Offenbach
Katastrophenschützer schlagen Alarm: Rufe nach hauptamtlichen Wehrleiter
Oliver Siebert, geboren 1963, ist bereits seit seinem neunten Lebensjahr bei der Feuerwehr in Offenbach, inzwischen ist er in der Verbandsgemeinde als Wehrleiter tätig. In der jüngsten Sitzung des Verbandsgemeinderates hat er eine Bestandsaufnahme zum örtlichen Katastrophenschutz gegeben und dabei auch generelle Schwachstellen in diesem Bereich benannt. Ebenso wie der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Landkreises SÜW, Jens Thiele, sieht Oliver Sieber noch viel Luft nach oben.
Im Landkreis SÜW wurde vor Kurzem ein Bedarfsplan für die kommenden zehn Jahre verabschiedet. Etwa zwölf Millionen Euro werden in den Brand- und Katastrophenschutz investiert, unter anderem in neue Fahrzeuge und Schutzausrüstung. Jens Thiele ist überzeugt, dass sich die Situation für die Wehrleute dadurch verbessern wird. Davon abgesehen sollen sich in der Kreisverwaltung künftig sieben Angestellte in Vollzeit um den Katastrophenschutz kümmern, so der Plan.
Jens Thiele und Oliver Siebert nehmen beide wahr, dass auch in der Gesellschaft dem Thema Brand- und Katastrophenschutz eine größere Bedeutung beigemessen wird. Auf die Rettungskräfte wurde gebaut, als durch Gasmangellage hervorgerufene Ausfälle in der Versorgung befürchtet wurden. Schon längst in aller Munde ist der Klimawandel, spätestens seit den längeren Trockenperioden vergangener Sommer. Diese erhöhen die Waldbrandgefahr und fordern die Feuerwehren – gerade im Landkreis SÜW und in ihren Gemeinden am Pfälzerwald ein wichtiges Thema.
Wehrleiter nehmen Urlaubstage für ehrenamtliche Aufgaben
Beide Katastrophenschützer betonen aber, dass trotz dieser und anderer möglicher Gefahren zu viel auf den Schultern der Ehrenamtlichen laste. Sie müssen für Einsätze freigestellt werden, was nicht jeder Arbeitgeber sich auf Dauer leisten könne, vor allem kleinere Betriebe nicht. Mal davon abgesehen, dass die Einsätze gut vor- und nachbereitet werden müssen, was zusätzlich Zeit koste. „Es ist schon enorm, was von uns abverlangt wird. Dabei habe ich noch einen Hauptberuf“, konstatiert Siebert.
Ein Beispiel: Wenn neue Industrie- und Hotelgebäude errichtet werden, wird im Zuge des Baugenehmigungsverfahrens auch die Feuerwehr mit eingebunden. Auch, weil sich die Wehrleute vor Ort auskennen sollten im Falle eines Notfalls oder Brandes. Die Besprechungstermine mit den Beteiligten sind allerdings meist tagsüber. Also dann, wenn Wehrleute in der Regel auf der Arbeit sind. Jens Thiele weiß, dass einige Kollegen für solche Treffen extra Urlaub nehmen. Das könne nicht Sinn der Sache sein.
Wo es im Land hauptamtliche Wehrleiter gibt
Der Verwaltungsaufwand für die Feuerwehrleute hat sich im Laufe der Jahre erhöht. Allerdings ist hierzulande nicht geplant, hauptamtliche Wehrleiter einzustellen, wozu allerdings Jens Thiele und Oliver Siebert anregen. Sie denken dabei an eine landesgesetzliche Regelung. Beim Bauhof beispielsweise werde ja auch nicht überlegt, ob er ehrenamtlich betrieben werden könne, so Thiele.
Fakt ist, dass die Verbandsgemeinde Winnweiler im Donnersbergkreis eine von wenigen Kommunen im Land ist, die einen hauptamtlichen Wehrleiter vorweisen können. Dieser Posten ist dort seit 2017 besetzt. „Und wir haben seitdem ausschließlich gute Erfahrungen gemacht“, teilt VG-Chef Rudolf Jacob auf Anfrage mit. Der frühere Wehrleiter hatte den Stein ins Rollen gebracht. Er sah sich nicht mehr imstande, seine Arbeit ehrenamtlich zu leisten. Weil sich anschließend die Mehrheit der Feuerwehrangehörigen für eine Änderung aussprach, wurde reagiert. „Die Vorteile, die wir erwartet haben, sind vollumfänglich eingetreten“, sagt Rudolf Jacob. Die ehrenamtlichen Wehrführer seien von „unliebsamen administrativen Aufgaben“ entlastet worden, die Qualität der Alarm- und Einsatzpläne habe sich verbessert. Es werden auch Kosten eingespart, weil keine externen Dienstleister damit beauftragt werden, Brandschutzkonzepte und Feuerwehrpläne für kommunale Einrichtungen anzufertigen.
Verwaltungen setzen bei der Mammutaufgabe „Wehrleitung“ auf Teamarbeit
In der Verbandsgemeinde Maikammer war die Stelle des hauptamtlichen Wehrleiters noch kein Thema. Laut Verbandsbürgermeisterin Gabriele Flach (CDU) steht den drei Ortswehren „ausreichend motiviertes und befähigtes ehrenamtliches Personal“ zur Verfügung. Ihr Wehrleiter habe zudem drei Stellvertreter, die Aufgaben seien klar verteilt. Die Wehrleute werden seit 2021 durch einen Gerätewart unterstützt, der auf 450-Euro-Basis angestellt ist. „Als weiteren Vorteil sehen wir, dass die Wehrleitung demokratisch aus den Reihen der Wehr gewählt wird.“ Wäre die Stelle hauptamtlich, würde der Verbandsgemeinderat diesen besetzen.
In der Verbandsgemeinde Edenkoben wird darauf Wert gelegt, dass jede Gemeinde ihre eigene Feuerwehr hat. Deshalb investiert sie selbst in kleineren Orten wie Kleinfischlingen und Flemlingen in Neubauten, die dort derzeit beziehungsweise bald entstehen. „Es ist für mich nachvollziehbar, dass Ehrenamtliche insbesondere in größeren Verbandsgemeinden bei der Bewältigung dieser Aufgaben mit hoher Qualität an Grenzen kommen“, sagt Eberhard Frankmann (CDU), der für die Feuerwehr zuständige erste Beigeordnete. Da die Wehrleitung aber noch bis 2025 im Amt sei, wird dort kein Gedanke an eine Hauptamtlichkeit verschwendet. Zumal Frankmann das Amt der Wehrleitung als eine Mammutaufgabe bezeichnet, welche „nur im guten Zusammenspiel im Team und mit der Verwaltung zu bewältigen ist“.
Rund 130 Verbandsgemeinden, nur drei Kommunen mit hauptamtlichen Wehrleitern
Laut Offenbachs Verbandsbürgermeister Axel Wassyl sollten bei dieser Diskussion sämtliche Rahmenbedingungen und gesetzliche Vorgaben berücksichtigt werden. Jene drei Verbandsgemeinden im Land, die einen hauptamtlichen Wehrleiter bestellt haben, hätten meist deutlich mehr Einwohner als die VG Offenbach. Wobei das nicht entscheidend sei, denn selbst größere Kommunen, zum Beispiel die Verbandsgemeinde Simmern-Rheinböllen mit 28.817 Einwohnern und 44 Ortsgemeinden, haben solch einen Posten nicht. In der VG Offenbach befinden sich die vier Ortsgemeinden zudem alle in räumlicher Nähe. „Damit sind kurze Anfahrtszeiten und eine gute Vernetzung im Einsatzfall gewährleistet.“
„Lehrer als Multiplikatoren in Sachen Katastrophenschutz“
Jens Thiele und Oliver Siebert haben ein weiteres Anliegen: Ihrer Ansicht nach sollte der Nachwuchs früher für die Themen Katastrophenschutz und Erste Hilfe sensibilisiert werden. Fragen wie „Was mache ich, wenn es brennt?“, „Wie bediene ich einen Feuerlöscher?“ oder „Wie verhalte ich mich bei Unfällen?“ sollten stärker in den Schulunterricht integriert werden. Denkbar wäre es für sie, auch Lehrkräfte als Multiplikatoren zu gewinnen, die ihre Klassen darüber aufklären könnten, wie sie sich zum Beispiel im Notfall zu verhalten haben.
Das Thema Brandschutz könne sehr wohl im Sachunterricht bearbeitet werden, teilt das rheinland-pfälzische Bildungsministerium auf Anfrage mit. Auch Brandschutzübungen seien wichtig, um die Arbeit der Feuerwehr besser kennenzulernen. Das Ministerium verweist darauf, dass es bereits mit dem Landesfeuerwehrverband zusammenarbeitet, um die Schülerschaft an die Arbeit der Feuerwehr heranzuführen. Zumal jede Ganztagsschule bei Bedarf mit der Feuerwehr kooperieren könne.
Weiterhin merkt das Ministerium an, dass manche Berufsbildende Schulen (BBS) das Wahlpflichtfach „Feuerwehrtechnische Grundbildung“ anbieten. So hat die BBS in Germersheim im Schuljahr 2009/2010 erstmals ihren Schülern ermöglicht, über ihren Stundenplanes Qualifikationen im vorbeugenden und abwehrenden Brandschutz sowie der Ersten Hilfe zu erwerben. Darüber hinaus seien Schulen im Land seit 2018 dazu verpflichtet, Krisenteams zu bilden, um sich auf Krisensituationen besser vorzubereiten.