SPORTLER IM BLICK
Warum es dem Handballer Dominik Götz kaum noch möglich ist, von den Lippen abzulesen
Die Saison im Handball wurde kürzlich abgebrochen. Die Pandemie und das gleichzeitige Verbot von Amateursport in den Hallen lassen einen Trainings- und Spielbetrieb nicht zu. Davon lässt sich Dominik Götz, der in der vergangenen Saison das Trikot der TG Oggersheim trug, ehe er sich nach dem starken personellen Aderlass für einen Wechsel über die Rheinbrücke zum SV Waldhof Mannheim entschied, nicht allzu sehr beeindrucken. „Es ist schon schwierig, wenn man derzeit keinen Ball in die Hand nehmen kann. Aber ich tue alles, um fit zu bleiben, und ich fühle mich auch fit. Die Sehnsucht nach dem Ball ist allerdings groß“, sagt Götz.
Der 26 Jahre alte Pfälzer, der in Lambsheim wohnt, hat ein großes Ziel vor Augen. Er möchte im Frühjahr 2022 bei den 24. Olympischen Spielen der Gehörlosen, den Deaflympics, wieder dabei sein. Es wäre ein weiterer Höhepunkt für den gelernten Verwaltungsfachangestellten, der zum Stammkader von Bundestrainer Alexander Zimpelmann zählt. Vor allem, weil der Verband die geplante Teilnahme an der Europameisterschaft im Frühjahr wegen der fehlenden Vorbereitung in Kroatien abgesagt hatte, hofft Dominik Götz, dass er bei den Sommer-Deaflympics in Brasilien dabei sein kann. Der Freinsheimer Zimpelmann, der nach den Deaflympics im Herbst 2017 die Mannschaft übernommen hat, betreut auch die ersten Herren der HSG Mutterstadt/Ruchheim in der Pfalzliga.
An die Spiele vor vier Jahren in Samsun in der Türkei erinnert sich Götz gerne, auch wenn sich das Team im Spiel um die Bronzemedaille Kroatien geschlagen geben musste. Neben Felix Werling aus Wörth ist Götz der zweite Pfälzer im Handball-Nationalkader des Deutschen Gehörlosen-Sportverbands. Er hat seinen festen Platz auf der Linksaußen-Position.
Präventives Krafttraining
Bereits im Dezember ist ein Lehrgang, der in der Pfalzhalle in Haßloch geplant war, abgesagt worden. Davor wollte man sich zu einem Trainingslager in Leipzig treffen. Alles fiel der Pandemie zum Opfer. Also nutzt Götz die Zeit eben zum täglichen Training über Youtube mit der bekannten Influencerin Pamela Reif und setzt auf deren Übungen. „Meine Erfahrungen sind sehr positiv“, verdeutlicht Götz. Fünfmal in der Woche hält er sich nach ihren Vorgaben fit. Ein absoluter Pflichttermin für den gesamten Kader ist das wöchentliche Online-Training per Bildschirm mit den Trainern Alexander Zimpelmann, Sven Labitzke und Jan Willner. Es handelt sich fast ausschließlich um spezifisches Krafttraining, das auch Verletzungen vorbeugen soll. „Das macht einen Riesenspaß, Jan macht nicht nur die Übungen vor, sondern er gibt Anweisungen und korrigiert“, erklärt Götz. 75 Minuten sind jeweils mittwochs ab 19 Uhr Pflicht. „Das ersetzt nicht das Training in der Halle, aber es ist eine wertvolle Unterstützung, um fit zu bleiben“, betont Dominik Götz.
Trotz seiner hochgradigen Schwerhörigkeit funktioniert die Anleitung. „Ich trage auch beim Training durchgängig meine beiden Hörgeräte“, erzählt Götz. Ohne diese Hilfsmittel käme er im täglichen Leben nicht zurecht. „Da wäre die Verständigung sehr schlecht möglich“, räumt der Handballer ein. Aber es gibt auch Kollegen, die den Übungsleiter nicht verstehen. Für diese nutzt das Trainerteam in den Einheiten zusätzlich quasi einen Übersetzer, so dass die Anweisungen auch abgelesen werden können. Bei den Spielen im Nationaltrikot sind Hörhilfen verboten.
Um überhaupt als Gehörloser ins Team aufgenommen zu werden, muss eine beidseitige Schwerhörigkeit vorliegen. Und auf dem weniger geschädigten Ohr muss ein Hörverlust von mindestens 55 Dezibel gegeben sein. Eine Gebärdensprache ist aber nicht notwendig. „Ich habe diese auch nicht gelernt“, erzählt Götz. Die im Kindergartenalter entdeckte Schwerhörigkeit, die ihn seitdem zum beidseitigen Tragen von Hörgeräten zwingt, resultierte offensichtlich aus einer Mittelohrentzündung und einem Gehörsturz. „So genau wurde es bis heute nicht festgestellt“, berichtet der Sportler.
Sachbearbeiter im Bauamt
Er hat sich mit seinem Schicksal abgefunden, nicht resigniert und gelernt, mit der Schwerhörigkeit zu leben. Das war nicht immer leicht. Nach der vierten Klasse wechselte er deshalb auf die Augustin-Violet-Schule am Pfalzinstitut für Hören und Kommunikation (PIH) in Frankenthal, eine Förderschule für Hör- und Sprachbehinderte. Er schaffte die Mittlere Reife und absolvierte eine Ausbildung bei der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim, wo er heute als Sachbearbeiter im Bauamt für den Bereich Liegenschaften zuständig ist. In der Pandemie und der damit verbundenen Maskenpflicht ist dies eine zusätzliche Herausforderung. Auch deshalb, weil Schwerhörige, wenn auch zum Teil unbewusst, gelernt haben, dem Gegenüber von den Lippen abzulesen. Hören heißt eben nicht immer, die Worte auch richtig zu verstehen.
Trotz all den Schwierigkeiten, die auftreten können, blieb Götz dem Handball, den er einst beim TV Lambsheim und bei der HSG Eppstein/Maxdorf erlernte, bis heute treu. Er verspürt immer noch eine große Freude, trotz seines Handicaps. Und dies aus mehreren Gründen: Weil er als Schwerhöriger von seinen Kameraden akzeptiert und geschätzt wird, aber auch, weil der Deutsche Gehörlosensportverband auf mehr Professionalität im Sport setzt.