Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Helmut-Kohl-Buch: Weggefährten erinnern sich an Kanzler der Wiedervereinigung

„Helmut Kohl – Was bleibt?“ fragt ein Buch von Aljoscha Kertesz (rechts). Dafür kontaktierte er Bernhard Vogel und viele andere
»Helmut Kohl – Was bleibt?« fragt ein Buch von Aljoscha Kertesz (rechts). Dafür kontaktierte er Bernhard Vogel und viele andere Weggefährten.

In wenigen Wochen, am 16. Juni, jährt sich Helmut Kohls Tod zum fünften Mal. Was bleibt von dem Ludwigshafener, der 16 Jahre lang Bundeskanzler war und 25 Jahre lang CDU-Vorsitzender? Die Frage hat der Mannheimer Autor Aljoscha Kertesz über 100 Menschen gestellt, darunter Bernhard Vogel, und ihre Antworten in einem Buch veröffentlicht.

Bernhard Vogels Terminkalender ist gut gefüllt an diesem Nachmittag. Zum Treffen am Mannheimer Wasserturm kommt er direkt aus Heidelberg. Und Heidelberg war auch der Ort, an dem er Helmut Kohl zum ersten Mal gesehen hat. Es muss im Jahr 1955 gewesen sein, an einem Vormittag in der Altstadt. Vogel stand mit einigen Studienkollegen am Bunsen-Denkmal, als Helmut Kohl auf einer Lambretta vorbeigefahren kam. „Hast du den gesehen?“, sagte einer in Vogels Gruppe. „Das war der Kohl. Der wird mal Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.“

„Immer sofort nach Ludwigshafen zurück“

Der Kommilitone hatte prophetische Fähigkeiten. Von 1969 bis 1976 sollte Helmut Kohl der dritte Ministerpräsident des jungen Landes Rheinland-Pfalz werden. Was der Studienfreund aber nicht ahnte, war, dass er in diesem Moment mit Kohls Nachfolger als Mainzer Regierungschef sprach. Wenn Bernhard Vogel auf den „Der wird mal Ministerpräsident“-Spruch mit einem lässigen „Ich auch“ reagiert hätte – es wäre keine Lüge gewesen. „Aber auf diese Idee wäre ich damals im Traum nicht gekommen“, erinnert er sich. Und noch weniger hätte er sich 1955 träumen lassen, Jahrzehnte später auch noch Ministerpräsident von Thüringen zu werden.

Zu Helmut Kohl hatte Bernhard Vogel vorerst keinen engeren Kontakt. Beide hatten zwar einige Überschneidungen in ihren Fächern, aber Kohl promovierte in Geschichte und Vogel in Politikwissenschaft. „Er hat in Heidelberg kein studentisches Leben geführt, er ist immer sofort nach Ludwigshafen zurückgefahren“, sagt der 89-Jährige und fügt mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: „Und wir haben besonders die Wochenenden genossen. Es hat übrigens auch sehr lange gedauert, bis wir uns geduzt haben.“ Trotzdem: Vogel dürfte von den über 100 Menschen, von denen der Mannheimer Kommunikationsberater und Autor Aljoscha Kertesz für sein Buch „Helmut Kohl – Was bleibt?“ Beiträge gesammelt hat, derjenige sein, der den späteren Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden am längsten gekannt hat. „Ja! Ja! Ja!“, ruft er auf die Frage, ob Kohl sein Freund gewesen sei. Ein paar Jahre nach ihrem Kennenlernen wurde der Kontakt sehr intensiv: Vor der Bundestagswahl 1965 wurde wegen der stark gewachsenen Bevölkerung in der Pfalz ein fünfter Wahlkreis installiert, Neustadt-Speyer. Der erste Politiker, der ihn gewann, war Bernhard Vogel. „Kohl hatte nichts dagegen. Er hat die Versammlung geleitet, auf der ich nominiert worden bin.“ Zwei Jahre später, 1967, wurde Vogel Kultusminister im Kabinett von Peter Altmeier, und er blieb es auch unter Kohl, der 1969 Ministerpräsident wurde.

Anrufe aus der Marbacher Straße

Er sei oft zu Gast in Oggersheim gewesen, erinnert er sich. Und bekam auch regelmäßige Anrufe aus der Marbacher Straße. „Hannelore Kohl rief mich an, wenn ihren Söhnen in der Schule etwas passiert war. Und Helmut Kohl rief mich an, wenn ihm eine Sendung im ZDF, dessen Verwaltungsrats-Vorsitzender ich war, nicht gefallen hatte. Ich musste ihnen immer wieder sagen, dass ich weder für das Verhalten von Lehrern in Ludwigshafen noch für das Fernsehprogramm verantwortlich bin“, sagt er und lächelt.

Unzählige Geschichten kann Bernhard Vogel erzählen, sie würden vermutlich ein eigenes dickes Buch füllen. Geschichten über Erfolge und Geschichten über Niederlagen – die größte war für Vogel der Sturz als CDU-Landesvorsitzender 1988, dem er sofort seinen Rücktritt als Ministerpräsident folgen ließ. „Die Partei hat sich von dieser Zeit bis heute nicht erholt“, sagt er. Seit 1991 ist das Ministerpräsidentenamt in Rheinland-Pfalz bekanntlich in SPD-Hand.

Keine Beiträge aus Helmut Kohls Familie

Wenn er Weggefährten treffe, gehe es aber keineswegs nur um die alten Zeiten, betont Vogel, der seit 1965 in Speyer lebt und Ehrenbürger der Domstadt ist. Der Ukraine-Krieg besorge ihn sehr, und auch Gerhard Schröder sei oft Gesprächsthema. Und Helmut Kohl natürlich auch. Er sei oft an dessen Grab in Speyer, „schon allein deswegen, weil jeder zweite Besucher fragt, ob wir hingehen können“. Vogel glaubt, dass die Verdienste des 2017 verstorbenen Altkanzlers erst allmählich ins allgemeine Bewusstsein dringen. „Es gab nur einen Augenblick in der Zeitgeschichte, in der sich der Raum für die Wiedervereinigung geöffnet hat“, sagt Vogel. „Und den hat Kohl genutzt. Er wird für immer mit der Wiedervereinigung verbunden bleiben. Und er hat große Verdienste um Europa.“

Das sind zwei Punkte, die Kertesz’ Gesprächspartner in dem kurzweiligen, wenn auch nicht sehr sorgfältig lektorierten Buch immer wieder erwähnen – Parteifreunde wie Manfred Kanther, Julia Klöckner oder Christian Baldauf und politische Gegner wie Gregor Gysi, Björn Engholm oder Jürgen Trittin gleichermaßen. Kohls langjähriger Chauffeur Eckhard Seeber kommt zu Wort, der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann, der Sänger Michael Holm oder die Schauspielerin Uschi Glas. Die Wiedervereinigung nennt jeder, viele erwähnen die „geistig-moralische Wende“ und auch die Parteispendenaffäre, die einen Schatten auf die letzten Lebensjahre Kohls legte. „Die diversen Hintergründe der Autorinnen und Autoren lassen so nahezu eine 360-Grad-Betrachtung entstehen“, schreibt Kertesz im Vorwort. Nur eine Perspektive fehlt: die von Kohls Familie. Aus Gründen der Neutralität, sagt der 46-Jährige, habe er weder zu Maike Kohl-Richter noch zu den beiden Söhnen Kontakt aufgenommen.

Lesezeichen

Aljoscha Kertesz (Hrsg.): „Helmut Kohl – Was bleibt?“; Engelsdorfer Verlag Leipzig; 404 Seiten; 16 Euro.

x