Kusel
Heinz Glass/Martin Gerschwitz: Diese Rocklegenden muss man feiern
Je oller, je doller, möchte man fast sagen nach diesem Auftritt, der schöne, alte Zeiten lebendig werden ließ. Pianist Martin Gerschwitz – stilbewusst im Harley-Davidson-Shirt - war an diesem Abend zu seinem Erstaunen der Älteste auf der Bühne. Das Durchschnittsalter senken konnten weder Ausnahme-Gitarrist Glass („Ich bin drei Wochen jünger als Martin“) noch der dritte Langhaarige in der Runde, Bassist Rolf-Dieter Schnapka, ebenfalls schon irgendwo im Rentenalter angekommen. Ähnlich war es auch im Publikum – zum Glück kennt gute Musik kennt keine Altersgrenzen.
Aus dem Stand legte die Formation mit sauberem Blues los, unterstützt von Volker Kaufmann am Saxofon und Schlagzeuger Marc Bollow. Mit Klassikern, eigenen Titel von Gerschwitz und von Glass sowie immer wieder auch Stücken mit psychedelischem Charakter gewannen die Musiker die Fans rasch und ohne große Bühnenshow.
Harmonien und Blicke
Gerschwitz und Glass, die sich 1986 bei einer Tour mit Percy Sledge erstmals begegneten, harmonierten in ihrem Spiel einfach perfekt. Sie verstanden sich nicht nur musikalisch, sondern warfen sich auch alle paar Minuten Blicke zu, die verrieten, wie viel Spaß der gemeinsame Auftritt machen musste – zum Beispiel wenn Gerschwitz einfach mal ein paar Take von Beethovens „Elise“ mit einbaute.
In Höchstform präsentierte sich auch Rolf-Dieter Schnapka. Seine reizvolle Basssoli wollten mitunter gar nicht aufhören, was das Publikum umso mehr verzückte. Am Rande verriet er der RHEINPFALZ, wie er mit Glass 1968 in Kindsbach gemeinsam in einer Band angefangen hat. Das ist lange her, aber immer noch gut. Mit Volker Kaufmann, der sein Saxofon gerne auch zu böhmischer Blasmusik erklingen lässt, war die ideale Besetzung gefunden, um „140 Jahre Rock ’n’ Roll“ – so der Titel des Auftritts – zu feiern.
Klassik eingebaut
Dies geschah mit Klassikern von Jimmy Hendrix genauso wie mit dem Steve-Winwood-Titel „I’m a Man“, in den Gerschwitz noch ein bisschen klassische Orgelmusik einbaute. Der Pianist, der lange in den USA lebte, brachte viel Musik der Staaten mit, aber auch modernere Titel à la Pink Floyd.
An Überraschungen hat es an diesem Abend nicht gefehlt: Da war der spontane Blues-Harp-Einsatz eines Fans aus dem Publikum im Gerschwitz-Song „Plenty of Time“. Und da war auch ein Stück Country mit deutlich schnellerem Rhythmus, in dem Glass seine E-Gitarre fast jodeln ließ. Ein weiteres Mal forderte er das Publikum auf, sein Gesangstalent mit einer „Schubbel-di-bubb-di-bubb“-Einlage unter Beweis zu stellen – natürlich erfolgreich.
Die Anekdote vom Bier
Im zweiten Set übernahm Sebastian Schmidt das Schlagzeug – und Sven Sommer den Bass. Gerschwitz schraubte gleich mal die Erwartungen hoch: „Wir haben noch nie zusammen gespielt“, verriet der Alt-Rocker. „Wenn es nicht gut geht, war es das letzte Mal“, warnte er augenzwinkernd. Der musikalischen Freiheit jedes Einzelnen tat dies jedoch keinen Abbruch. Gerschwitz gab zwischen den Titeln immer wieder Anekdoten zum Besten, etwa von seinen Erlebnissen mit Iron Butterflys „In-a-gadda-da-vida“, als die Band einmal beim Schlagzeug-Solo die Bühne verließ und nach ein paar Bier fast versäumte, zurückzukehren.
Nach neuerlichem Wechsel von Bass und Schlagzeug war es bei der Zugabe dann schließlich soweit – wahrscheinlich haben alle auch irgendwie schon drauf spekuliert: Das Stück von Iron Butterfly, das eigentlich „Garten Eden“ heißen sollte und eine extrem charakteristische Basslinie vorweist, beendete einen langen Abend voller Musikgenuss. Die einprägsame Melodie hing wohl vielen noch lange im Ohr.
Erst nach Mitternacht verabschiedete sich die Band nach einem tollen Abend mit der Aussicht von Heinz Glass, zum nächsten runden Geburtstag wieder nach Kusel zu kommen. Bleibt zu hoffen, dass es so lange nicht dauern wird.