FUSSBALL
DFB-Schiedsrichter-Ausbildung in der JSA Schifferstadt
Den Pflaumenkuchen und die Schokomuffins haben sich die Jungs in der JSA Schifferstadt wahrlich verdient. Die gibt’s nämlich am Mittwochnachmittag zur Belohnung für die bestandene Schiedsrichterprüfung. „Hättet ihr die nicht bestanden, würden wir heute hier nicht sitzen“, sagt Simon Kaiser, Diplom-Sportwissenschaftler und Leiter der Sport-Abteilung in der JSA.
24 Stunden im April und Mai dieses Jahres haben sie gebüffelt mit Jens Schmidt, dem Kreisschiedsrichterobmann des Südwestdeutschen Fußballverbandes Kreis Rhein-Pfalz, die Regeln immer und immer wieder durchgekaut. Sieben von ihnen stellten sich im Mai der Prüfung. Zur Zertifikatsübergabe am Mittwoch hat sich hoher Besuch angekündigt. „Kann ich ein Foto mit Ihnen machen?“, fragt einer der Inhaftierten ganz vorsichtig die FCK-Legende Axel Roos und den Bundesliga-Schiedsrichter Timo Gerach. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht positioniert sich der junge Mann anschließend zwischen beiden.
Schiedsrichter-Starter-Set zur bestandenen Prüfung
Er ist einer von fünf Gefangenen, die die Prüfung zum Fußball-Schiedsrichter erfolgreich abgelegt haben. Zwei weitere müssen oder können eine Ehrenrunde drehen, bekommen eine zweite Chance, sofern sie diese nutzen wollen. Ein erstes Schiedsrichter-Starter-Set mit Gelber und Roter Karte, Block, Kugelschreiber und Pfeife im edlen Lederetui bekommen die Jungs überreicht. „Krieg ich ein Autogramm?“, bittet einer Bundesliga-Schiri Gerach um eine Unterschrift. „Du weißt schon, dass du die Rote Karte dann nicht mehr nutzen kannst“, entgegnet der Südpfälzer Unparteiische. „Die bekommt mein Papa“, erklärt der Insasse.
Die Schiedsrichter-Ausbildung im Knast, da geht es um weit mehr. Die Zertifikatsübergabe am Mittwoch – sie ist ein besonderer Tag für die jungen Inhaftierten. Vielleicht ein Wendepunkt in ihrem Leben. Werden sie die Chance nutzen, die sie mit der Ausbildung zum Unparteiischen bekommen haben? „Der Perspektivwechsel vom Regelbrecher zum Regelhüter, das macht das Projekt aus“, unterstreicht Nico Kempf, stellvertretender Geschäftsführer der DFB-Stiftung Sepp Herberger, die sich seit vielen Jahren bundesweit mit der Resozialisierungsinitiative „Anstoß für ein neues Leben“ für Gefangene in den Justizvollzugsanstalten einsetzt.
Das Projekt „Anpfiff 2010“, also die Ausbildung von Schiedsrichtern hinter Gittern, gibt es seit nunmehr 13 Jahren. Die Besuche von Prominenten aus dem Fußball haben eine lange Tradition. Sepp Herberger selbst war 1970 erstmals in der JVA Bruchsal zu Gast. FCK-Legende Axel Roos ist als Pate der JSA Schifferstadt in der Regel mehrmals pro Jahr dort. Seine Erfolge, die kennen auch die jungen Häftlinge noch. 387 Pflichtspiele hat er für den FCK absolviert, zwei deutsche Meistertitel, zwei DFB-Pokalsiege, einen Supercup-Sieg geholt, 19 UEFA-Cup- und Champions-League-Spiele bestritten – die Liste seiner Erfolge ist lang. Die Roten Karten, die er in seiner Karriere eingeheimst hat, sind überschaubar. Ganze drei seien es in 16 Jahren Bundesliga gewesen, berichtet er den Gefangenen. Die Schiedsrichter hat’s gefreut.
Nach der Entlassung auf Sportplatz beweisen
Bis jetzt war alles Theorie für die jungen Männer. Sich auf dem Sportplatz als Schiris zu beweisen, das können sie nach ihrer Entlassung. Allerdings werden sie dann nicht einfach ins „kalte Wasser geworfen“, sondern drei Spiele lang von Coaches begleitet. „Wie schaffen Sie es, immer ruhig zu bleiben? Ich weiß nicht, ob ich das könnte“, möchte ein Inhaftierter von Bundesliga-Schiedsrichter Timo Gerach wissen. Mit Stress müsse man lernen, umzugehen, erwidert er. „Umso lauter es um mich herum wird, desto ruhiger werde ich.“ Der 36-Jährige ist aus der Zweiten Bundesliga nicht wegzudenken, hat in diesem Jahr zudem bereits zwei Probespiele im Fußball-Oberhaus gepfiffen und steht vor dem ganz großen Sprung. In den nächsten Tagen wird sich entscheiden, ob er zukünftig „fest“ in der Ersten Fußball-Bundesliga zum Einsatz kommt.
Emotionen seien auf dem Spielfeld fehl am Platz, erklärt Gerach. „Was nicht heißt, dass ich nicht emotional sein kann. Bei Gesellschaftsspielen will ich gewinnen und bin dann auch nicht ruhig“, gibt er lachend zu. Die Schiedsrichterei allerdings ist sein Job und den erfüllt er zu hundert Prozent. „In 90 Minuten muss ich rund 200 Entscheidungen treffen. Das sind alle 30 Sekunden eine. Da muss man einfach hochkonzentriert sein“, erklärt er und berichtet von seinen Ritualen vor jedem Spiel. So reist er schon einen Tag vorher an, um sich akribisch vorzubereiten – egal, ob der Spielort Mannheim, Karlsruhe oder Dresden heißt, ganz gleich, ob er 30 Kilometer oder 300 Kilometer von seiner Heimat entfernt liegt. Mit im Gepäck ist dann auch die gute, alte Tupperdose seiner Mutter, in die sie früher immer sein Pausenbrot gepackt hat. Nun lagern darin sämtliche Schiedsrichterutensilien.
Gebannt lauschen die jungen Inhaftierten den Ausführungen des Unparteiischen. „Vielleicht pfeife ich ja irgendwann mal das Pokalendspiel“, nuschelt einer leise vor sich hin. Dass es bis dahin ein sehr weiter, manchmal steiniger Weg sein kann, das erklärt ihnen Gerach ausführlich. „Ich habe durch die Schiedsrichterei viel gelernt fürs Leben“, sagt der 36-Jährige, erinnert sich an eine Situation, als er als 18-Jähriger nach einem Einsatz in der Landesliga mit Polizeischutz nach Hause geleitet wurde, weil eine Mannschaft wohl mit der einen oder anderen Entscheidung nicht einverstanden war. Kurz, so erzählt er, habe er damals ans Aufhören gedacht. „Doch das habe ich schnell wieder ausgeblendet und bin gestärkt aus der Situation herausgegangen.“ Einen respektvollen Umgang zwischen Spielern, Trainern und Schiedsrichtern wünscht sich Gerach.
Mut haben, andere Entscheidungen zu treffen
Und was gibt er seinen jungen Kollegen aus der JSA Schifferstadt mit auf den Weg? „Ihr werdet auch mal unpopuläre Entscheidungen treffen müssen und damit auf wenig Akzeptanz stoßen. Aber es geht dabei in der Regel nicht um euch als Mensch, sondern einzig um eure Rolle als Schiedsrichter.“ Mit der Masse zu schwimmen, könne jeder, den Mut, eine andere Entscheidung zu treffen, das zeichne eine starke Persönlichkeit aus. „Lasst euch nicht beeinflussen. Geht euren eigenen Weg und vertretet eure Meinung“, fordert FCK-Legende Axel Roos die jungen Inhaftierten auf. Die bestandene Schiedsrichterprüfung – sie könnte eine Chance für ein normales Leben fernab der Kriminalität sein. Jetzt müssen die jungen Männer diese nur noch beim Schopf packen. Für Jürgen Veth, den Vizepräsidenten des Südwestdeutschen Fußballverbandes steht fest: „Wenn wir es schaffen, einen Gefangenen mehr ins Leben zurückzuholen, hat sich die Sache schon gelohnt.“