Wirtschaftsleben
Hauenstein: Was ein Tipi und Tretroller neben der B10 machen
Wer auf der B10 an Hauenstein vorbeifährt, sieht schon von weitem auf einer Wiese ein sieben Meter hohes, weißes Tipi. Was hat es damit auf sich? Das Zelt ist das Ausstellungsstück von Wolfgang Seibel, der Tipis in verschiedenen Größen verkauft. Das kleinste Zelt messe 2,80 Meter, das größte 9,80 Meter, berichtet er. Die Höhe entspreche prinzipiell auch der Breite des Zeltes. Zu den Hauptkunden gehörten mittlerweile Waldkindergärten, die die geräumigen Zelte für ihre Kindergruppen nutzten.
„Tipis sind die vollkommensten Behausungen in der Natur“, sagt Seibel. Sie seien extrem windstabil, hätten eine enorme Raumhöhe, seien geräumig und im Innern könnte ein Feuer entzündet werden. Im Ausstellungsstück steht ein Ofen, doch auch ein offenes Feuer sei dank der Rauchklappe im Dach möglich. Durch diese ließen sich nachts die Sterne beobachten. „Außerdem machen die Tipis ästhetisch was her“, so Seibel.
Etwa fünf bis zehn Jahre sei ein Tipi haltbar, es brauche allerdings regelmäßige Pflege. Am besten sollte es auf einer Holzplattform stehen, damit es von unten her geschützt sei. Der Aufbau sei an sich nicht schwer, allerdings empfehle es sich schon, die Anleitung im Vorfeld zu lesen.
Der Tretroller-Spezialist
Der Tipi-Verkauf ist eines von mehreren Geschäftsmodellen Seibels, die unter dem Namen Südpfalz Adventures zusammengefasst sind. Angefangen habe alles 1987 in Hauenstein mit einem Fahrradladen und einer Kletterschule, erinnert sich der 61-Jährige. Bis 2010 habe er in Hauenstein eine Indoorkletteranlage betrieben, dann sei die Konkurrenz in der Region zu groß geworden. Heute diene die Kletterhalle vor allem als Lager.
Seibel bietet die Tipis zum Verkauf an, die Stangen fertigten die Kunden meist vor Ort, da diese sehr schwierig zu transportieren seien. Genäht werden die Planen in der Tschechoslowakei. Durch die Corona-Pandemie habe es in der ganzen Eventbranche einen Einbruch gegeben, heute sei es der Ukraine-Krieg, der es schwierig mache, geeignetes Material zu erwerben.
Vor allem E-Bikes gefragt
Sein Hauptgeschäft ist denn auch nicht der Tipi-Verkauf, sondern das Fahrrad- und Tretrollergeschäft in Hauenstein, direkt am Queichtalradweg, das Seibel unterstützt von einem Mitarbeiter dort betreibt. Eine Servicewerkstatt gibt es auch. Am meisten nachgefragt seien derzeit E-Bikes, vor allem sogenannte ATBs. Die Abkürzung steht für All-Terrain-Bike, also ein Rad für verschiedene Untergründe. Ausgestattet mit dicken Reifen, Schutzblechen und Beleuchtung, lasse es sich in der Stadt und im Wald fahren. Neben den E-Bikes seien Mountainbikes beliebt, mit Voll- oder Teilfederung.
Die Kunden in Seibels Geschäft erwartet aber noch eine Besonderheit, in der sich der 61-Jährige schon vor Jahren zum Fachmann entwickelt hat: Tretroller. Nicht die mit Motor, sondern die, die mit Muskelkraft betrieben werden. Meist ausgestattet mit einem größeren Rad vorne und einem kleineren Rad hinten, lasse sich damit lautlos durch die Landschaft gleiten. „Das ist wie Surfen“, beschreibt Seibel.
Die Tretroller bietet Seibel vor Ort und über einen Online-Shop an, auch Spezialanfertigungen sind möglich. Weiter können Tretroller bei ihm ausgeliehen werden. Zum ersten Mal sei er in den 1980er Jahren über einen Freund aus Finnland auf die Gefährte aufmerksam geworden. In Finnland gebe es im Winter Wettkämpfe mit Tretschlitten. Um hierfür im Sommer trainieren zu können, seien spezielle Tretroller entwickelt worden. Der Bewegungsablauf ähnle demjenigen des Tretschlittenfahrens. Seibel war fasziniert und brachte die Tretroller in die Pfalz.
Auf Weltniveau unterwegs
„Ich verkaufe nichts, was ich nicht auch selbst mache“, betont er. Jahrelang war er selbst bei Tretroller-Wettkämpfen aktiv, ist mehrfacher Deutscher Meister sowie Europameister. 2008 wurde er Weltmeister in seiner Altersklasse. Heute fahre er die Rennen nicht mehr, doch seine Weiterentwicklungen an den Rollern gibt es noch. Dazu zähle ein doppeltes Ausfallende, eine Vorrichtung, die es ermöglicht, das Rad in eine höhere und eine tiefere Position zu hängen – je nachdem, welche Bodenfreiheit notwendig sei.
Tretroller kämen in unterschiedlichsten Branchen zum Einsatz. Sportler nutzten sie fürs Training im Berglauf. „Sie laufen den Berg hoch, schieben den Tretroller und fahren gelenkschonend ab“, schildert Seibel. Weitere Kunden kämen aus dem Hundesport. Eine andere Einsatzmöglichkeit sei im Tourismus: Er habe einen Tandem-Roller entwickelt, bei dem sich ein Kind auf den Roller stellen könne und ein Erwachsener die Steuerung übernehme. Ein Kunde von ihm biete das in Österreich an: Die Touristen fahren mit der Bergbahn hoch und mit dem Roller zurück ins Tal.
Weiter sei Rollerwandern möglich, was eine höhere Reichweite als das klassische Wandern schaffe. Im Rehasport, etwa an der Uniklinik Braunschweig, seien Roller für Therapiezwecke bei Knie- und Rückenproblemen im Einsatz. Selbst weite Strecken ließen sich zurücklegen: Eine Kundin vom ihm sei mit dem Roller von Berlin nach Santiago de Compostela in Spanien gefahren.
Zu seinen Kunden gehörten die Deutsche Bahn und der Paketdienst DHL, die Roller kämen an Bahnhöfen und im Paketdienst zum Einsatz. Gleiches gelte für Lagerflächen, um schnell von einem Punkt zum anderen zu kommen, seien Tretroller ideal. Auch in Innenstädten böten Tretroller viele Vorteile.
Leider sei die Popularität des Tretrollers zurückgegangen. Aber das könne sich ja wieder ändern, hofft Seibel. Klar sei aber auch: „Ein Roller ersetzt nicht das Fahrrad“. Vielmehr habe beides seine Berechtigung und das passende Einsatzgebiet.
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