Kusel / Ruthweiler
Westricher Heimatblätter bieten Einblick ins dörfliche Leben Anfang des 20. Jahrhunderts
Einen Eindruck vom damaligen Leben auf dem Land bieten am Beispiel von Ruthweiler die Erinnerungen von Jakob Loos (1877-1955). Illustriert ist der Beitrag, der keine Dorfchronik oder Familiensaga ist, sondern ein Streifzug durch die Kinder- und Jugendtage des Autors, mit zahlreichen Fotos aus dem Gemeindearchiv Ruthweiler. Loos wächst bei seinen Großeltern auf, seine Mutter Katherina Loos wandert 1881 nach Amerika aus.
Nach fünf Jahren Volksschule wechselt er auf die Lateinschule (Progymnasium) in Kusel. Ab 1891 besucht er dort die Präparandenschule und danach die Lehrerbildungsanstalt in Kaiserslautern. Sein Berufsweg als Lehrer führt Loos an Schulen in der Pfalz und Rheinhessen. Eine dauerhafte Anstellung findet er ab 1902 in der Kleinstadt Adorf in Sachsen. Dort stirbt er am 18. August 1955, zehn Jahre nach seiner Zwangspensionierung, im Alter von 78 Jahren.
Häuser bescheiden eingerichtet
Lebendig schildert Loos in seinen Erinnerungen, wie die Dorfbuben sich an Kirschbäumen bedienten, Walnüsse sammelten oder Äpfel pflückten. Akribisch hält er fest, wie das Großelternhaus eingerichtet war, wie bescheiden Stuben, Kammer und Küche der Bauernhäuser möbliert waren und was im Wandschrank aufbewahrt wurde: Kalender, Bibel, Gebetbuch, Handwerkszeug, Geld und Notizbuch, das über familiäre Ereignisse sowie über Ausleihen und gezahlte Zinsen Auskunft gab. Die Dekoration an den Wänden erschöpft sich in Bildern aus dem Leben Jesu, vom Wormser Lutherdenkmal und einem Foto der Mutter des Autors.
Auch über den Gemüsegarten, die saisonalen Ernten und die Verwertung von Obst und Gemüse erfährt der Leser viele Details. Ebenso über das soziale Leben im Dorf („Maien gehen“) während der Wintermonate, wenn bei karger Beleuchtung Flachs und Hanf versponnen oder gewebt wurden.
Hausschlachtung zur Weihnachtszeit
Charakteristisch für Bauerndörfer wie Ruthweiler waren auch die Hausschlachtungen um die Weihnachtszeit, der gemeinschaftliche Drusch des Getreides und der Einsatz von Kühen als Zugtiere. Gerade angesichts aktueller Debatten zum Thema Landwirtschaft sind die Ausführungen zu den örtlichen Misthaufen als Indiz für den Wohlstand der Bauern besonders aufschlussreich.
Anekdoten aus dem Dorf und über seine Bewohner, Botanik, Geografie, lokales Handwerk und ländliches Brauchtum wie Pfingstquack, Märkte, Kirmes und Patenbesuche an Weihnachten und Ostern sind weitere Merkposten von Loos. Sehr viel Raum nehmen die Erinnerungen an die Schulzeit ein, was wohl der berufsbedingten Neigung zuzuschreiben ist.
Schlechte Zensuren für die Lehrer
Dabei geht Loos mit dem Lehrpersonal und dessen didaktisch-pädagogischen Unzulänglichkeiten ziemlich hart ins Gericht und verteilt zumeist eher schlechte Noten an seine Berufskollegen. Über Lehrer Simon, der an der Volksschule Ruthweiler unterrichtet, urteilt er: „Er hatte den Kopf voller guter Vorsätze, war auch fleißig, aber ein Genie war er nicht.“ Wenig wohlwollend fällt das Urteil über Lehrer Dehmel an der Lateinschule aus: Der Rechenunterricht sei „unter aller Kanone“ und Erdkunde „erbärmlich“ gewesen.
Im Rückblick lässt Loos kein gutes Haar am Kuseler Dekan Brion, der an der Präparandenschule Religion unterrichtet: „Etwas Einseitigeres, Unpädagogischeres, Urteilsloseres läßt sich nicht mehr auf schulischem Gebiet entdecken.“ Habe der evangelische Theologe doch gelehrt, dass die Welt in 4000 Jahren entstanden sei. „Irgendjemand, den man vom Pflug hergeholt hätte, hätte mindestens dasselbe gekonnt“, schreibt Loos enttäuscht.
Info
Die „Westricher Heimatblätter“ erscheinen vierteljährlich. Das Doppelheft 2/3 kostet sechs Euro plus Versandkosten und kann über die Kreisverwaltung, Abt. Zentrale Aufgaben, Schule und Kultur, 66869 Kusel, bezogen werden.