Trippstadt
Mal wieder Kind sein: Ein Bouldertag für geflüchtete ukrainische Kinder
Eva Richter, Initiatorin von „Helping Hands“ und Lehrerin an der Otterberger Waldorfschule, ist noch ganz gerührt: Am Ende habe ihr eine Mutter gesagt, dass sie ihren Sohn noch nie so lachen gesehen hat, seit sie geflüchtet sind. Acht Kinder haben an diesem Maitag Bouldern ausprobieren dürfen, sie sind aus Kiew und Charkiw in die Westpfalz geflüchtet, manche sind seit Ende Februar hier, andere erst wenige Wochen. Sie kennen sich untereinander nicht alle, entwickeln aber bereits nach wenigen Übungen ein Gruppengefühl, erlebt Thilo Fußer, Trainer in der Kaiserslauterer Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV). Den Boulderkurs hat er mit Kevin Olewczynski geleitet, ein Erlebnispädagoge und ebenfalls DAV-Trainer.
Ganz unbürokratisch ist die Aktion entstanden: Eva Richter hatte direkt nach dem Kriegsausbruch spontan die Initiative „Helping Hands“ gestartet, um Geflüchtete zu unterstützen. Mit dabei ist auch Marius Obentheuer vom DAV Kaiserslautern, der sich seit Jahren dafür einsetzt, rund um Kaiserslautern Bouldern zu ermöglichen – in Kooperation mit dem Forst und Jagdpächtern, im Einklang mit dem Naturschutz. Rund ums Naturfreundehaus im Finsterbrunnertal haben er und seine Mitstreiter Felsen geputzt und Routen eingerichtet. Hans Müller von den Naturfreunden hat die Aktivitäten unterstützt und nun auch die geflüchteten Kinder und Mütter gratis verköstigt. Der Bouldertag soll die jungen Ukrainer auf andere Gedanken bringen – und nebenbei ist er lehrreich.
Nur kurz Berührungsängste
Bouldern ist ein Sport, in dem Gemeinschaft besonders gepflegt wird: Die Sportler tüfteln zusammen an einer Route und fangen einander auch – ganz wörtlich – auf. Denn anders als beim Klettern gibt es kein sicherndes Seil. Wer abrutscht, freut sich über Helfer („Spotter“), die den Boulderer sicher auf die dicken Matten leiten, die unterm Fels liegen.
Um das nötige Vertrauen zueinander aufzubauen, bieten Olewczynski und Fußer eine Übung auf einer niedrigen, etwa fußbreiten Mauer an: Die Kinder sollen sich der Größe nach sortieren, dabei nicht fallen, sondern sich die Hände reichen und umeinander herumschlängeln. „Da gab es schon ein paar Berührungsängste“, sagt Thilo Fußer, zumal auch ein Mädchen unter den Jungs mitmacht, die 14-jährige Vlada, die sich später als besonders ehrgeizig entpuppt. „Sie ist sehr hilfsbereit und wahnsinnig sprachbegabt“, sagt Eva Richter.
Bouldern kennen die Stadtkinder nicht, sind aber schnell begeistert, auch vom Wald. „Beim Bouldern geht es auch darum, mit der Natur zu interagieren. Man braucht keine X-Box, um Spaß zu haben“, führt Fußer aus. „Und für die Kinder ist das auch eine Riesenchance, etwas fürs Leben zu lernen.“ Es gehe darum, einander zu helfen, aufeinander aufzupassen, aber auch darum, etwas zu wagen, sich zu überwinden, Risiken abzuschätzen, Grenzen auszutesten und auch Vertrauen in sich selbst zu entwickeln, zum Beispiel zu erfahren, wann ein Tritt hält. „Man lernt seinen Körper kennen.“ Auch müsse man viel kommunizieren. Sich gegenseitig anfeuern und Tipps geben, gehört ebenfalls dazu.
Ohne Hände hoch
Deutsch können die Kinder zwar noch nicht viel, aber recht gut englisch, auch zwei Eltern helfen beim Übersetzen. Wobei im Bouldern das Englische ja nützlich ist: Die Matten heißen „Pads“, das Verhindern eines unkontrollierten Sturzes „spotten“, der Kletterfels „Block“. Der erste, direkt am Parkplatz, ist auch gleich recht hoch, eine sogenannte Platte. Hier ist es wichtig, die Füße in den Kletterschuhen, die der DAV ausgeborgt hat, richtig zu platzieren. Und wer gut steht, kann den geneigten Sandstein dann auch ohne Hände hochklettern.
Angst vor der Höhe hat niemand. Und beim nächsten, steileren und höheren Fels sind dann auch helfende Hände im Einsatz, wenn nötig: Von oben reicht ein Trainer oder ein Kind den langen Arm, von unten klettert der zweite Trainer leicht nach und hilft beim Füßesetzen. Aufhören will niemand. „Sie haben alle probiert, bis nichts mehr ging“, sagt Fußer lachend.
Solche Erfolgserlebnisse machen Mut, können dabei helfen, in einer neuen Gesellschaft Fuß zu fassen, meinen Fußer und Richter. Und könnten vielleicht auch ein Wendepunkt sein, ergänzt Marius Obentheuer: Da man beim Klettern absolut konzentriert sein muss, keine Gedanken für anderes haben kann, ist der Sport ideal als Ausgleich, man könne Sorgen loslassen.
Der Tag habe den Kindern ein Stück Alltag, Kindheit und Teeniedasein zurückgegeben, sagt Richter, die von teils erschütternden Fluchterfahrungen der Kinder weiß und nun auch einen Traumapädagogen für sie sucht. Wobei der Bouldertag ja Therapie im besten Sinn sei: „Die Kinder haben erfahren: Ich werde getragen und aufgefangen, wenn ich falle.“
Info
- Wer bei „Helping Hands“ Geflüchtete unterstützen möchte, erreicht Eva Richter unter Telefon 0179 5346064.
- Einen Boulderkurs für Anfänger ab 14 Jahren bieten der DAV Kaiserslautern und die Naturfreunde am 18. und 19. Juni im Finsterbrunnertal an, Details unter www.dav-kaiserslautern.de.