Interview
Wie der Pfalzbau-Intendant Tilman Gersch „das Schiff wieder auf Kurs bringen“ will
Herr Gersch, vor Ihnen liegt Ihre letzte Saison, denn danach endet Ihr befristeter Vertrag. Oder gibt es Neuigkeiten?
Ich hoffe, dass es nicht meine letzte Spielzeit ist und dass ich mich weiter für das Theater hier engagieren darf. Signale dazu gibt es bereits.
Wenn Sie bleiben sollten, kämen allerdings nicht gerade einfache Zeiten auf Sie zu.
Das ist richtig. Aber es ist für mich ein Ansporn, an den Erfolg der Saison 2018/19 wieder anzuknüpfen. Damals haben wir mit Nanine Linning als Tanzkuratorin, durch die wir auch Publikum aus Heidelberg angezogen haben, und durch die Werkschau Residenztheater München Rekordeinnahmen in Höhe von 1,4 Millionen Euro erzielt. Natürlich möchte ich, dass das Schiff wieder auf Kurs kommt und wir dieses Corona-Tal durchschreiten. Wir müssen die Festspiele mit einem hohem künstlerisch-konzeptionellen Anspruch wieder beim Publikum verankern.
Sie könnten auch rechtzeitig abspringen, bevor das Mannheimer Nationaltheater als Untermieter ab der Spielzeit 2022/23 auftaucht. Haben Sie mit dem Gedanken gespielt?
Ich habe über vieles nachgedacht. Aber ich habe dankbar aufgenommen, dass der Stadtrat durchaus sieht, dass die Solidarität, die Ludwigshafen mit Mannheim im Sinne der Metropolregion übt, auch eine Belastung fürs Theater und eine Herausforderung für mich als Intendanten darstellt. Das gibt mir das Gefühl, unterstützt zu werden. Jetzt ist erst einmal mein Ziel, die Pfalzbau-Bühnen als starken Ort für Tanz, Schauspiel und Performance hochzuhalten. Man kann aus der Krise auch eine Aufgabe machen und daraus Energie ziehen. Mich reizt es zu schauen, wie ich etwa mit anderen Spielorten in dieser Zeit das Profil schärfen kann.
Was wird die größte Herausforderung?
Es wird schwieriger, Termine für die Gastspiele zu finden, die wir haben wollen – und dadurch vielleicht auch teurer. Ich habe ja keine kleine Programmbude, sondern muss 1150 Plätze füllen. Das Haus in seinen Dimensionen funktioniert nur, wenn es richtig voll ist. Sie kennen die Stimmung ja aus den ausverkauften Ballettvorstellungen oder von Publikumsmagneten wie Robert Wilsons „Dreigroschenoper“, dann brodelt es hier, die Zuschauer schreien auf, es ist wie ein entfesselter Drache. Dafür muss ich Angebote schaffen, und dafür brauche ich Termine und Geld. Programmgestalter wissen, wie schwer es ist, die Veranstaltungen wie an einer schönen Schnur aufzureihen, damit sie Lust machen.
Dafür wird es nun enger im Kalender ...
Ja, und zwar nicht allein wegen der Vorstellungstage, sondern weil wir genauso viele Einrichtungstage brauchen. Wenn das Tanztheater Wuppertal mit dem Pina-Bausch-Stück „Palermo Palermo“ kommt, benötigen sie drei Tage, um das Stück einzurichten, dazu drei Aufführungstage. Die Kompanien reisen nicht einfach morgens an, und abends knipsen wir das Licht an. Es dauert Tage, eine besondere Lichtstimmung einzustellen, denn es handelt sich ja um ein Kunstwerk.
Um die Gestaltungsräume wurde hart gerungen: Das Nationaltheater erhält 108 Nutzungstage für Oper und Tanz und wollte diese auf drei Blöcke verteilen, jetzt sind es nur zwei. Wie werden Sie mit Ihrem Spielraum nun umgehen?
Viele unserer Abonnenten erwarten, dass sie über die Spielzeit verteilt ihre Termine haben. Sie werden mich nicht umarmen, wenn ich sie in einem Monat nun vier Mal ins Theater schicke, vielleicht verliere ich dadurch welche. Das ist schon eine Sorge.
Aber die Frage ist ja, wie sich das Repertoire-Abonnement-Theater in Zukunft entwickeln wird – nach Corona, aber auch nach der Generation unserer Eltern, der älteren regelmäßigen Theatergänger. Gilt dann noch die Idee einer permanenten Bespielung aller Sparten? Die Tendenz bei den Kulturinteressierten geht hin zum Exklusiven, zum Eventcharakter. Meine Zukunftsvision sind deshalb fantastische Festspiele im Herbst und ein großer Theaterfrühling. Und durch die Situation mit Mannheim werden wir ohnehin in diese Richtung gelenkt.
Mit einem Paukenschlag und dem Mini-Festival „Live. Wir spielen wieder!“ haben Sie auch nach dem ersten Lockdown die Wiedereröffnung gefeiert. In diesem Jahr tröpfelt die Saison aus ...
Wir hatten noch ein gutes Restprogramm und ehrlich gesagt, gucke ich jetzt einfach auf die nächste Spielzeit. Dafür müssen wir die Kräfte bündeln, um mit dem Budget klarzukommen und einen prallen Herbst anzubieten. Wenn Sie sehen, dass das Tanztheater Wuppertal kommt, das Mexikanische Nationalballett bei der Tanz-Gala, die Handspring Puppet Company aus Südafrika mit ihren merkwürdigen Figuren in „Leben und Zeit des Michael K.“ und Kirill Serebrennikov mit „Machine Müller“ aus Moskau – das alles kostet etwas. Wir fahren ohnehin auf Sicht, weil wir nicht wissen, was wir einnehmen werden. Mit 800.000 Euro an reinen Einnahmen aus dem Kartenerlös rechnen wir, aber wenn die Zuschauer nicht so reichlich kommen oder wir coronabedingt weniger Plätze anbieten, können sie geringer ausfallen. Mit einer Belegung von 50 Prozent, also 570 Plätzen, gingen die Festspiele gerade so.
Ein opulentes Spielzeit-Programm haben Sie vor wenigen Wochen präsentiert. Kommt das Publikum zurück?
In einer massiven Werbekampagne haben wir zwischen Frankfurt und Stuttgart unser Programmheft in den Zeitungen beigelegt, denn unser Haus hat eine große Strahlkraft im 100-Kilometer-Umkreis. Tatsächlich prasseln derzeit diese Zettelchen – die Anmeldungen für die Interimsabonnements – wie verrückt auf uns ein. Das begeistert mich, liegt aber auch daran, dass sich diesmal unsere Abonnenten bei uns melden müssen, die sonst ihre Termine immer zugeteilt bekommen.
Wie funktionieren denn die neuen Interimabonnements?
Feste Buchungen oder Abonnements für bestimmte Plätze können wir derzeit nicht anbieten, denn im letzten Jahr waren wir mehr mit Rückzahlungen beschäftigt. Aber wir dürfen die Leute auch nicht aus ihrer Gewohnheit lassen: Viele lieben es, feste Termine und eine Struktur zu haben. Mit dem Interimsabo bieten wir so etwas Ähnliches an – also Pakete zum Schauspiel, Ballettring, Auslese, Comödie – und die Zuschauer können sich darin eine Platzkategorie reservieren.
So eine Art Warteliste?
Ja, sobald wir wissen, wie viele Platzkontingente wir je nach Pandemielage anbieten dürfen, können die Reservierungen eingelöst werden – vielleicht alle, vielleicht nur ein Teil. Das ist zumindest ein Versuch.
Ein bisschen ist die Saison auch ein Nachhol-Programm, weil ausgefallene Produktionen gezeigt werden, die heiß begehrt waren wie „Piazzolla Tango“ oder „Medea“. Sie gehen aber ebenso in die Vollen mit neuen internationalen Produktionen. Ganz schön riskant!
Es bleibt mir nichts anderes übrig. Aber natürlich suchen wir schon nach Alternativen aus Deutschland, falls eine internationale Kompanie nicht anreisen darf. Rührenderweise haben uns da in der letzten Spielzeit auch unsere – von der Kritik hochgelobten – Eigenproduktionen geholfen, als Theater präsent zu bleiben.
Ein Ass in Ihrem Ärmel war sonst die Werkschau einer großen deutschen Bühne. Sie fehlt leider.
Ja, die Durchschlagskraft einer Werkschau haben wir in diesem Jahr nicht, weil die Häuser einen Premieren-Stau vor sich herschieben und selbst überfordert sind. Es war ohnehin schon immer ein Glück, sie zum Saisonbeginn hierher einladen zu können. Mit „Lulu“, „Maria Stuart“ oder „Anna Karenina“ steht das Schauspiel aber trotzdem prächtig da.
Und was steckt hinter der neuen Reihe „Ovel/Eibel. Kollektive Annäherungen“?
Mein geliebtes Weltfest kann ich gerade nicht machen. Mit „Kollektive Annäherungen“ wollte ich Leute einladen, die einen migrantischen Hintergrund haben und selbst etwas kuratieren. Um nicht als der weiße patriarchische Intendant aufzutreten, sondern mein Theater zu öffnen. Die Kuratoren sind eloquente sympathische Menschen, und sie werden Musik, Party, Lesungen und den Diskurs einer jüngeren selbstbewussten Generation ins Haus bringen: international, queer, schräg. Schön finde ich, dass dabei „Liebe“ das Thema sein soll, denn mich bedrückt diese Unversöhnlichkeit in den sozialen Medien, deshalb möchte ich auch mit meiner Eigenproduktion „Nathan der Weise“ eine positive Botschaft in die Welt bringen.
Gefeiert wurde gerade bei der Fußball-EM. Haben Sie das genossen oder in die Tischkante gebissen, als Sie volle Stadien sahen, während die Zuschauerränge im Theater hier ausgedünnt sind?
Das ist mir eine Verheißung. Wir können unsere Gesellschaft ja nicht ewig gezügelt halten. Wenn Ende August jeder ein Impfangebot hatte, und es sich herausstellt, dass es weniger schwere Verläufe gibt, sollten wir versuchen, wieder normal weiterzuleben. In der Grippesaison schließen wir die Theater ja auch nicht.
Interview: Antje Landmann
Zur Person
Seit Januar 2015 ist Tilman Gersch Intendant der Pfalzbau-Bühnen in Ludwigshafen, und sein befristeter Vertrag läuft zum Ende der Spielzeit 2021/22 aus. Gersch ist gebürtiger Berliner, Jahrgang 1964, und hat Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch studiert. Nach einigen Engagements und seiner freien Arbeit als Regisseur für namhafte Bühnen, gehörte er sieben Jahre lang der Schauspielleitung des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden an. Gemeinsam mit seiner Frau, der Schauspiel-Dramaturgin Barbara Wendland, kreiert er Eigenproduktionen für den Pfalzbau. Die Familie lebt mit Sohn in Friesenheim.