Kusel
Jatzko am Lauterecker Veldenz Gymnasium: „Die Menschen sind gestresster“
Alexander Jatzko, Chefarzt der Klinik für Psychosomatik am Westpfalz-Klinikum, hat mit Schülern des Veldenz Gymnasiums in Lauterecken über Stress gesprochen. Die Schülervertretung hatte ihn zu diesem Thema eingeladen. Im Interview mit der RHEINPFALZ erklärt Jatzko, warum Stress nicht per se schlecht ist, wie Digitalisierung Stress verstärkt und wie eine bessere Balance möglich ist.
Herr Jatzko, was ist Stress und wie wirkt er sich aus?
Stress ist zunächst eine Reaktion des Körpers und der Psyche auf einen Reiz, der signalisiert, dass man jetzt etwas tun muss. Dadurch fährt der Körper – aber auch die Konzentration – hoch, und das ist erst mal positiv. Wenn es uns gut geht, können wir kurzfristig sehr viel Stress vertragen und bewältigen.
Wann wird es problematisch?
Der Punkt ist, dass heutzutage auch nach der Arbeit der Stress bleibt. Durch die Arbeitszeitverdichtung und die Digitalisierung, die immer mehr Arbeit in der gleichen Zeit als früher ermöglicht, sind Menschen gestresster. Abends geht es mit dem privaten und beruflichen Stress, manchmal in Kombination, weiter. Das hat in den letzten zehn Jahren zugenommen und gab es früher so nicht. Daher nehmen Stresserkrankungen wie Burnout und Depressionen sowie die Erkrankungsdauer immer mehr zu.
Menschen sind gestresster als früher. Gibt es tatsächlich auch mehr Auslöser?
Man erledigt mehr in kürzerer Zeit und muss sich öfter auf Neues einstellen, als das noch vor zwanzig, dreißig Jahren der Fall war. Da wir abends nicht mehr runterfahren, ist auch nach der Arbeit das Anspannungslevel weiter hoch. Gesamtgesellschaftlich ist Stress angestiegen und das in jeder Branche. Es muss also mehr sein als nur die reine Arbeit an sich. Die Anforderungen sind höher als früher, dazu kommt der soziale Stress, beispielsweise gute Eltern zu sein, was vor Jahrzehnten noch weniger ein Thema war. Insgesamt hat der Druck auf den Einzelnen zugenommen, auch die Anforderungen an sich selbst.
Zeitmanagement ist ein wichtiger Aspekt, um Stress zu vermeiden. Welche Tipps haben Sie außerdem zur Stressbewältigung?
Zunächst muss man den Hauptverursacher von Stress ermitteln. Ist man beispielsweise dauernd am Handy und in sozialen Medien unterwegs, muss man sich fragen, ob das sinnvoll ist und guttut. Wer feststellt, dass dem nicht so ist, muss überlegen, wie man das reduzieren kann. Die Differenzierung zwischen wichtig und weniger wichtig ist hierbei bedeutend. Wer weg lässt, was weniger wichtig ist, hat mehr Kapazitäten frei.
Wann wird die vermehrte Nutzung des Smartphones gerade für Kinder zum Problem?
Es gibt keinen Grund, warum ein Kind ein Handy nachts oder beim Lernen im Zimmer hat. Handy im Bett verschlechtert nicht nur den Schlaf, sondern auch die Lernleistung, weil Teile des Gehirns immer auf das Handy achten und die Konzentration abnimmt. Dabei benötigt Lernen Zeit. Es dauert eine halbe bis zu zwei Stunden, bis das Gelernte im Gehirn richtig verknüpft ist. Auch bei der Handynutzung ist es wichtig, sich selbst zu disziplinieren und nur eine gewisse Zeit dafür aufzuwenden.
Wie wichtig sind positive Rückmeldungen von Mitmenschen?
Angela Merkel hat wenig Zeit für sich selbst, bekommt aber viel positive Zuwendung, sodass es für sie funktioniert. Wenn man nur eine Nummer ist, der die Wertschätzung fehlt, schlägt es schnell ins Negative um, besonders wenn man viel leistet und nichts dafür bekommt. Wertschätzung ist wichtig, weil der Mensch ein soziales Wesen ist.
Kann man stressresistenter werden?
Im positiven Stressbereich, wo man Anerkennung bekommt, und wenn man mag, was man tut, lässt sich viel Stress aushalten. Zum Arbeitsstress darf es aber nicht im Privaten zu negativem Stress kommen. Das muss man in Balance halten.
Welche grundlegenden Tipps haben Sie zur Stressbewältigung?
Sport ist wichtig, weil das Gehirn auf Bewegung ausgelegt ist, nicht auf Sitzen. Wichtig ist es aber auch, Gedanken und Gefühle unter Kontrolle zu halten. Man kann viel Stress aushalten, wenn man innerlich gelassen ist. Wichtig ist es, das man sich nicht überfordert. Entspannungsverfahren können helfen, auch Zeitmanagement und das Setzen von Prioritäten sind wichtig. Man muss zwischen Wichtigem und Unwichtigem mehr trennen. Wer gestresst ist, kann das nicht mehr, weil alles gleich wichtig erscheint.
Was kann man tun, wenn man in einer akuten Stresssituation ist?
Man muss es auch mal aushalten können, wenn man beispielsweise etwas vergessen hat. Der Mensch kann alle Gefühle aushalten und muss lernen, mit Misserfolgen umzugehen, denn jede Situation geht auch wieder vorbei. Es gibt immer eine Lösung. Das Problem ist, dass das Leben kurzweiliger und schneller geworden ist. Viele haben verlernt, dass Lösungen und Erfolge manchmal Zeit brauchen, und es fällt schwerer auszuhalten, wenn es mal länger dauert.