Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Panik mit Dr. Google: Wenn die Internet-Recherche krank macht

„Cyberchondrie“ ist kein eigenes Krankheitsbild – sondern ein Ausdruck einer pathologischen Angst vor Krankheiten.
»Cyberchondrie« ist kein eigenes Krankheitsbild – sondern ein Ausdruck einer pathologischen Angst vor Krankheiten.

Bei Gesundheitsfragen ist Google eine beliebte Anlaufstelle. Aber Vorsicht: Die Suchmaschine birgt viele Gefahren. Im schlimmsten Fall wird die Suche nach Krankheiten im Netz zum Zwang.

Plötzlich muss sie bitterlich weinen. Ihre Hände hält die junge Frau verzweifelt vor ihr Gesicht. Sie will nichts mehr sehen. Sie klappt den Laptop zu. Und dennoch, in ihrem Kopf ploppt in großen, grellen Buchstaben ein Wort immer wieder auf: Brustkrebs.

Die Pfälzerin hat panische Angst, daran zu erkranken. Täglich untersucht sie ihren Körper vorm Spiegel. Jede noch so kleinste Unebenheit, jeder Fleck veranlasst sie, zu googeln. Sie verbringt Stunden im World Wide Web, vernachlässigt andere Lebensbereiche, recherchiert zwanghaft nach Symptomen, sucht Antworten auf Fragen und vor allem nach Erleichterung. „Das ist mitunter die schwerste Form der Cyberchondrie“, berichtet der promovierte Psychotherapeut Michael Witthöft. Er leitet die Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Experimentelle Psychopathologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Die Geschichte von der Frau stammt von ihm. In seiner Abteilung erhalten betroffene Patienten Hilfe. Cyberchondrie selbst sei jedoch keine Diagnose, sagt der Wissenschaftler. „Sie ist vielmehr Ausdruck einer pathologischen Krankheitsangst, eine Form der Hypochondrie, ein Verhaltensmerkmal, eine Art Bewältigungsprozess. Betroffene möchten sich durch die Internetrecherche beruhigen, steigern letztendlich damit aber nur ihre Angst“, erklärt er.

Panikattacken und Depressionen

Der Begriff (englisch: Cyberchondriasis) sei bereits 1999 von einem Journalisten des Wall Street Journals geprägt worden. Es sei ein Kunstwort, das sich aus den Begriffen „Cyber“ und „Hypochondrie“ zusammensetzt. Doch nicht jeder, der Symptome googelt, wird laut Witthöft automatisch zum Cyberchonder. „Betroffen sind vor allem Menschen, die ohnehin zu Ängsten vor Krankheiten neigen. Das Phänomen zeigt sich außerdem in verschieden starken Ausprägungen“, erklärt der Psychotherapeut. Im Falle der Frau mit dem vermeintlichen Brustkrebs seien Panikattacken und depressive Stimmungen einhergegangen, die schließlich im emotionalen Zusammenbruch endeten.

Rund die Hälfte aller Deutschen nutzt nach Angaben der Techniker Krankenkasse das Internet zur Krankheitsrecherche. Das ist praktisch und bequem: Schließlich hat Doktor Google rund um die Uhr geöffnet. Statt Wartezimmer ist Couch angesagt. Und Antworten liefert die Suchmaschine auf fast alle Gesundheitsfragen.

Auch Witthöft weist auf die Vorteile hin, die das World Wide Web mit sich bringt: „Wissenschaftliche Studien sind auf Knopfdruck verfügbar. Jeder hat Zugang zu qualitativ hochwertigen Infos. Man muss sie jedoch finden können. Das Internet ist Fluch und Segen zugleich. Oft sind leider die besonders schlimmen Dinge überrepräsentiert.“ Denn die sorgten für Aufmerksamkeit bei den Nutzern. Die entsprechenden Webseiten würden deshalb bei den Suchmaschinen ganz oben in der Liste landen. Aus harmlosem Nasenbluten werde dann schnell ein Hirntumor.

Informationsflut im Netz

Auch der Südpfälzer Allgemeinmediziner Jacob Müller warnt: „Im Netz herrscht eine regelrechte Informationsflut. Aber nicht alles, was online steht, ist zutreffend, geschweige denn seriös.“ Gemeinsam mit Kollegen praktiziert er in den Palatina Hausarztpraxen, einer Praxisgemeinschaft verteilt auf die Standorte Landau, Klingenmünster und Billigheim-Ingenheim. Wer es verstehe, Informationen im Netz zu filtern und kritisch zu hinterfragen, Fakten von Meinungen oder seriöse von unseriösen Quellen zu unterscheiden, für den könne das Internet eine Bereicherung sein, sagt der promovierte Arzt. Etwa, um die eigene Gesundheitskompetenz zu erweitern. Oder, um eine Krankheit besser zu verstehen. Vor allem jüngere Leute greifen bei Gesundheitsfragen gerne zum Smartphone, weiß er. „Im Arzt-Patientengespräch kann es durchaus hilfreich sein, wenn ein Patient bereits richtige Informationen hat. Es macht es leichter. Bestimmte Begriffe sind dem Patienten dann schon bekannt, ich muss nicht erst bei null anfangen“, schildert Müller.

Es komme aber auch vor, dass einige Patienten zu gut informiert sind — zumindest von ihrer Warte aus gesehen. „Tatsächlich gibt es Leute, die mir meinen Beruf erklären wollen. Sie maßen sich an, aufgrund ihrer Google-Recherche Experte zu sein. Da kann ich mir dann meinen Mund fusselig reden, so viel ich will. Das ist nicht leicht“, berichtet der Facharzt für Allgemeinmedizin.

Doch Oberlehrer seien etwas anderes als Cyberchonder. Letztere benötigten dringend ärztliche Hilfe. Ihr Krankheitsbild sei sehr ernst, betont Müller. Er berichtet von einer Patientin, die ihn regelmäßig aufsucht. Jedesmal mit anderen Beschwerden. Weil sie Angst vor einer Krebserkrankung habe, verbringe sie viel Zeit im Internet — auf der Suche nach vermeintlichen Krankheitssymptomen. „Ich wundere mich immer wieder über ihr Detailwissen. Sie kennt die verschiedensten Krebsstadien. Zitiert Leitlinien und Fachgesellschaften“, erzählt der Mediziner. Auch in solchen Fällen sei es wichtig, die Sorgen der Patienten ernst zu nehmen, betont er. „Ich untersuche sie. Erkläre ganz genau, wonach ich schaue und warum die Angst unbegründet ist.“ Seine Aufgabe sei es, zu beruhigen und aufzuklären, sagt Müller. Und gegebenenfalls gegenzusteuern — wenn nötig auch zu einer Psychotherapie zu raten.

Ängste aushalten lernen

Und so wird betroffenen Patienten in der Therapie geholfen: „Zunächst gehen wir der Ursache auf den Grund, die für die Angst verantwortlich ist. Das kann beispielsweise der Tod eines nahestehenden Menschen sein, der aufgrund einer bestimmten Krankheit gestorben ist“, erklärt Michael Witthöft. Ziel sei es anschließend, dass Betroffene lernen, ihre Ängste auszuhalten statt zu bekämpfen. „Die Internetrecherche, ständige Arztbesuche oder den Partner zu befragen — all das hält die Angst am Leben. Wenn Betroffene aber nichts dergleichen tun, gehen die Sorgen nach kurzer Zeit zurück.“

In einer seiner Studien habe sich zudem gezeigt, dass auch spezielle Gesundheits-Apps — die eine schnelle und zeitgemäße Kommunikation, etwa via Chat, mit Ärzten ermöglichen — keine Alternative für Menschen mit Krankheitsängsten darstellen, berichtet der Wissenschaftler. Anders als Suchmaschinen bieten diese Programme auf Anhieb zwar qualifizierte Auskünfte zu gesundheitlichen Themen, ohne Missverständnisse oder Verunsicherungen. Doch genauso wenig wie die Internetrecherche würden Apps dazu beitragen, Ängste zu beseitigen.

Internetnutzung verringern

In der Therapie soll die Dauer der Internetnutzung deshalb verringert beziehungsweise ganz aufgeschoben werden. Außerdem lernen die Patienten laut Witthöft Strategien, um ihre Emotionen besser zu regulieren und mit Ängsten und Unsicherheiten umzugehen. Das Therapieprogramm sei umfassend aufgebaut. Zu den einzelnen Bausteinen zählten unter anderem eine kognitive Verhaltenstherapie, Selbstreflexion, Entspannungsmethoden sowie der Aufbau einer Medien- und Informationskompetenz, erklärt der Wissenschaftler.

Er beschäftigt sich bereits seit 15 Jahren mit Krankheitsängsten. Männer wie Frauen seien gleichermaßen davon betroffen. Auffallend aber sei, dass sich schwere Verläufe, verbunden mit Cyberchondrie, vor allem in der Altersgruppe der 30- bis 40-Jährigen häufen. „Das liegt vermutlich daran, dass besonders Menschen in dieser Lebensphase mit multiplen Anforderungen und Stressoren konfrontiert sind“, erklärt Witthöft. Er und Mediziner Jacob Müller weisen darauf hin, dass ein echter Arztbesuch letztendlich durch nichts zu ersetzen ist. Der Allgemeinmediziner sagt: „Wir Ärzte haben die nötige Erfahrung, wir kennen uns aus. Vor allem können wir direkt auf unsere Patienten und ihre Sorgen eingehen.“

Eigentlich wollen sich die Betroffenen durch die Recherche im Internet nur beruhigen – steigern dadurch aber ihre Ängste.
Eigentlich wollen sich die Betroffenen durch die Recherche im Internet nur beruhigen – steigern dadurch aber ihre Ängste.
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