Porträt
Der Künstler Lilau und die Leichtigkeit in Stein
Lilau, bürgerlich Markus Bäcker, ist Autodidakt. Fahrt aufgenommen hat seine Karriere quasi als Kollateralschaden. Ein Kollateralschaden? Lilau lacht und erinnert sich daran, wie er sein Haus in Gries umgebaut hat. „Da haben ganz viele Steine und Bruchsteine herumgelegen. Ich hab' einfach mal so an einem herumprobiert, etwas Neues gemacht, dann noch etwas und gemerkt, wie viel Spaß ich an der Sache hatte“, erinnert er sich. „Dann hab' ich mich getraut, auch andere Sachen zu machen.“ Dazu ist er mit einem Hänger nach Frankreich zu Steinbrüchen gefahren.
Seine Werkstatt lag ursprünglich direkt hinter dem Haus, dann hat er noch das Haus davor dazugekauft, so dass er jetzt über ein großes Gelände mit Steinlager verfügt. Privat pendelt er zwischen den beiden Häusern, denn im anderen wohnt seine Lebensgefährtin. „Wir führen eine 30 Meter-Fernbeziehung“, bringt der quirlige Künstler mit trockenem Humor die Wohnsituation auf den Punkt.
„Kurse hab ich nie gemacht“
Auf die Frage nach seinem eigenwilligen Künstlernamen lacht er auch. „Das ist ein Kosename meiner Kindheit.“ Mit seinen ersten Arbeiten hat Lilau im Alter von etwa 18 Jahren angefangen. „Ich bin auf der Moormühle aufgewachsen. In meiner Familie hat Kunst keine Rolle gespielt. Ich bin aber immer in irgendein Museum gegangen, hab' Kunst konsumiert, ohne einen richtigen Plan davon zu haben. Es war eher Selbstbefruchtung“, erzählt der Künstler.
Viel später haben ihn Bekannte ermutigt, seine erste Ausstellung zu machen. „Das war 2013 auf einem Handwerkermarkt im Haus des Bürgers in Ramstein. Da gab es einen großen Bereich Kunsthandwerk. Ich war ja kompletter Seiteneinsteiger und es war schon interessant festzustellen, was es alles gibt. Kurse hab' ich nie gemacht, und irgendwann hab' ich gesagt, ich will sie auch nicht mehr machen.“
Den Stein aussuchen, messen, vorzeichnen, bohren, flexen , hauen, aufstellen, anschauen, hinlegen, schleifen: Bis eine so leicht anmutende Skulptur im Freiluftatelier fertig ist, braucht es viele Schritte – und manchmal auch viel Zeit.
Vom Weingut in den Ärmelkanal
Die nächste Etappe seines künstlerischen Werdegangs war das Languedoc in Südfrankreich. „Ich hab' dort Freunde mit einem kleinen Weingut, der Domaine St. Hilaire Montagnac bei Montpellier, zu dem auch eine kleine Galerie gehört. 2014 hab' ich dort eine Ausstellung gemacht und einen Skulpturenweg gebaut. Einige der dort entstandenen Skulpturen hab' ich nach London, Südfrankreich und Australien verkauft.“ Weitere Kontakte zu Galerien und Ausstellungen in der Region wie im Ausland folgten, unter anderem in San Tropez und im Candie Museum of Arts auf der Insel Guernsey im Ärmelkanal.
2020 war ein wichtiges Jahr für Lilau. „Da hat mich die Galeristin Heike Schumacher aus Überlingen mitgenommen auf die Art Karlsruhe. Dort gab es einen großen Bereich mit meinen Skulpturen. Nur wenige Künstler aus Rheinland-Pfalz stellen auf der Art Karlsruhe aus. Außerdem hatte ich eine Ausstellung im Kahnweilerhaus in Rockenhausen.“ Aktuell arbeitet Lilau mit fünf Galerien in San Tropez, am Tegernsee, in Frankfurt am Main, in Münster und in Überlingen am Bodensee regelmäßig zusammen. Weitere Kontakte konnte er zur „BitburgART“ und nach Luxemburg knüpfen. Auch für die Flutopfer im Ahrtal hat er sich engagiert und eines seiner Werke versteigert. So konnte er 7000 Euro spenden.
Unwuchten und abgebrochene Nasen
Seine Arbeiten unterteilt der Künstler in mehrere Serien. Zunächst fallen seine „Leichtigkeiten“ ins Auge. Das sind durchbrochene Skulpturen in meist hellen Farben. „Die Formgebung hat mir gut gefallen. Damit habe ich vor etwa zehn Jahren angefangen“, erzählt Lilau. „Sie haben ihre eigene Balance und sind aus einem Stück, nicht zusammengesetzt. Je nach Stein sind sie total unterschiedlich, wie das Hin und Her im Leben, eine fragile Geschichte. Es ist schwerer, in Leichtigkeit zu leben, als alles vor sich hinfließen zu lassen.“ Eine andere Serie nennt Lilau „Unwuchten“. Das sind kreisförmige Strukturen mit einem Loch. „Man muss akzeptieren, dass das Leben unwuchtig ist. Man lebt dann leichter.“ Weitere Werkreihen sind die „Kerbungen“, außerdem fertigt Lilau „Elemente“, „Solisten“, „Charakterköpfe“ und „abgebrochene Nasen“. „Das sind die Exemplare, bei denen was schief gelaufen ist, die ich aber nicht entsorgen wollte.“
Seine Arbeiten fertigt Lilau aus Kalkstein und Marmor, aber auch aus Holz und allen möglichen Metallen. Gebeizte Eiche behandelt er mit Essig, Gerbsäure sorgt für Oxidation und den rostigen Touch. Für seine archaisch anmutenden Köpfe, die manchen Betrachter an die Osterinseln denken lassen, nimmt er vorzugsweise den Pfälzer Buntsandstein aus der Region. Alle Serien laufen parallel. „Ich arbeite immer an vier bis fünf Sachen, das sind verschiedene Stränge. Manchmal steht eine Sache auch ein Jahr lang. Ich tigere immer wieder drum herum, und dann plötzlich ist die Idee da, wie es weitergeht.“
Arbeit nach dem Lustprinzip
Und wie geht die Arbeit handwerklich vonstatten? „Erst mal suche ich den Stein aus. Dann messe ich Segmente ein und male die Form drauf, meist mit Bleistift oder mit Kreide. Die Skulptur hat natürlich Durchbrüche“, erläutert Lilau. „Die werden mit einem wassergeführten Kernbohrer gebohrt. Anschließend flexe ich die aufgemalte Grundform heraus, hervorstehende Teile werden mit dem Hammer abgehauen. Jetzt muss man die Löcher herausarbeiten, zum Beispiel die Stege in der Mitte. Dann wird’s aufgestellt, um zu sehen, wie's ist. Dann leg ich's noch mal hin und mach' den Feinschliff mit der Flex, mal mit, mal ohne Wasser. Vielleicht war's das dann sogar schon. Wenn nicht, dann wird weitergeschliffen.“
Einen typischen Arbeitstag hat Lilau nicht. „Ich arbeite viel abends und nachts, auch im Winter und sogar bei Frost. Allerdings bin ich im Winter oft produktiver. Es ist total befriedigend für mich. Ich bin sonst ein wuseliger Typ, aber wenn ich hinten in meiner Werkstatt arbeite, ruhe ich in mir. Ich kann ganz ohne Druck weitermachen. Bei gutem Wetter zum Beispiel sitze ich morgens in der Badewanne im Garten und frühstücke, trinke Kaffee, lese die Zeitung. Ich bin total frei. Wenn mir danach ist, arbeite ich. Ich arbeite nicht acht Stunden am Stück durch, ich mache Pausen, lese mal was. Es soll Muse dabei sein. Das sind Momente, in denen ich mich resette.“