Rohrbach
Hilfe für Wildvögel: Immer mehr Tiere landen bei Päpplerin
Er schaut aus seiner Softbox nach oben zu Sandra Manier. Der Kernbeißer ist einer von vielen Wildvögeln, die sich in der Obhut der 36-jährigen Vogel-Päpplerin befinden. Die Rohrbacherin ist die zweite Vorsitzende des Vereins Ehrenamtliche Wildvogelhilfe und päppelt in ihrem Privathaus verletzte oder geschwächte Tiere auf, bis sie wieder in die Freiheit ausgewildert werden können. Behutsam nimmt Sandra Manier den Kernbeißer aus der Box und schaut sich seinen Flügel an. „Man braucht schon etwas Fingerspitzengefühl“, sagt sie. Der Kernbeißer schaut und scheint sich in ihrer Hand nicht unwohl zu fühlen. „Der ist bald wieder fit.“ Das Tier wurde aus Lachen-Speyerdorf zu ihr gebracht. „Er ist gegen eine Fensterscheibe gedonnert, hat unter anderem eine Prellung und ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten“, erklärt Sandra Manier die Anamnese.
In enger Absprache mit dem Tierarzt werden die Wildvögel versorgt. Auch das Veterinäramt kenne ihre Räumlichkeiten. Der Kernbeißer muss keine Angst haben, dass er künftig außerhalb seines vertrauten Umfelds leben muss. „Erwachsene Vögel werden bei der Wieder-Auswilderung immer an ihrem Fundort ausgesetzt.“ Bei jungen Tieren müsse dies nicht unbedingt so sein, erklärt Sandra Manier weiter. Früher hat sie auch im Vogelpark Wörth geholfen. Dort konnte sie wertvolle Erfahrungen im Umgang mit den Tieren sammeln. „Vögel haben mich schon als kleines Kind fasziniert.“
In einem Aufenthaltsraum von Sandra Maniers Wohnhaus ist der Kernbeißer in gefiederter Gesellschaft. In der Box links neben ihm wird ein Erpel gesund gepflegt. Er wurde bei Maikammer von einem Auto angefahren und dann einfach liegen gelassen. Nur durch Zufall wurde er gefunden. Er hat eine schwere Kopfverletzung, „aber er wird wieder gesund“, sagt die Vogelfreundin. Jedes Tier im Haus der Maniers hat seine ganz eigene Geschichte, die er erzählt , warum es in der Auffangstation gelandet ist.
Die Südpfälzerin stellt fest, dass immer mehr Vögel in die Bredouille geraten und Hilfe brauchen. Sie macht dafür mitunter die steigende Pestizidbelastung der Umwelt und den schwindenden Lebensbereich für die Vögel – vor allem im städtischen Bereich – verantwortlich. „Wo finden die Vögel denn noch Rückzugsräume?“, fragt sie. Das Einzugsgebiet, in dem ihre Hilfe in Anspruch genommen wird, beziffert sie auf mindestens 150 Kilometer. „Es landen auch Vögel aus Frankfurt bei mir.“ Allerdings keine Greifvögel. „Ich habe keinen Falknerschein“, erklärt Sandra Manier. Hier kann beispielsweise die Greifvogelstation in Haßloch weiterhelfen.
Oben, auf der Terrasse im zweiten Stock, steht eine große Voliere, in der momentan sieben Rabenkrähen und eine Elster wohnen. „Sie mögen keine hektischen Bewegungen“, sagt Sandra Manier. Das wissen auch die anderen Familienmitglieder.„Wenn Sie ihrem Beruf als Verkäuferin im Einzelhandel nachgeht, wird sie von ihrem Mann Alexander unterstützt, der dann schon auch mal das füttern der gefiederten Freunde übernimmt. Auch Sohnemann Vincent ist von den Vögeln im Haus begeistert. „Er gibt allen einen Namen“, sagt Sandra Manier. „Unser zweites Kind ist erst drei Jahre alt und schaut einfach gerne zu.“
Das Schwalbenzimmer wird renoviert
Im unteren Bereich des Hauses gibt es ein eigenes Flugzimmer für Schwalben. Dort können sich die angeschlagenen Vögel, die sich von Insekten ernähren, in aller Ruhe bei rund 25 Grad erholen und überwintern. „Dieses Zimmer muss renoviert werden, also verputzt und neu gestrichen werden.“ Die Rohrbacherin hat einen Malermeister gefunden, der diese Arbeiten im Mai übernimmt. Der Verein Schüler für Tiere aus Herxheim habe sich bereit erklärt, die anfallende Summe zu übernehmen. Das sei eine tolle Sache. „Zu den Schwalben habe ich besondere Liebe entwickelt. Sie sind auch nicht so leicht aufzupäppeln. Es gibt da einiges zu beachten. Letztlich brauchen Sie ein perfektes Gefieder, um in der Natur überleben zu können.“
Apropos überleben: Die Expertin appelliert an die Finder junger Rabenvögel, diese zu zähmen und großzuziehen. „Wenn sie dann ausgesetzt werden, finden sie sich in der Natur überhaupt nicht mehr zurecht, da sie es nie gelernt haben.“ Wildvogelhilfe ist auch mit Kosten verbunden. Füttern, das Reinigen der Behausungen, medizinische Versorgung, Strom, Gas, Wasser, das alles kostet Geld. „Das meiste lässt sich mit Spenden abdecken, aber manches zahle ich auch aus der eigenen Tasche“, erklärt die erfahrene Päpplerin.
351 Vögel hat Sandra Manier 2022 bei sich zu Hause in Rohrbach betreut. Dieses Jahr sind es schon jetzt 45. „Ich merke, dass die Zahl in den letzten Jahren deutlich zunimmt.“ Manche Vögel bleiben ein paar Tage, manche ein paar Wochen und manche ein paar Monate. „Das hängt immer davon ab, was sie haben.“ Die Tiere werden während dieser Phase genau beobachtet. Es gibt gegebenenfalls einen Parasiten-Check, auch werden das Gewicht und die Schleimhäute geprüft. Alle Tiere schaffen es auch trotz der Hilfe von Sandra Manier nicht zu überleben. „Manchmal stellen sich die Verletzungen dann doch als zu schwer heraus. Der Tod gehört leider auch dazu“, sagt sie. Sollte keine Überlebenschance bestehen, würden die Tiere eingeschläfert. In der Auffangstation landen letztlich nur Wildvögel, bei denen auch eine Chance besteht, dass sie wieder in die Natur zurück können. Eine Ausnahme seien Stadttauben. Sie würden in „Handicap-Volieren“ weiter betreut, auch wenn sie es nicht mehr zurück in die Natur schaffen.
Sandra Manier hat bis Mitte des vergangenen Jahres auch immer mal wieder ehrenamtlich in der Wildvogel-Auffangstation Nonnenhof in Bobenheim-Roxheim gearbeitet. Diese Station wurde dann aber Mitte 2022 aufgelöst. Die Päppler, die dort tätig waren, betreuen die Tiere nun genau wie Sandra Manier zuhause.