Mannheim
Einmal aussteigen, bitte: Vom Mannheimer Arzt zum Schriftsteller auf Mallorca
Es ist genau ein Jahr her, da schloss Stefan S. Kassner zum letzten Mal die Tür seiner Praxis hinter sich, verabschiedete sich von seinen Helferinnen, löste seine Wohnung auf und packte seine Koffer, um nach Mallorca zu fliegen. Mit einem One-Way-Ticket, „zum ersten Mal in meinem Leben“, sagt er und erinnert sich beim Videotelefonat mit der RHEINPFALZ an das merkwürdige Gefühl, das er spürte, als er keinen Rückflug buchte.
Nach einem Jahr wird er nun zum ersten Mal wieder nach Deutschland kommen. In seine alte Heimat Mannheim und in seine noch ältere Heimat am Niederrhein, wo seine Mutter lebt. Bei Lesungen in Düsseldorf und zuvor schon im Mannheimer Schatzkistl wird er das vor gut einem Jahr erschienene Buch „Kein Platz für die Liebe“ vorstellen. Es ist eine Liebesgeschichte: Der junge Tobias tritt seine erste Stelle als Assistenzarzt an der Uniklinik Mannheim an und entwickelt plötzliche Gefühle für seinen neuen Kollegen Julian. Und es ist eine Geschichte über den oft harten Krankenhausbetrieb mit seiner strengen Hierarchie und dem unmenschlichen Arbeitspensum.
„Beste Entscheidung meines Lebens“
„Er will raus hier!“, heißt es in dem Buch über Tobias. „Raus aus diesem Leben, das nicht seins ist. Dieser Fremdbestimmung. Ja, das trifft es!“ Es sind Sätze, die durchaus auch zu Stefan S. Kassner passen. Oder gepasst haben. Denn im vergangenen Jahr hat er, der selbst ein viele Jahre dauerndes und oft hartes Medizinstudium absolviert und sich anschließend als Arzt etabliert hat, diesen ganz anderen Weg eingeschlagen. Schon als Jugendlicher, sagt der 43-Jährige, habe er gespürt, dass er eigentlich am liebsten Romane schreiben würde. Nachdem er einen Fernlehrgang absolviert und eine Literaturagentin gefunden hatte, wurde der Wunsch immer stärker. Im vergangenen Jahr hat er einfach das getan, wovon so viele Menschen heimlich oder offen träumen: Er hat alles verkauft und ist ausgestiegen, um freier Schriftsteller zu sein. Auf Mallorca, wo auch seine Agentin lebt.
Palma Nova, ein kleiner Ort etwa 15 Kilometer von der Inselhauptstadt Palma de Mallorca entfernt, ist nach über 20 Jahren in Mannheim das neue Zuhause von ihm und Goliath, einem drei Jahre alten Boston Terrier. „Es ist keine Touristenhochburg“, sagt er, „und jetzt ist es schon deutlich leerer. Aber trotzdem werden hier auch Winter nicht die Bürgersteige hochgeklappt.“ Kurze Wege zu haben, ein entschleunigtes Leben am Mittelmeer statt in der Großstadt zu führen – das gefalle ihm sehr: „Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich bin mit offenen Armen empfangen worden.“ Er habe auch weiter viel Kontakt zu Freunden und Familie in Deutschland – und ab und zu komme auch mal jemand nach Mallorca. Er müsse dann immer wieder deutlich sagen, dass er keinen ganzen Urlaub mit dem Besuch verbringen könne, sagt er und lacht.
Sieben Romane veröffentlicht
Das liegt sicher an seinem neuen Zuhause auf einer Urlaubsinsel. Und daran, dass die Arbeit von freien Schriftstellerinnen und Schriftstellern oft nicht realistisch eingeschätzt wird. Tatsächlich hat er allerdings einen enormen Output. Schon die nackten Zahlen sprechen für sich. Sieben Romane hat Kassner bisher veröffentlicht und genauso viele Novellen. Seine Werke erscheinen in verschiedenen Verlagen, als Taschenbücher, E-Books und Hörbücher. Inhaltlich decken sie ein breites Spektrum ab, vom Thriller über die Gay-Romanze bis zum historischen Roman. „Ich wollte nie ein Genreautor werden“, sagt er. „Das Leben wird auch nicht in einem einzigen Genre geschrieben.“ Er habe „unglaublich viele Ideen“ und schreibe permanent an zwei, drei Büchern gleichzeitig. „Wenn mir das eine dann zu plüschig wird, kann ich im anderen Buch jemanden killen“, sagt er und lacht herzlich.
Im November werde ein weiteres Buch in der Reihe „Poison Bakery“ um die regelmäßig als Ermittlerinnen gefragten Konditorinnen Linn und Terry erscheinen, und auch sonst befinde sich noch einiges in der Pipeline. „Gerade am Anfang muss man ranklotzen“, sagt Kassner. „Das macht mir aber auch sehr viel Spaß. Ich habe richtig das Gefühl, dass das lange verkümmerte kreative Kind in mir wieder erwacht ist. Ich bin wieder mehr bei mir“ Auch wenn er nie der Mediziner habe werden wollen, der auf das Gesundheitssystem schimpft, seien doch die Hürden riesig, mit denen man als Arzt zu kämpfen habe: „Leute beginnen mit viel Herzblut und brennen dann aus. Das ist traurig.“
Aus diesem System ist Stefan S. Kassner nun also ausgestiegen und führt ein ruhigeres und auf andere Weise arbeitsreiches Leben auf der Insel. Morgens schreibt er einige Stunden, nachmittags erledigt er Bürokram, beantwortet Anfragen und pflegt über Social Media Kontakt zu seinen Leserinnen und Lesern. Dort kann man auch eines sehen: dass er das Leben auf der Sonneninsel manchmal einfach nur genießt.
Termin
Stefan S. Kassner liest am Freitag, 6. Oktober, 20 Uhr, im Mannheimer Schatzkistl. Am Samstag, 7. Oktober, 12 bis 15 Uhr, signiert er seine Bücher bei Thalia am Mannheimer Paradeplatz.