Mannheim
Warum das Maimarktgelände bei Konzertveranstaltern in Ungnade fiel
Dabei fing alles so vielversprechend an. In den 80er- und 90er-Jahren gaben sich Weltstars die Ehre und schraubten die Zahl der verkauften Tickets immer höher. „Über 70.000 Rockfans liefern sich beim SWR-3-Open-Air-Festival auf dem Maimarktgelände selbst die atemberaubende Kulisse für die größte Freiluftveranstaltung aller Zeiten“, jubelte der Chronist beim Auftakt. Auf dem Programm standen damals im Juni 1986 gleich vier Spitzenbands jener Tage: Gary Moore, Level 42, Marillion und Queen mit ihrem ikonischen Freddie Mercury. Dieser Besucherrekord hielt fast zehn Jahre lang. Erst die Rolling Stones brachen ihn beim Gastspiel zur „Voodoo Lounge“-Tour 1995 und drei Jahre später bei „Bridges to Babylon“ erneut. Vor 80.000 Fans, der größten Kulisse, die es bis dato bei einem Mannheimer Rockkonzert gab, zelebrierten Mick Jagger und Co. ihre Mannheimer Gastspiele. Keine Konzertagentur ist seither mehr in diese Umsatzdimensionen vorgedrungen, wenngleich Metallica mit 60.000 Fans vor drei Jahren noch zumindest daran geschnuppert hat.
Die 80er und 90er bleiben bis heute die Blütezeit der Open Air-Kultur. Wer in den Archiven blättert, stößt auf das „Who is Who“ der Unterhaltungsbranche. Begonnen hat die Tradition mit einer Gruppe, deren größter Hit bis heute in den ewigen Hitparaden der Rundfunksender mitspielt: Deep Purple spielten 1985 als Zugabe natürlich „Smoke on the Water“. Bis zum Jahr 2000 bauten die Scorpions, Genesis, Pink Floyd, Herbert Grönemeyer, ZZ Top, Guns’N’Roses, Iron Maiden, Metallica, Bon Jovi und U2 ihre Verstärkertürme und gigantischen Videoleinwände auf. Insgesamt strömten bis zur Jahrtausendwende weit über eine Millionen Besucher zu den Supergruppen an der Xaver-Fuhr-Straße. Danach folgen jedoch nahezu zehn einsame Jahre ohne Glamour und Rampenlicht.
20 Minuten zu lang
Schuld daran trug ein gewisser Bon Jovi. Denn der offenkundige Bann der Konzertmanager, der eine Dekade lang über dem Maimarktgelände hing, ist letztlich von dem US-Boy mitverursacht worden. Bei dem Auftritt am 1. Juni 2003 verschob sich zunächst der Start, weil viele der 55.000 Fans um 20 Uhr noch im Stau standen. Wohl auch deshalb spielte die Band anschließend länger, als Ordnungsamt und Polizei erlaubten. Und so endete die Show erst um 23.20 anstatt wie terminiert um 23 Uhr. In den Revieren standen die Telefone nicht still: Hunderte Beschwerden aus der Nachbarschaft gingen ein, und das Ordnungsamt reagierte dünnhäutig.
Matthias Mantel vom Mannheimer Konzertveranstalter BB Promotion erinnert sich: „Normal halten sich die Stars an die Sperrstunde, sonst drohen Konventionalstrafen. Ich hätte Bon Jovi ja wohl auch nicht einfach den Saft abdrehen können. So waren es eben 20 Minuten länger. Die Aufregung kann ich bis heute nicht nachvollziehen.“
Robbie ohne Zugabe
Das Ergebnis des Ärgers folgte nur sechs Wochen später. Robbie Williams begeisterte über 65.000 Zuschauer. Wegen einer technischen Panne musste er sein Programm aber kürzen, um pünktlich fertig zu werden. Er brach also mitten in einem Song ab und verzichtete auf die übliche Zugabe, die viele Besucher normalerweise zum frühzeitigen Aufbruch animiert. Williams’ Auftritt aber endete so schlagartig, dass alle Fans gleichzeitig in Richtung Ausgang drängten. Erst gegen 2 Uhr war das sich anschließende Verkehrschaos vorbei. Die Kritik an der starren Sperrstunde ist deutlich. „Bei Bon Jovi und Robbie Williams wurden die Besucher durch ein Nadelöhr gequetscht und bei der Abfahrt regelrecht gehetzt“, sagt Mantel.
Mit dem Bau und der Erschließung der SAP-Arena und ihren Parkplätzen unweit des Maimarktgeländes verbesserten sich die Verkehrslage und die Straßenbahnanbindung deutlich. Der Bann der großen Konzertveranstalter für den Open Air-Standort Mannheim wurde wieder aufgehoben, die Stars kamen zurück aufs Maimarktgelände. Das auch, weil die Kontrolleure wohl nicht mehr mit der Stoppuhr neben der Bühne stehen. Dennoch: Zählt man die Freiluftkonzerte in Mannheim während der vergangenen zehn Jahre, kommt man lediglich auf ein Dutzend. Und bei diesen konnte die 40.000er-Marke nur dreimal geknackt werden. Selbst wenn man die Konzertverbote während der Pandemie berücksichtigt, hat der benachbarte Hockenheimring im lukrativen Open-Air-Geschäft in der Region inzwischen die Pole Position eingenommen.