Arzheim
Arzheimer unzufrieden mit neuem Radweg
Kaum schlängelt sich das schwarze Asphaltband durch die Weinberge, melden sich zuerst in Facebook besorgte Stimmen: „Kann man Radwege und Landschaften nicht besser in Einklang bringen als die neue Radschnellbahn zwischen Landau-Südwest und Arzheim?“, fragt Klaus Eisold, ehemaliges Stadtratsmitglied der SPD und damit in Opposition zur grün-schwarz-gelben Koalition. Diese Bedenken teilt Klaus Beck, Inhaber des Gästehauses Kleine Kalmit.
Zeitgleich erhält Umwelt- und Verkehrsdezernent Lukas Hartmann (Grüne) Post von der studierten Biologin Christa Krawitz. Die 72-jährige Arzheimerin schreibt ihm, dass mit der Asphaltierung ein für die Region seltener Kalkweg verloren gegangen sei. Das schwarze Asphaltband, drei Meter breit und 800 Meter lang, werde sich im Sommer aufheizen und so das Kleinklima beeinflussen. Das will die Stadt verhindern. 18 neue Obstbäume sollen den Weg beschatten. Eine Sitzgruppe wird zum Entspannen unter den Obstbäumen einladen.
Unfall nur eine Frage der Zeit?
Verärgert ist auch Wolfgang Klein, der als Winzer einen Weinberg an der, wie er sagt, neuen „Rennstrecke für Hobbyrennfahrer“ bewirtschaftet. Er lädt die RHEINPFALZ ein, sich vor Ort ein Bild zu machen. Es ist ein sonniger Tag, die Vögel zwitschern, auf dem Weg fahren zwei dreijährige Kinder mit ihrem Laufrad. In weiter Ferne gehen die Mütter spazieren, zwei Mädchen im Alter von etwa zehn Jahren sausen mit ihren Skateboards zwischen Müttern und Kleinkindern hin und her. Ein Bild, das Willi Ludwig (CDU) erfreut, denn jetzt könne der Weg bei jeder Witterung von Familien und gehbehinderten Menschen genutzt werden.
Doch die Naturerholung kollidiert mit der Landwirtschaft, denn aus der angrenzenden Weinbergzeile nähert sich den beiden spielenden Kindern ein Traktor: Hannes Bergdoll bearbeitet seinen Wingert. Er sieht die beiden und stoppt seinen Schlepper kurz vor ihnen. Bergdoll und Klein sorgen sich, dass sich ähnliche Situationen häufen werden. „Wenn das Laub in den Weinbergen mir die Sicht nimmt, ist ein Unfall mit einem Radfahrer oder Spaziergänger nur noch eine Frage der Zeit“, befürchtet Klein. Bergdoll sieht dies ähnlich. „Auf dem alten Feldweg konnte keiner schnell fahren, doch dieser Weg lädt zum Rasen ein. Dabei mache ich dem einzelnen keinen Vorwurf“, sagt er, aber „klar ist: Das ist ein Wirtschafts- und kein Radweg.“
Hat der Radverkehr Vorrang?
Ist das so? Ja und nein. Sandra Diehl, Pressesprecherin der Stadtverwaltung, erklärt: „Der Weg ist ein Wirtschaftsweg und wird entsprechend ausgeschildert – inklusive der Freigabe für Radfahrerinnen und Radfahrer.“ Die Vorlage für den Arzheimer Ortsbeirat aus dem Sommer 2020 ist hier eindeutiger. Dort heißt es: „Verkehrsrechtlich werden die Wege weiterhin als Wirtschaftswege eingestuft. Die Durchfahrt ist für Fahrzeuge aller Art verboten, ausgenommen sind landwirtschaftliche Fahrzeuge und Radverkehr. Die Nutzung richtet sich nach der Wirtschaftswegesatzung. Hier ist die Benutzung durch Rad- und Fußgänger auf eigene Gefahr möglich.“
Die Sanierung des Weges wird aus dem Radwegebudget finanziert, aber er bleibt ein Wirtschaftsweg, denn „eine Ausweisung der Wege als benutzungspflichtige Radwege ist nicht möglich, da bei Vorrang des Radverkehrs die landwirtschaftliche Nutzung der angrenzenden Grundstücke wesentlich erschwert und die Radfahrer gefährdet würden. Zudem können die dann höheren Anforderungen an die Verkehrssicherungspflicht, wie zum Beispiel regelmäßige Kontrolle und Reinigung, nicht gewährleistet werden“ hieß es in der Vorlage.
Verbindungsweg nach Südwest
Unglücklich ist auch Klaus Wind, Sprecher des örtlichen Bauern- und Winzerverbands. Auf Anfrage der Stadt war er mit der Befestigung einverstanden, weil er glaubte, der Weg wäre damit einfacher zu befahren und der Unterhalt würde günstiger werden. Allerdings habe er den Vorschlag der Freien Wähler (FWG) unterstützt, die er lange im Ortsbeirat vertreten hatte. Sie hatten als Alternative die Befestigung des Weges „Am Alten Garten“ vorgeschlagen, bei dem es sich um eine Verlängerung des Nauweges Richtung Stadt handelt.
Der Arzheimer Ortsbeirat hat den Ausbau dieses Feldweges zum Radweg im August 2020 unter dem Tagesordnungspunkt „Ausbau von Wirtschaftswegen“ diskutiert und bei einer Nein-Stimme festgestellt, dass es sich bei diesem Weg „lediglich um einen Verbindungsweg nach Landau-Südwest und nicht um einen Verbindungsweg zur Innenstadt/Kernstadt“ handelt. Der Ortsbeirat drängt stattdessen darauf, die Arbot- und die Arzheimer Straße für Radfahrende sicherer zu machen.
„Umständlich und zeitraubend“
Auf Nachfrage der RHEINPFALZ bestätigt Tanja Perozzi diesen Beschluss, die für die Grünen im Arzheimer Ortsbeirat sitzt: „Wir haben dem Ausbau mit dem Hinweis zugestimmt, dass der Ausbau des Firstweges keinen direkten Fahrradweg nach Landau ersetzen wird. Ein sicherer Fahrradweg für Schulkinder direkt in die Kernstadt ist weiterhin dringend notwendig.“
Auch für Michael Schindler, Vorsitzender des Kreisverbandes des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), ist dieser Weg ein gutes touristisches Angebot, aber kein Radweg für den Alltag der Arzheimer, die möglichst schnell und sicher in die Innenstadt wollen. „Der Weg durch die Siedlung ist umständlich und zeitraubend“, stellt Schindler fest. Mittlerweile ist die Salierstraße, die im unteren Teil Einbahnstraße ist, für Radfahrer in beide Richtungen frei befahrbar Damit verkürzt sich die Fahrt aus der Stadt nach Arzheim.
Die Stadt plant zudem einen Radweg von Arzheim nach Wollmesheim, weil die Straße zu gefährlich und die bestehenden Wirtschaftswege zu umständlich sind. Möglich ist ein Radweg oberhalb der Straße. Die Sorge der Biologin Krawitz, dann könnten mögliche seltene Orchideen, die dort wachsen, „unter die Räder kommen“, hält die Stadt für unbegründet, denn im Zuge des Stadtradelns mit den Ortsbeiräten werde Verkehrsdezernent Hartmann über „genau solche Fälle sprechen“. Mit dabei wären dann gerne auch der ADFC und der BUND, die im Vorfeld der Befestigung des Arzheimer Radweges nicht gehört wurden.