dich plattgemacht“, erzählt der 37-Jährige. Was der Biker als Anspielung auf eine frühere Auseinandersetzung mit einigen Typen angeblich kurdischer Herkunft in einer Shisha-Bar deutet.

Wobei sich die Frage stellt, ob ein Kneipen-Geplänkel ausreicht, damit eine ganze Rockergruppe zur Zielscheibe wird. Und warum der Täter vor allem auf die Beine der Opfer zielte. Laut Zeugen soll er in einem Fall über einem wehrlos am Boden Liegenden gestanden haben. Er hätte also womöglich mehr Schaden anrichten können. Konnte er nicht? Wollte er nicht? Sollte es „nur“ eine Warnung sein, ein unzweideutiger Gruß von Clanmitgliedern an störende Rocker?

„Das ist alles mysteriös“, räumt Germanen-Boss Vilimek ein. Wo man doch seit jeher versuche, das Image vom bösen Biker zu revidieren. In der Vergangenheit machten die Germanen in der Tat eher mit karitativen Aktionen von sich reden, spendeten zugunsten des Gnadenhofs in Worms, engagierten sich für das Kinderhospiz Sterntaler in Dudenhofen (Rhein-Pfalz-Kreis). Aktuell sammeln sie Geld für den Erhalt der Kirche St. Peter in der Mannheimer Schwetzingerstadt. „Dass man die Kirche abreißt, das geht doch nicht“, sagt Vilimek, St. Peter sei für die Menschen ein Stück Heimat. Das gebe man nicht so einfach auf.

Norbert Vilimek, Gründer und Präsident des Motorradclubs Germanen Mannheim.
Norbert Vilimek, Gründer und Präsident des Motorradclubs Germanen Mannheim.
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