Landau
Kult-BMW wieder zum Leben erweckt
Frederick fühlt sich wie neugeboren. In seiner Jugend ist er viel rumgekommen, fast 130.000 Kilometer dürften es wohl gewesen sein, aber die vergangenen 30 Jahre hat er nach einer Art Herzinfarkt weggesperrt in einem Schuppen verbracht, nur mit Spinnen als Gesellschaft, die ihm einen dichten grauen Pelz angelegt haben.
Die Rede ist von einem Motorrad, einer unter Kennern längst zum Kult-Motorrad gereiften BMW R 75/5 von 1972. 29.000 Kilometer zeigt der fünfstellige Tacho an, aber 129.000 sind wahrscheinlicher, vielleicht sind es sogar 229.000. Wiederentdeckt – und mit dem Namen versehen – hat sie (oder ihn?) Christof Nadlinger aus Appenhofen, wiederbelebt Ulrich Beppler, Boxermotoren-und-Kardan-Enthusiast aus der freien BMW-Werkstatt Motorradtechnik Südpfalz (MTS) in Landau.
Warum heißt ein Motorrad Frederick?
Beppler spricht von einem erbärmlichen Zustand, in dem sich die Maschine befunden habe. Die Rettungsaktion ist vom SWR-Fernsehen in dessen Reihe „Alte Handwerkskunst“ dokumentiert worden. Der Sender war durch Bepplers Restaurierung einer BMW R 100 GS, die Jutta Kleinschmidt 1992 bei der Rallye Paris-Dakar zum Sieg getragen hatte, auf den Zweiradmechanikermeister aufmerksam geworden. Den Namen Frederick hat übrigens Nadlingers Frau geprägt. Sie hatte auch schon Nadlingers Einzylinder-BMW von 1952 auf den Namen Emma getauft. Was man wohl als Zustimmung zum Hobby des Ehemanns interpretieren darf.
Für Nadlinger, der bei den Südpfälzer Veteranenfreunden aktiv ist, stand sofort fest, dass er die monzablaue 75/5 so original wie möglich restaurieren lassen wollte – einfach klassisch halt. Leicht war das nicht, denn der Tank war durchgerostet und verbeult, die Sitzbank nicht mehr zu retten, eine Radnabe war gerissen und vor allem ein Pleuel abgerissen, das ein Loch ins Motorgehäuse geschlagen hatte - der erwähnte Herzinfarkt mit massiver Öl-Inkontinenz, nach dem die Maschine im Schuppen abgestellt worden war.
Neue Zylinder und ein Bleifrei-Kopf
Beppler hat im Laufe der Jahre ein großes Ersatzteillager aufgebaut, und er ist in der Szene gut vernetzt. Letzten Endes hat er aus zwei Motoren einen neuen zusammengebaut. Anstelle der alten Graugusszylinder bekam die Maschine zwei optisch gleiche neue mit 800 Kubikzentimetern und Nikasil-Beschichtung, außerdem hat Beppler die Zylinderköpfe für bleifreies Benzin umrüsten lassen. Es ist aber bei den ursprünglichen 50 PS und einer Spitzengeschwindigkeit von etwa 175 Kilometern geblieben. Weil mechanische Unterbrecherkontakte zwar nachgefertigt werden, aber nur in schlechter Qualität , bekam Frederic eine elektronische Zündung – sozusagen einen Schrittmacher. Der alte, sportliche Lenker ist einem etwas höheren gewichen, wie er sonst bei Beiwagen-Gespannen verbaut wurde. Das ergibt eine etwas aufrechtere und bequemere Sitzposition.
Die alten Alufelgen wurden aufgearbeitet, poliert und von Bepplers 80-jährigem Vater neu eingespeicht. Ein Ersatztank, der passend blau lackiert und von einer Spezialistin handliniert wurde, also mit weißen Zierlinien versehen, und eine sehr gut erhaltene alte Sitzbank ergänzen das Programm. Die Chrom-Seitendeckel, hinter denen sich die Batterie verbirgt und die damals ein Zubehör waren, hat Beppler aufgetrieben. Nur die alten blau-weißen Plaketten mit dem BMW-Logo kamen wieder an den Tank, obwohl stellenweise das Emaille abgeplatzt ist, als Reminiszenz an das frühere ereignisreiche Leben. Insgesamt steht der fast 50-jährige Frederick heute wieder so da, wie er damals in Berlin-Spandau vom Band gerollt ist, im Zustand eins und heute laut Gutachter sicher 15.000 Euro wert. Gekostet hatte die Maschine damals knapp 5000 D-Mark.
Breites Grinsen nach Probefahrt
„Er hat hohe Maßstäbe umgesetzt“, sagt der Eigentümer über Restaurateur Beppler, „das Ergebnis zeigt, dass er sein Metier versteht.“ Leichte Anwandlungen von Neid verspürt Nadlinger nur, weil Beppler bisher auch der Einzige war, der mit Frederick schon ein paar Proberunden gedreht hat und der danach ein breites Grinsen im Gesicht trug. Nadlinger selbst will bis zum Frühjahr auf sein Gänsehaut-Gefühl warten, wenn er bei besserem Wetter zur ersten Ausfahrt durch die Südpfalz starten will. Denn Frederick soll ja noch lange schön bleiben und es nun wieder deutlich besser haben, als die vergangenen drei Jahrzehnte bei den Spinnen im Schuppen.
Zahllose E-Mails und „Anrufe ohne Ende“ nach der Ausstrahlung der SWR-Doku zeigen, dass Nadlinger und Beppler einen Nerv getroffen haben.
Info