Rülzheim
Schule als Marktplatz
Ein Sturm ist schuld. Zumindest war das so, als derselbe im August 2013 das Dach der Grundschule abdeckte und letztlich für eine Sanierung des Südflügels der Grundschule in Rülzheim sorgte – für etwa drei Millionen Euro bis 2018. Damals blieb man mit Bauamtsleiter Sascha Schäffner zufolge mit den Kosten gerade mal unter der 80-Prozent-Schwelle, die einen Neubau ausgelöst hätte. Doch gibt es noch einen älteren Teil des Schulgebäudes, das aus den 60er-Jahren stammt.
Was tun vor dem Hintergrund, dass der Schulentwicklungsplan für die Grundschule in Rülzheim aktuell von einer 4,5 Zügigkeit ausgeht. Durch Zufall stieß Schulleiterin Judith Kuhn auf eine Grundschule in Bayern, die nach einem neuen Konzept gebaut wurde. Die Schulleiterin dort stammt aus der Vorderpfalz und ein reger Austausch war die Folge. Das Spannende war aus ihrer Sicht, „pädagogisch zu denken und alles architektonisch umzusetzen“. Und hierfür wählte die Ortsgemeinde Rülzheim „einen besonderen Weg“, wie Bürgermeister Matthias Schardt sagt. Und es ist sehr „außergewöhnlich, dass sie diesen Weg beschreitet“.
Schule neu gedacht
Mit diesem Weg meint der Bürgermeister der Verbandsgemeinde, dass Rülzheim für „eine Planungsphase Null“ Geld in Hand nimmt. Schäffner beziffert die bisherigen Kosten auf rund 50.000 Euro. Mit der Planungsphase Null wird Schule neu gedacht, weil sich die Planung für ein Gebäude am pädagogischen Konzept orientiert und für folgende Veränderungen flexibel bleiben muss. Der Schulbau wird über „Jahrzehnte genutzt werden“, verdeutlicht Judith Kuhn. Voraussetzung sei ein „offenes flexibles Denken“, um sich auf etwas Neues einzulassen, das letztlich baulich in einen zukunftsweisenden Weg münde. Der Schulbauberater Egon Tegge und Architekt Reinhard Böwer wurden vor etwa eineinhalb Jahren mit der Schulentwicklung beauftragt.
Das von den Fachleuten empfohlene Entwicklungskonzept sieht einen direkten Anbau an den Südflügel vor. Neu- und Altbau werden durch einen innenliegenden Lichthof miteinander verbunden. Sämtliche Klassenräume gruppieren sich um einen gemeinsamen Raum, der den Flur ersetzt. Hier muss der Brandschutz beachtet werden, denn mit dem jetzigen Konzept geht man weg von der bisherigen Flurschule. Bisher gehen von einem Flur, der auch Rettungsweg ist und in dem nichts Brennbares wie beispielsweise die Jacken der Schülerinnen und Schüler sein dürfen, die Türen der Schulsäle ab.
Eine Stufe auf einer Ebene
Das nun erarbeitete „Marktplatz-Konzept entspricht dem Lernhauskonzept“, sagt Judith Kuhn. Eine Klassenstufe befindet sich auf einer Ebene. Eine Teamarbeit innerhalb der gesamten Klassenstufe ist angestrebt. Die Klassenlehrer sollen so inhaltlich enger zusammenarbeiten, Lernstoff, Materialien gemeinsam erstellen und vieles mehr. Letztlich werde es innerhalb des Jahrgangs eine bessere Differenzierung nach Leistungsfähigkeit und Förderbedarf klassenübergreifend ermöglichen. Das alles führt gegenüber bisherigen Schulen zu einem größeren Flächenbedarf. Judith Kuhn hofft, dass das künftige Schulhaus gleich für eine fünfzügige Schule geplant wird. Das erspare in Folgejahren einen weiteren Anbau.
Hinzu kommt Schäffner zufolge auch die Vorgaben durch das Land für eine Ganztagsschule. Eingeplant sei eine Küche, eine größere Mensa und ein Mehrzweckraum. Doch wie zu Beginn gesagt, verkörpere der derzeitige Entwurf nur die Wünsche der Schule. Was der Planungswettbewerb erbringe, sei gänzlich offen. Ebenso verhalte es sich mit den Kosten, da diese nur grob geschätzt seien und bis zu einer Verwirklichung noch einige Jahre vergehen würden. Entsprechend gebe es Kostensteigerungen. Würde im Herbst/Winter dieses Jahr die Ausschreibung und den Planungswettbewerb starten, gebe es irgendwann kommendes Jahr Ergebnisse. Darauf folgten genauere Planungen, Ausschreibungen, Zuschussanträge – alles dauere eine gewisse Zeit. Das zeige die Erfahrung. Was man in der Machbarkeitsstudie sieht, „wird so wahrscheinlich nie gebaut werden“, schränkt Schäffner ein. Denn es sei das zu Papier gebrachte Ergebnis der Workshops, in die die Erfahrungen der Schulplaner miteingeflossen sind. Aus der Studie werde nun eine Ausschreibung mit parallelem Planungswettbewerb erstellt. Zusammen mit einer neuen Zweifeldhalle für die Grundschule bewege man sich im zweistelligen Millionenbereich.
Schulbaureise als Höhepunkt
Zusammen mit Judith Kuhn und einigen ihrer Kolleginnen und Kollegen, der Bauverwaltung, Elternvertreter und politischen Vertretern wurde das neue Konzept mit den Planern in Workshops erarbeitet. Höhepunkt waren „Schulbaureisen zu Schulen in Bayern“ gewesen. In und um München gebe es Verwaltungsvorgaben, nach denen neue Schulen nach dem Lernhauskonzept erbaut werden müssen. Trudering und Karlsfeld waren aus Sicht Kuhns hervorragende Beispiele für die Verzahnung von „Baukörper und gelebter Pädagogik“. Wichtig für die Schulleiterin ist ein „variables Schul- und Raumkonzept“, um auf einen sich wandelnden Schulalltag flexibler reagieren zu können. Ab dem kommenden Schuljahr 2023/24 wird die Schule laut Kuhn „stabil vier- und fünfzügig sein“. Inzwischen ist Ortsbürgermeister Reiner Hör zufolge auch die ADD in Neustadt stark interessiert und will das Ergebnis der Machbarkeitsstudie „wohlwollend prüfen“. Auch für Hör ist das Vorhaben wie es jetzt umgesetzt werde neu. Normalerweise gehe die Initiative von der Gemeindespitze, von der Verwaltung, von politischen Gremien aus – diesmal war das anders.