Schmitshausen
Nach der Flutkatastrophe: Wie eine Familie ein neues Leben in der Südwestpfalz beginnt
Bereits bis zum Bauch im Wasser gestanden habe er in jener Nacht zum 15. Juli, als die Feuerwehr ihn aus seinem Haus in Grafschaft-Vettelhoven rettete, in dem er 47 Jahre lang gelebt hat, erzählt Balter. Nichts habe er mitnehmen können, keine Unterlagen, keine Fotos, keine Erinnerungsstücke. Viel zu schnell sei alles gegangen, um sein blankes Leben zu retten. Nach der dramatischen Bergung sei er zunächst bei seiner Tochter untergekommen, getragen habe er die erste Zeit über Kleiderspenden.
„Wir wussten erst gar nicht, wo mein Vater ist. Wir konnten nicht zu ihm, und die Telefone funktionierten auch nicht“, erinnert sich der Sohn, Stefan Balter, an Stunden der Angst in der Jahrhundertflut. Auch der 50-Jährige wohnte mit seiner Frau Judith Balter-Gergs (49) und den Kindern Luise (16), Emil (13) und Henri (10) im Landkreis Ahrweiler, in Mayschoß. Ihr Haus blieb von der Flut verschont, dennoch zogen alle zusammen mit Alois Balter Anfang Oktober in die Westpfalz, nach Schmitshausen. Nur die älteste Tochter Charlotte (19) zog nicht mit, sie studiert in Trier.
Zur Schule zu gehen wäre ein Problem gewesen
Der Entschluss, noch mal woanders anzufangen, mit drei Generationen unter einem Dach, sei hauptsächlich wegen der drei Schulkinder gefallen, sagt Judith Balter-Gergs. Ihre Schule an der Ahr sei zerstört, eine als Notlösung in Aussicht gestellte Container-Schule nicht fertig. Die Ersatzschule sei 25 Kilometer weiter weg und schlecht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, zumal der Unterricht für ihre Kinder von 14 bis 18 Uhr stattgefunden habe. Der Schulleiter habe gesagt, dass das noch zwei bis drei Jahre so gehe. „Und das wollten wir den Kindern nach zwei Corona-Schuljahren nicht auch noch zumuten“, sagt die Mutter.
Dass der inzwischen bei seinem Sohn lebende Alois Balter sein Haus verloren hatte und der Sohn – ein gelernter Destillateur – sich ohnehin zum Fahrschullehrer umschulen lassen wollte, habe mit zur Entscheidung beigetragen. „,Wann, wenn nicht jetzt?!’, haben wir gedacht und angefangen, nach einem Haus zu suchen“, so Balter-Gergs. Mit Schmitshausen verband die Familie nichts, sie hatte das Dorf nie zuvor gesehen, doch das gemietete Haus, in dem sie jetzt wohnt, passte zu den Kriterien: gut erreichbare Schulen, Großfamilie erwünscht, „und wir haben uns gleich wohl gefühlt“, sagt Stefan Balter.
„Wir wurden hier herzlich empfangen“
Luise, Emil und Henri besuchen nun alle drei das Hofenfels-Gymnasium in Zweibrücken, das von Schmitshausen aus problemlos zu erreichen sei. Anschluss hätten sie auch schon gefunden, in der Schule, aber auch im Dorf, ebenso die Eltern. Der jüngste Sohn spielt Fußball, da lerne man schnell andere Eltern kennen; und Judith Balter-Gergs wurde auch schon zum örtlichen Frauenstammtisch eingeladen. „Wir wurden hier herzlich empfangen, die Leute sind sehr offen“, freut sie sich.
Das tröste ein wenig über den Verlust der alten Heimat hinweg, der die Familie schon ab und zu packt. „Wir waren dort zu Hause, hatten auch dort ein tolles Verhältnis zu den Nachbarn, die fast alle Winzer waren. Die Traubenlese, dort immer ein Ereignis, werden wir vermissen“, sagt Judith Balter-Gergs. Die Flut habe aber so vieles verändert. Die Leute an den Ahr seien sehr tapfer, stünden einander bei, wo es geht. Auch Familie Balter leistete ihren Beitrag. „Meine Frau arbeitete sechs Wochen lang ehrenamtlich jeden Tag in einer Versorgungsstation für Flutopfer“, sagt Stefan Balter.
Die Trauer geht an die Substanz
Das Ausmaß der Zerstörung und die überall spürbare Trauer und Verzweiflung wegen der vielen Toten seien aber an die Substanz gegangen. Ansonsten schöne Dinge wie im Garten grillen – „wir hätten das machen können, bei uns war nicht viel kaputt. Aber wir konnten es nicht, bei all den vielen Menschen um uns, die so viel verloren haben“, sagt Balter-Gergs. Auch das sei ein Grund gewesen, der Ahr den Rücken zu kehren und in Schmitshausen noch mal neu anzufangen. Wie es der Zufall will, gibt es im neuen Heimatort auch eine Fahrschul-Filiale, in der Stefan Balter nun seine Umschulung machen kann. Seine Frau hat eine Stelle als Erzieherin in Aussicht.
Alois Balter genießt sein Rentnerdasein im Kreis der Familie, freut sich, dass mit den Kindern immer Leben im Haus ist und spielt ab und zu Mundharmonika und Keyboard – zwei Dinge, die später doch noch aus dem Obergeschoss seines alten Hauses an der Ahr geborgen werden konnten. Vor allem die Mundharmonika war dem 84-Jährigen wichtig, „ist schon rund 60 Jahre alt, das gute Stück“, sagt er. Er blickt sich um im neuen Wohnzimmer und meint: „Ich bin hier vollkommen zufrieden.“