Ramstein-Miesenbach RHEINPFALZ Plus Artikel Riesige Leinwand lockte einst ins Autokino am Wasserturm

Legendäre Vorstellung: Am 28. Oktober 2007 flimmerte der letzte Streifen über die Autokinoleinwand in Ramstein .
Legendäre Vorstellung: Am 28. Oktober 2007 flimmerte der letzte Streifen über die Autokinoleinwand in Ramstein .

Mit der Idee eines neuen Autokinos liegt der Ramsteiner Kinounternehmer Ernst Pletsch im Trend. Bundesweit wurden seit Beginn der Coronakrise bereits über 120 Anträge zum Betrieb von Freiluftkinos für Pkw gestellt. Damit lebt eine Tradition auf, die eigentlich bereits der Vergangenheit angehörte. Das berühmte Ramsteiner Autokino der Familie Immel ist längst Geschichte. Sein Nachruhm ist geradezu legendär.

Freiluftkinos standen einmal für das, was Neudeutsch als Kult und Event bezeichnet wird. Die Zuschauer verfolgen das Filmprogramm aus dem Innern ihres Kraftfahrzeugs, das zuvor auf einem ausgewiesenen Stellplatz geparkt wurde. Allein dieses Vorspiel machte den Besuch eines Autokinos zum Ereignis. Aber auch nach dem Abstellen des Motors geht es weniger ums Filmprogramm als vielmehr ums Drumherum.

Das Einfahren im „Drive-in“, das Lösen der Billets, die Eindeckung mit Speisen und Getränken – all das wurde von Autokino-Fans regelrecht zelebriert. Am Standplatz holte man sich anfangs einen Lautsprecher in den Wagenfond. Später wurde der Filmton über eine separate Frequenz ins Autoradio übertragen. Dabei stand die Filmhandlung bei Kinobesuchen dieser Art nicht unbedingt im Vordergrund. Die Fahrt ins Autokino hat auch etwas zu tun mit Tête-à-tête, Zweisamkeit und Schmusen.

In der „Love Lane“ wird vor allem geknutscht

Im Englischen gibt es den Begriff „Love Lane“: Gemeint ist damit die letzte Stellreihe im Autokino, die bevorzugt von pubertierenden Teenagern angesteuert wurde. Das gesamte Kinogelände im Freien heißt in den USA auch „Ozoner“. Dass die Filme erst mehrere Wochen nach dem Verleihstart in regulären Lichtspielhäusern zu sehen waren, spielte fürs autobegeisterte Jugend- und Familienpublikum keine Rolle.

Wen interessiert da noch, dass die Autokinos mit der zunehmenden Motorisierung des Mittelstands aufkamen? Das Auto war nur kurz vor dem Film erfunden worden. Beide Techniken avancierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Massenphänomen und gingen in Massenproduktion. 1933 – also kurz nach Aufkommen des Tonfilms – öffnete im US-Bundesstaat New Jersey das weltweit erste „Drive-in“-Kino.

Im Europa der Kriegs- und Nachkriegszeit hatten den Menschen – bei allem Unterhaltungsbedürfnis! – andere Sorgen. Erst 1957 machte in Castelfusano bei Rom das erste Autokino des Kontinents auf. In Deutschland öffnete die erste Einrichtung anno 1960 in Gravenbruch bei Frankfurt am Main.

1978 gründete das Ehepaar Klaus und Charlotte Immel in Ramstein-Miesenbach das erste Autokino in Rheinland-Pfalz. Immel, der schon 1956 das Ramsteiner Filmtheater übernommen hatte, schuf auf dem Betriebsgelände am Wasserturm eine gewaltige Anlage: 28.000 Quadratmeter Fläche, die Leinwand 36 mal 25 Meter groß, Platz für 1000 Zuschauer. Zur Einweihung lief „Saturday Night Fever“ mit John Travolta, ein effektvoller Disco-Klassiker, der wegen seiner erfolgreichen Verknüpfung von Kino- und Schallplattenauswertung auch als Klassiker des Marketings gilt.

Sechs Jahre nach dem erfolgreichen Start bauten die Immels ein zweites Autokino am Ramsteiner Wasserturm, so dass nunmehr Vorführungen auf einer Gesamtfläche von 43.000 Quadratmetern möglich waren. Das Programm wurde in Faltblättern angekündigt, die in 130 Tankstellen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland auslagen.

Nur noch zwei Dutzend Autokinos in Betrieb

Die große Zeit der Autokinos in Deutschland endete mit der Ausweitung der Fernsehprogramme, dem Aufkommen von Video, DVD und „Streaming“-Angeboten, einem geänderten Konsumverhalten des Publikums und nicht zuletzt den steigenden Grundstückspreise in den Großstädten. Den Niedergang konnten auch mobile Autokinos mit aufblasbaren Leinwänden nicht aufhalten. Diese Variante war in Kaiserslautern zuletzt an der Pfalzgalerie, auf der Gartenschau und noch 2019 auf dem Dach der „K“-Einkaufsgalerie zu erleben.

In Ramstein machte Charlotte Immel nach dem Tod ihres Manns Klaus noch elf Jahre weiter. Ende Oktober 2007 fand die letzte Vorstellung statt. „Kino ist Traumfabrik und wird es ewig bleiben“, sagte die Kino-Veteranin damals im RHEINPFALZ-Interview. Nach dem Verkauf des Terrains befindet sich dort nun eine Solaranlage. Heute gibt es in ganz Deutschland nur noch zwei Dutzend Autokinos, unter anderem eine zeitlich genutzte Anlage auf der Völklinger Hütte. Die Coronakrise scheint eine Renaissance für mobile oder zeitlich befristete Freiluft-Filmtheater einzuläuten.

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