Offenbach RHEINPFALZ Plus Artikel Hinter den Kulissen des Offenbacher Rathaus-Umzugs

Verzögerungen durch Corona: Ein Jahr nach der geplanten Eröffnung geht es im neu gebauten Rathaus nächsten Mittwoch endlich los.
Verzögerungen durch Corona: Ein Jahr nach der geplanten Eröffnung geht es im neu gebauten Rathaus nächsten Mittwoch endlich los.

Schon bald ist das 1979 eröffnete Offenbacher Rathaus Geschichte. Hausmeister Marco Hitzler und Verbandsbürgermeister Axel Wassyl kennen die Wehwehchen, aber auch die Vorzüge des Bauwerks aus dem Effeff. Mit dem Umzug in den Neubau wird sich so manches ändern.

Es wirkt fast so, als räumten Räuber am helllichten Dienstagmittag das Gebäude aus: Zielgerichtet steuert ein Mann auf den Ausgang des Rathauses zu, unter jeden Arm ein Monitor gepackt – kurz hinter ihm folgt der Nächste. Doch die Herren sind Verwaltungsmitarbeiter, es ist Umzugswoche am Offenbacher Konrad-Lerch-Ring. Die 45 Angestellten der Verbandsgemeindeverwaltung räumen und verräumen tüchtig die Habseligkeiten ihres Berufslebens. Schon am Folgetag brauchen die Möbelpacker des bestellten Umzugsunternehmens Platz, erklärt Hausmeister Marco Hitzler.

Fast auf den Tag genau vor sechs Jahren, am 2. Mai 2016, trat der heute 44-Jährige seinen Dienst als Rathaus-Hausmeister an. Das Projekt „Neues Offenbacher Rathaus“ befand sich da gerade in einer besonders heiklen Phase: Das für den Altbau engagierte Architekturbüro und der für die Kunst am Bau verantwortliche Künstler versuchten, einen Abriss des Gebäudes zu verhindern, indem sie Antrag auf Denkmalschutz stellten. Dem gab das Landesdenkmalamt statt – drei Tage später wurde der Abriss dennoch genehmigt, unter der Auflage, die künstlerischen Betonreliefs von Bildhauer Karl-Heinz Deutsch zu erhalten.

Decke eingestürzt

Die Reliefs sind durchaus beeindruckend: Vom Eingang über das Foyer bis in den ersten Stock zieren sie Decken und Wände. Sie als Teil der Gemeindegeschichte weiter in Szene zu setzen klingt nach einem soliden Kompromiss – noch ist allerdings nicht geklärt, was mit ihnen geschehen soll. „Vielleicht lassen wir eine L-förmige Wand beim Abriss ganz stehen und es werden überdachte Fahrradständer draus“, verrät der Bürgermeister der Verbandsgemeinde, Axel Wassyl, die vorsichtigen Pläne.

Durchaus beeindruckend sind im Übrigen auch die Schäden am Rest des Bauwerks, die Hausmeister Hitzler seit jeher in seinem Arbeitsalltag in Offenbach begleitet haben. Ein undichtes Dach als Dauerzustand, so schlimm, dass im ersten Obergeschoss einst die Deckenverkleidung den Abgang machte. Einfache Holzbalken sorgten seitdem für ein provisorisches Mehr an Stabilität. „Stellen Sie sich vor, wenn in dem Moment jemand vorbeiläuft, und die Decke kommt runter“, erinnert sich Hitzler an den Vorfall, glücklicherweise außerhalb der Dienstzeiten. An anderer Stelle klafft ein Loch in der Flurdecke, darin thront ein Kanister: ein bis zwei Tage nach jedem Regen sammele sich dort das durchs Gemäuer gesickerte Wasser, bestätigen die kistenpackenden Verwaltungsangestellten. Inzwischen lachen sie müde darüber.

Sanierung für Millionen

Auch die Klimatisierung des Gebäudes sei ein Problem gewesen: „Im Winter war es schwer, es allen recht zu machen. Den einen war es zu warm, den anderen zu kalt – die Heizung ließ sich nicht individuell regulieren“, erinnert sich Hitzel. Die Heizung – eine Gebläseheizung – habe den Mitarbeitern zusätzlich Lärm und trockene Luft beschert, ergänzt Wassyl. Dazu die regelmäßigen Wasserschäden im Technikraum des Kellergeschosses, in dem bis in die 1980er-Jahre auch die Gemeindebücherei und seitdem weitere Büroräume untergebracht waren: durch die Feuchtigkeit mit Schimmel belastet.

„Vor elf Jahren haben wir eine Bestandsaufnahme gemacht“, sagt der Verbandsgemeinde-Chef, „da hieß es: 7,3 Millionen Euro Sanierungskosten.“ Nachdem Abriss und Neubau anschließend auf 6,1 Millionen Euro geschätzt wurden, sei das Thema Sanierung im Gemeinderat schnell vom Tisch gewesen. Kurz vor Abschluss des Neubauprojekts schätzt Wassyl die finalen Kosten samt Baukostensteigerungen auf 6,4 Millionen Euro und somit noch immer deutlich günstiger als eine Behebung der Schäden am Altbau.

Gewappnet für die Zukunft

Ein besonderes Goldstück des Siebzigerjahre-Baus werden sowohl Wassyl als auch Hitzler trotzdem vermissen, wenn kommende Woche der Rathausbetrieb im Neubau wieder ins Rollen kommt: den lichtdurchfluteten Frühstücksraum im zweiten Obergeschoss mit anschließender Dachterrasse. „Das war im Neubau nicht möglich, dort haben wir Solarmodule auf dem Dach“, bedauert Wassyl – allerdings nur die fehlende Dachterrasse, nicht die Solarmodule selbst.

Die technische Ausstattung im Herzen des Neubaus präsentiert er wenig später stolz: Strom und Klimatisierung sollen CO2-neutral über Fotovoltaik- und hybride Fotovoltaik-Thermie-Module funktionieren. Was sich dahinter verbirgt, erklärt der Verwaltungschef gleich mit: Die Module nutzen die bei der Stromerzeugung entstehende Wärme und leiten sie in einen Wärmespeicher. Die Räume des neuen Rathauses werden dann über eine Fußbodenheizung beheizt. Dieselben Rohre sollen im Sommer für Kühlung sorgen. „Wir sollten mit dem Gebäude für die Zukunft gewappnet sein“, konstatiert Wassyl. Hitzler, auf den nun einige ganz neue Aufgaben zukommen werden, sagt, er freue sich auf die Herausforderung. Ob alles auf Anhieb funktioniert, sehe man erst, wenn das Gebäude eine Weile im Regelbetrieb läuft – da unterscheidet sich ein Rathaus nicht vom Einfamilienhaus.

Zeitgemäßes Arbeiten

Der Kontrast zum alten Rathaus ist im Neubau jedenfalls mit beinahe allen Sinnen zu spüren: Durch große Fenster und ein gläsernes Atrium im Zentrum des Bauwerks dringt Tageslicht von allen Enden in das Gebäudeinnere und wird von den weißen Wänden reflektiert. Die Luft ist angenehm kühl: Der Lüftung sei dank. Und wo besonders viel Licht auf die Fensterfronten falle, habe man auf Wärmeschutzglas gesetzt, so Wassyl. Auch die Akustik beeindruckt: Im neuen Ratssaal, dessen Wände zu zwei Seiten komplett aus Glas bestehen („Transparenz war das Motto“, so der VG-Bürgermeister), ist trotz hoher Decken und wenig Mobiliar kein Hall zu vernehmen.

„Es geht um zeitgemäßes Arbeiten und das haben wir hier“, sagt Wassyl. Die Helligkeit und die bessere Luft stünden auch auf seiner Vorfreude-Liste ganz oben, sagt Hitzler. „Und die Pflege der Außenanlage“, fügt er hinzu, denn die sei mit der ausladenden Bepflanzung und den Sitzmöglichkeiten etwas Besonderes geworden.

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