Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Zivilcourage: Junger Mann stört Messer-Angriff auf Frau

Jaroslav Gubenko wird Zeuge, als ein Mann auf seine Frau einsticht. Er eilt ihr sofort zur Hilfe.
Jaroslav Gubenko wird Zeuge, als ein Mann auf seine Frau einsticht. Er eilt ihr sofort zur Hilfe.

Jaroslav Gubenko ist auf dem Heimweg vom Restaurant, als er beobachtet, wie ein Mann auf offener Straße auf eine Frau einsticht. Der 25-Jährige überlegt nicht lange und geht dazwischen. Sein mutiges Einschreiten hat Folgen.

Es ist schon spät, als Jaroslav Gubenko an einem Juliabend 2021 mit seiner Frau und der kleinen Tochter auf dem Arm vom Italiener um die Ecke nach Hause läuft. Plötzlich hören sie Hilfeschreie und sehen, wie eine Frau vor einem Mann davonrennt. Die Frau fällt zu Boden, der Mann setzt sich auf sie und beginnt auf sie einzuschlagen. Zumindest wirkt das auf Gubenko aus einiger Entfernung so. „Es war klar, ich muss jetzt dahin, ich muss helfen“, erzählt der junge Familienvater. „Das war ein Reflex.“

Dann geht alles sekundenschnell. Er setzt seine Tochter in den Kinderwagen und rennt los. Er schreit den Mann von weitem an, er solle aufhören und abhauen. „Als ich näher kam, hab’ ich gesehen, dass er ein Messer in der Hand hält“, berichtet Gubenko. „Alles war schon voller Blut.“ Mit voller Wucht rammt er den Angreifer und beide Männer stürzen hin. „Er greift wieder zum Messer, geht auf mich zu und ich gehe ein paar Schritte zurück“, schildert der Helfer. Der Angreifer habe dann wieder auf die Frau eingestochen.

Der junge Familienvater merkt in dem Moment, dass etwas mit seinem Bein nicht stimmt: Blut rinnt hinunter. „Ich konnte kaum mehr auf mein Bein auftreten“, berichtet er. Die Situation scheint aussichtslos. In seiner Not wirft Jaroslav Gubenko seine Badeschlappen nach dem Messerstecher. Er sieht in diesem Moment seine Familie, die nur wenige Meter entfernt steht, und schickt seine geschockte Frau weg. „Es war mir wichtig, diese in Sicherheit zu bringen.“ Dann biegt er in eine Seitenstraße, wo zufällig eine Bekannte mit dem Auto vorbeifährt und den Schwerverletzten „einpackt“. Er wählt den Notruf. Als er am Tatort vorbeifährt, seien der Angreifer weg und weitere Helfer vor Ort gewesen.

Polizei und Richter danken ihm

Man denke nicht lange nach, wenn man in so eine Situation kommt, meint Jaroslav Gubenko. Für die Polizei ist das beherzte Einschreiten aber keine Selbstverständlichkeit. „Es gehört viel Mut dazu, sich da einzumischen und zu helfen“, sagt Jürgen Hirsch, der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Germersheim. Am Donnerstag hat Jaroslav Gubenko eine Belobigung auf der Landauer Polizeidirektion erhalten. „Wir wollen ihm unseren Dank aussprechen“, sagt Hirsch. Er habe dazu „beigetragen, einen Menschen zu retten“. Die Polizei werde ihn zudem über den Weißen Ring für den XY-Preis vorschlagen, mit dem Leute für ihre Zivilcourage ausgezeichnet werden. Auch der Richter, der den Prozess gegen den Angreifer geleitet hat, zollte Gubenko Respekt.

Selbst durch Messerstich schwer verletzt

„Okay, cool– ich war positiv überrascht“, sagt Gubenko über die Auszeichnung der Polizei. Als Held fühle er sich nicht, dennoch freue er sich über den Zuspruch, den er von Freunden und seiner Familie schon bald nach der schrecklichen Bluttat bekommen habe. Auch wegen dieser Unterstützung habe er nicht daran gezweifelt, „das Richtige“ gemacht zu haben, obwohl er selbst schwer verletzt wurde: Ein Messerstich ins Bein hatte eine Arterie verletzt. Fünf Operationen, darunter eine Hauttransplantation, musste der junge Mann über sich ergehen lassen. Er lag wochenlang im Krankenhaus, lernte wieder laufen und konnte fast ein halbes Jahr nicht in seinem Job als Bürokaufmann arbeiten. Nach der Entlassung aus der Klinik wohnte die junge Familie sechs Wochen lang bei Gubenkos Eltern, weil er hier keine Treppen steigen musste. „Das war eine Riesenerleichterung“, sagt er.

„Die Narben werde ich mein Leben lang haben“, sagt der junge Mann, der als Kind mit seiner Familie aus Russland nach Germersheim kam. Das Bein sei beim Anlaufen immer noch schwach. Psychisch hätten er und seine Familie das Geschehen ganz gut weggesteckt. Allerdings werde er täglich an die Tat nicht weit von seiner Wohnung erinnert: Die Tatort-Markierungen der Kripo seien zwar verblichen, aber noch immer sichtbar. „Wenn ich aus der Tür gehe, kommen automatisch Erinnerungen hoch“, erzählt Gubenko. Er habe durch den Vorfall erkannt, „wie nah der Tod und das Leben beieinanderliegen und wie wichtig es ist, einem Menschen zu helfen, dem so etwas passiert“.

Der Prozess gegen den Mann, der seine von ihm getrennt lebende Ehefrau mit fast 40 Messerstichen attackiert hatte, ist Anfang Mai am Landgericht Landau zu Ende gegangen. Der 58-Jährige wurde wegen versuchten Mordes, schwerer und gefährlicher Körperverletzung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Frau hat den Angriff lebensgefährlich verletzt überlebt.

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