Landau RHEINPFALZ Plus Artikel bft-Tankstelle schließt: Pächterin blickt auf 70 Jahre zurück

70 Jahre lebte und arbeitete Elke Gehrlein in der markanten Straßeneck-Tankstelle.
70 Jahre lebte und arbeitete Elke Gehrlein in der markanten Straßeneck-Tankstelle.

83 Jahre lang konnte man an der spitzen Ecke zwischen Weißenburger und Cornichonstraße Fahrzeuge betanken und sich mit Zeitschriften, Snacks und Getränken versorgen. Damit ist nun Schluss, denn die Tanke schließt zum Jahresende für immer ihre Pforten. Pächterin Elke Gehrlein muss nach 70 Jahren Lebewohl sagen.

Die Tankstelle an der Ecke Weißenburger/Cornichonstraße ist Stück Landauer Geschichte. Landauer und Durchreisende gaben dort ihren Fahrzeugen neuen Sprit. Generationen von Maria-Ward-Schülerinnen haben dort ihren Bedarf an süßer Nervennahrung und Nikotin gedeckt. Viele Menschen aus der Südstadt haben dort nicht nur abends und an Wochenenden eingekauft oder Pakete abgeliefert. Seit der Erweiterung des Backshops kamen frühmorgens sogar regelmäßig Kunden vom anderen Ende der Stadt, um frisch gebackene Brezeln und Brötchen zu kaufen.

Am 22. Dezember hat Elke Gehrlein die Tankstelle zum letzten Mal abgeschlossen, bis zum Jahresende wird sie das Geschäft in Ruhe abwickeln. Der Abschied lässt das Herz der langjährigen Pächterin bluten. „Bestimmt werde ich erst einmal in ein tiefes Loch fallen“, befürchtet sie. Gehrlein ist in der Tankstelle aufgewachsen und hat von Kindesbeinen an mitgeholfen. Auch beruflich sei sie immer gerne und engagiert mit Kunden in Kontakt gekommen: Mit 16 Jahren hat sie eine Lehre zur Drogistin in der Parfümerie Schumacher begonnen und in der Filiale in Bad Bergzabern gearbeitet, bevor sie sich zum staatlichen Betriebswirt weitergebildet hat. Als sie am 1. Januar 1989 die Tankstelle als Pächterin eröffnete, waren die beiden Kinder zwei und drei Jahre alt. „Ich habe es aus Herzblut getan, um die Tankstelle zu erhalten“, blickt Gehrlein zurück, „als mein Vater im Alter von 65 Jahren unerwartet verstorben war, konnte meine Mutter die Arbeit nicht alleine stemmen.“ Um ihr eine auskömmliche Rente zu sichern, hat die Tochter die Tankstelle von der Mutter gepachtet.

„Tankstelle zu betreiben, ist ein hartes Brot“

Am 15. September 1951 hat Hans Maier die Tankstelle übernommen. Damals stand in großen Lettern „Gasolin“ über den Zapfsäulen. Seit der Übernahme dieser Tankstellenkette durch die Mineralölgesellschaft Aral in den 1960er-Jahren verkündete das blaue Logo die Preise. Gehrlein schloss sich, nachdem sie die Tankstelle übernommen hatte, dem Berufsverband freier Tankstellen (bft) an. „Meine Mutter stammt aus Trossingen und kannte den alten Herrn Heimburger, so kam die Verbindung zum Mineralölhandel Heimburger in Rottweil zustande, der über 100 Tankstellen, vorwiegend in Baden-Württemberg und Sachsen, betreibt“, erklärt Gehrlein und betont, dass dies eine kluge Entscheidung gewesen sei: „Das war immer und ist bis heute eine faire Partnerschaft gewesen, dort waren wir immer gut beraten und wurden in schlechten Zeiten unterstützt.“

Das neue Wasserhaushaltsgesetz in den 1990er-Jahren zum Beispiel habe ein tiefes Loch in die Kasse gerissen: „Für den Umbau und die Entsorgung von Altlasten mussten wir eine halbe Million Mark investieren“, erinnert sie sich und resümiert: „Eine Tankstelle zu betreiben, das ist ein hartes Brot. Vom Mineralölverkauf alleine kann man nicht leben.“ Nicht einmal ein Cent vom Spritpreis bleibe beim Verkäufer hängen.

Schauspielerinnen und Sänger kennengelernt

Ihr Vater Hans Maier, ein begeisterter Amateurfunker, habe vorwiegend mit Autoelektronik die vierköpfige Familie ernährt: „Einbau von Funkanlagen für Taxifahrer, von Autoradios und später den ersten Autotelefonen, das war die Butter auf dem Brot.“ Die Nähe zum Vinzentius-Krankenhaus führte dazu, dass die Ärzte ihre Wagen zur Reparatur bei Hans Maier ablieferten. Auch die Gäste im ehemaligen Hotel Körber am Obertorplatz baten Hans Maier um Hilfe, wenn sie Probleme mit ihren Autos hatten und eine schnelle Reparatur nötig war. Durch diesen Service habe sie unter anderem die Schauspielerinnen Cornelia Froboess und Marianne Koch persönlich kennengelernt, auch der amerikanische Sänger Kenneth Spencer hat bleibenden Eindruck bei Gehrlein hinterlassen.

Nachhaltig in Erinnerung bleiben bei der Pächterin indes auch mehrere Überfälle, auf die sie heute zum Teil mit Humor zurückblickt. Nicht ohne das engagierte Verhalten ihrer langjährigen Angestellten zu loben: „Eines Tages, samstags um 12 Uhr, betrat ein gut gekleideter Mann den Shop und bedrohte die Kassiererin mit einer Geste, als hätte er eine Waffe in der Jackentasche. Annette erkannte den Mann, sprach ihn als Bekannten aus Essingen an. Der war schnell wieder draußen und wurde einen Monat später in Mannheim am Bahnhof geschnappt.“ Christina, eine weitere Mitarbeiterin, sei gerade beim Abschließen gewesen, als ein Mann in den Shop eindringen wollte. Diesen habe sie am Rucksack gepackt und mit der Bemerkung „Heute gibt’s hier nichts mehr“ aus der Tür geschoben, woraufhin dieser postwendend sein Vorhaben an einer Tankstelle in der Dammühlstraße ausgeführt habe.

Mehrere Überfälle miterlebt

Und dann war da noch ein ganz Gescheiter, der sogar die Polizei ausgetrickst habe: „In Erwartung eines Überfalls wurde unsere Tankstelle von Zivilbeamten derart auffällig überwacht, dass sogar unsere Kunden in den Kassenraum kamen und meldeten, dass uns da draußen welche beobachten. Auch der Übeltäter hat das mitbekommen und stattdessen eine Tankstelle in Bellheim ausgeraubt. Als die Beamten dann auf dem Weg dorthin waren, ist er nach Landau gefahren und hat uns überfallen“, blickt Gehrlein zurück. Sie macht aber deutlich: „Wegen des Gelds lohnt es sich nicht, eine Tankstelle zu überfallen, denn die meisten Kunden zahlen mit Karte, und es ist kaum noch Bargeld in der Kasse.“

Als Margot Maier 2013 wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen das Gelände mitsamt der Tankstelle verkaufte, blieb Gehrlein, die mit ihrer eigenen Familie in Insheim lebt, die Pächterin. Die Mutter, mittlerweile 95 Jahre alt, wird im katholischen Altenheim gepflegt und von der Tochter liebevoll umsorgt. „Ich habe schon länger darüber nachgedacht, kürzer zu treten“, bekennt Gehrlein, die im Februar ihren 70. Geburtstag feiern wird.

Nun mehr Zeit als Oma und für Hobbys

Den endgültigen Schlussstrich indes hat der Besitzer gezogen, als er der langjährigen Pächterin wegen Eigenbedarfs gekündigt hat. Wie es auf dem Grundstück weitergeht, steht noch in den Sternen. Bis heute habe der Besitzer sich nicht beim Kooperationspartner „Öl Heimburger“ gemeldet. Deshalb werden Ladeneinrichtung und Tankanlagen von den Geschäftspartnern abgebaut und abtransportiert.

Was Gehrlein bedauert, ist die Trennung von ihren Angestellten, die sie über viele Jahre begleitet haben. „Für unsere Festangestellte Lilo tut es mir besonders leid, sie ist eine hervorragende Führungskraft und hat über viele Jahre den Betrieb mit allen Aufgaben perfekt geleitet. Jetzt sucht sie einen neuen Job.“ Und wie will Gehrlein nun ihren Ruhestand gestalten? „Die drei Enkel in Godramstein und Rhodt warten auf mehr Zeit mit der Oma“, verrät sie. Und dann fällt ihr noch ein, dass sie früher eine begeisterte Näherin gewesen sei und lange Zeit der Mittwochnachmittag für den Kurs mit Gleichgesinnten im Pfaff-Nähzentrum reserviert gewesen war: „Ich schaue mich gerade nach einer neuen Gruppe um, die gemeinsam näht.“

Tankstellenstopp in früheren Zeiten.
Tankstellenstopp in früheren Zeiten.
In den 1950er-Jahren stand noch „Gasolin“ über den Zapfsäulen.
In den 1950er-Jahren stand noch »Gasolin« über den Zapfsäulen.
So sah das Gelände der Tankstelle vor 1938 aus.
So sah das Gelände der Tankstelle vor 1938 aus.
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