Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Rimini Protokoll gastiert bei den Festspielen

Eine eigene Ausdrucksform und Ästhetik: Das zeichnet alle Arbeiten des Kollektivs RImini Protokoll aus.
Eine eigene Ausdrucksform und Ästhetik: Das zeichnet alle Arbeiten des Kollektivs RImini Protokoll aus.

Rimini Protokoll – seit 25 Jahren steht dieser Name für außergewöhnliche künstlerische Arbeiten. All den Stücken des Kollektivs ist gemeinsam, dass sie überraschen und Bilder schaffen, die bleiben. So soll es auch bei der preisgekrönten Performance „All right. Good Night“ sein.

Der letzte große Auftritt von Rimini Protokoll in der Rhein-Neckar-Region ist gerade erst zu Ende gegangen. Von Juli bis Oktober war die Kunsthalle Mannheim Gastgeber für „Urban Natur“, einer interaktiven Ausstellung, deren Besucher zu Bewohnern einer Metropole wurden und für eine Stunde eintauchen konnten in den Alltag eines Gefängniswärters, einer geflüchteten Frau, einer Bankerin, einer alleinerziehenden Mutter, die ihr Einkommen mit der Aufzucht von Cannabis bestreitet. Kooperationspartner bei dieser beeindruckenden Installation war das Nationaltheater.

Den guten Ruf zementiert

Das Mannheimer Nationaltheater – es ist jener Ort, an dem 2005 der Mythos Rimini Protokoll vielleicht nicht geschaffen, aber doch zementiert worden ist: mit der legendären „Wallenstein“-Inszenierung bei den Schillertagen. „Experten für Aufstieg und Fall“, unter ihnen der damalige Mannheimer CDU-Politiker Sven Joachim Otto, holten in dieser „dokumentarischen Inszenierung“ (Rimini Protokoll) Schillers Stoff in die Wirklichkeit. Wer dabei war, wird sich erinnern, auch wenn die Premiere schon 17 Jahre her ist. Für die Arbeit erhielten das Nationaltheater und Rimini Protokoll eine Einladung zum Berliner Theatertreffen, immer wieder wurde der Gruppe diese Ehre zuteil.

„All right. Good Night“ gehörte im Sommer 2022 zu den zehn ausgewählten Theaterproduktionen, die ein Gremium aus Kritikerinnen und Kritiker für würdig gehalten hatte, beim Theatertreffen gezeigt zu werden. Premiere war am 16. Dezember 2021 im HAU (Hebbel am Ufer) in Berlin. Genau ein Jahr später wird die Arbeit nun bei den Festspielen Ludwigshafen zu sehen sein. Regisseurin Helgard Haug verknüpft darin das rätselhafte und bis heute nicht aufgeklärte Verschwinden des Malaysia-Airlines-Flugs MH 370 im März 2014 mit der etwa zeitgleich auftretenden und sich manifestierenden Demenz-Erkrankung ihres Vaters. „Das Thema Verschwinden hat mich interessiert“, sagt Regisseurin Helgard Haug. „Es ging mir um die Infragestellung von Präsenz auf der Bühne.“ Gedanken, die zur Zeit der Corona-Pandemie mit ihren Abstandsappellen aufkamen – könnte man meinen. „All right. Good Night“ wurde zwar in der Pandemie erarbeitet (mit allen Problemen und fragilen Umständen), die Auseinandersetzung mit diesen Themen begann aber schon viel früher: Jahre zuvor hatte Helgard Haug gemeinsam mit der Musikerin Barbara Morgenstern die Inszenierung „Chinchilla Arschloch, waswas“ über Menschen mit Tourette-Syndrom auf die Bühne gebracht.

Intensive Recherche

Barbara Morgenstern hat auch zu „All right. Good Night“ Musik komponiert. Auf der Bühne stehen das zwölfköpfige Zafraan Ensemble und sechs Sprecherinnen. Ihre Texte entstanden aus intensiven Recherchen und Gesprächen mit Angehörigen von Opfern des Flugzeugabsturzes und Menschen, die sich beruflich mit dem Thema Flugsicherung beschäftigen. Was genau auf der Bühne passieren wird – man darf gespannt sein. Wie immer bei Rimini Protokoll wird es auf jeden Fall eine ganz eigene Ausdrucksform und Ästhetik haben.

Dass aus einer Arbeit die nächste entsteht und langjährige Zuschauerinnen und Zuschauer Querverbindungen zwischen den Werken ziehen können – das zeichnet für Helgard Haug Rimini Protokoll aus. „Es gibt unterschiedliche Autorenschaften und wie bei einer Band auch Solo-Alben“, sagt sie. „Jedes Projekt sucht sich darüber hinaus seine Mitwirkenden.“ Ein großes Team aus Autoren, Dramaturgen, Audio- und Videokünstlern und Musikern arbeitet in unterschiedlichen Konstellationen zusammen, oft schon seit vielen Jahren. Gegründet wurde Rimini Protokoll in den 1990er-Jahren von drei Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel und eben Helgard Haug. Ihre erste gemeinsame Arbeit datiert aus dem Jahr 2000. „Das Theater ist ein faszinierender Ort“, sagt Haug. „Aber die Häuser waren damals sehr mit sich selbst und den eigenen Eitelkeiten beschäftigt. Das führte auch dazu, dass Publikum weg blieb und dadurch ein gewisser Erneuerungsdruck entstand und sich die Bühnen öffneten für neue Ideen und Herangehensweisen.“

Und neben anderen Theatermachern waren es eben auch und besonders die Leute von Rimini Protokoll, die diese Vitalisierung lieferten. Auf immer wieder neue und überraschende Weise. Sie habe schon Ideen für weitere Arbeiten, sagt Helgard Haug. Aber im Moment sei „All right. Good Night“ noch sehr präsent. Neben Gastspielen wie dem im Theater im Pfalzbau werden gerade englische, französische und chinesische Fassungen erarbeitet. Für nächstes Jahr liegt eine Einladung nach China vor. Die Frage nach Verschwinden, Verlust und nach dem, was bleibt – sie ist eine universelle.

Termin

„All right. Good Night“ ist am Dienstag, 6. Dezember, und Mittwoch, 7. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr im Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen zu sehen.

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