Ludwigshafen
Düsterer Anschein: Klaviermatinee im BASF-Gesellschaftshaus
Brahms, Schumann, Rihm, Beethoven: Das Programm hatte es in sich. Bei seiner Klaviermatinee im BASF-Gesellschaftshaus schwelgte Fabian Müller in Düsternis. Alles steht in Moll, nichts in Dur. Am Ende war man sich aber sehr sicher, dass der 29-jährige Bonner mehr als nur auf dem richtigen Weg ist.
Fabian Müller hat im Kindesalter bei Rose-Marie Zartner in Bonn und mit fünfzehn bei Pierre-Laurent Aimard in Köln gelernt. Seine Hochbegabung blieb nicht unbemerkt. Mit 23 brillierte er beim Busoni-Wettbewerb in Bozen, vier Jahre später konnte er beim ARD-Wettbewerb in München gleich fünf Preise abräumen, darunter den Publikumspreis, der so etwas wie ein Indikator für öffentliche Akzeptanz ist. Mehr ist eigentlich nicht möglich. Das verpflichtet.
Trotzdem frappiert die Gelassenheit, mit der Fabian Müller die großen Brocken der Klavierliteratur, ja, auskostet und hochwuchtet. Oder vor unseren Ohren auseinanderlegt, wie an den beiden mit trockener Leidenschaft vorgetragenen Brahms-Rhapsodien op. 79 in h- und g-Moll zu hören war. Da waren die den leidenschaftlichen Aufschwung interpolierenden zarten und versonnen zurückgenommenen Partien so voneinander abgesetzt und die Stücke so parzelliert, dass der Zusammenhang fast verlorenging.
Robert Schumann war 25, als er seine zweite, die g-Moll-Sonate schrieb. In seiner kleinen Vorrede (Wird das in Pianistenkreisen jetzt Mode?) wies Müller sehr zu Recht auf die in der Heilanstalt Endenich endenden psychischen Malaisen des Komponisten hin. Die sind, wenn sie so spielend nach vorne gekitzelt werden, wie er das tat, schon im Frühwerk überdeutlich. Ein formbewusster oder formsicherer Sonatenschreiber war der beim Klavier auf literarisch hinterfütterte Zyklen, pittoreske Variationen und von fantastischem Furor bewegte Charakterstücke abonnierte Schumann eigentlich nicht.
Fabian Müller tat gut daran, den von einem kurzen Andantino kaum unterbrochenen Höllenritt voll in sich steigernden Tempi virtuos auszukosten. Das überzeugte und war schon die passende Überleitung zum zweiten Teil der Matinee mit Wolfgang Rihms „Tombeau“ und Beethovens „Apassionata“, die attacca, also ohne Pause dazwischen aufeinanderfolgten. Das hatte Sinn, das mit mächtigen Akkordblöcken beginnende und endende Klavierstück des damals 23-jährigen, also noch ungezähmt wilden, die Konventionen lustvoll zerschlagenden Rihm erwies sich als ungemein passendes Entrée zu Beethoven. Oder als den Ort der Musik markierendes Ausrufezeichen, denn „Tombeau“ versucht, fast hilflos in seiner nutzlosen Anstrengung, das Unausweichliche des Todes in einen klavieristischen Kraftakt zu bannen.
Kurz und schmerzvoll klingt das. Lang und im größten Furor bis in die letzte Note beherrscht, klingt Beethovens f-Moll-Sonate, die Fabian Müller als in der Publikumsgunst des Bonner Meisters beste outete. Worüber man streiten kann, aber nicht muss. Sein Ludwigshafener Konzert war im Ganzen eindrucksvoll, bei Beethoven legte er noch die berühmte Schippe drauf. Selten wurde die Sonate so gut, überlegt, technisch brillant und, ja, in ihrer kompositorischen Essenz verstanden gehört. Dass sie „im Chaos“ endet, wie Müller meinte, war nicht nur Gerede, es war ohne Wenn und Aber auch realisiert. Das Publikum tobte. Zwei kurze Zugaben gab es, einen winzigen „tonlosen“ Aphorismus von György Kurtág und Brahms' „Wiegenlied“. Obwohl es grade einmal Mittag war.