KANDEL
„Bahn frei!“ für Mitreisende bei Bahnverspätungen
Die „zündende“ Idee kam ihm, als vor drei Jahren zwischen Frankfurt und Köln ein ICE brannte. Hartmut Haas saß in einem der nachfolgenden Züge, der – so wie Dutzende andere ICEs an diesem Tag auch – lange stillstand und schließlich riesige Umwege fahren musste. Das Schienennetz, nicht allein rund um die Unfallstelle, war restlos überlastet. „Daraus wollte ich eine Spielidee entwickeln“, erinnert sich Hartmut Haas: „Die Spieler sollten logistische Herausforderungen meistern, Züge ohne extremen Zeitverlust umzuleiten.“
Der studierte Betriebswirt wohnt in Wegberg in Nordrhein-Westfalen, arbeitet als Berater und ist – zu Nicht-Corona-Zeiten – oft mit dem Zug unterwegs. Ansonsten aber hat er beruflich weder mit der Bahn noch mit Brettspielen zu tun. Haas spielt einfach gern und hatte in der Vergangenheit auch mal ab und an die Spielemesse in Essen besucht. Also machte er sich in seiner Freizeit in vielen Stunden daran, seine Idee zu konkretisieren und erstellte einen Prototyp von „Bahn Frei“ für ein bis vier Spieler ab 11 Jahren.
Dabei steuert jeder Spieler einen Zug im deutschen Fernstreckennetz, das auf einem Spielbrett aufgezeichnet ist. Weil seine Frau wohl nicht gut verlieren kann, hat Hartmut Haas „Bahn frei“ als kooperatives Spiel konzipiert. Das heißt, alle spielen gemeinsam gegen das Spiel. Entweder gewinnen alle oder sie verlieren. Via Spielkarten tauchen an verschiedenen Bahnhöfen unterschiedliche Fahrgäste auf, die zu bestimmten Zeiten an ihr Ziel gebracht werden wollen. Gemeinsam müssen die Spieler dann die beste Lösung für diese Beförderung ausknobeln, quasi als Einsatzbesprechung des Personals. Das Ganze tatsächlich umzusetzen, also seinen Zug bewegen und beim Umsteigen die Spielkarten weiterreichen, darf mit umgedrehter Sanduhr höchstens 30 Sekunden dauern. Kommen Fahrgäste zu spät ins Ziel, hagelt es Beschwerden. Wenn in den insgesamt 15 Runden mehr als sieben Beschwerden eingehen, haben die Spieler verloren. Spannung garantiert!
Sponsoren auf Spielkarten
Mit seinem Prototyp ging Hartmut Haas nach Göttingen zum Treffen der Spieleautoren, wo ihm im Gespräch mit anderen die Einsicht kam, sein Spiel im Selbstverlag auf eigene Faust herauszubringen. Mit Peter und Heinrich Eberle aus Kandel fand Haas die passenden Partner fürs Design. Die Brüder – 59 und 61 Jahre alt – sind seit 1995 mit ihrem Unternehmen „Paletti Grafik“ selbstständig und in punkto Comic, Cartoon, Werbegrafik, Kinderbuchillustration und vieles mehr richtig erfahrende alte Hasen. Seit 2013 gestalten sie auch Brettspiele. Zeichnerische Flexibilität ist hierfür unerlässlich. „Für ’Bahn frei’ habe ich einen Comic-Stil verwendet, den wir so noch nie benutzt haben“, sagt Heinrich Eberle.
Um die Produktion seines Spiels zu finanzieren, startete Haas im Internet eine Crowdfunding-Kampagne. In nur vier Wochen kamen die ausreichenden 11.000 Euro zusammen. Ein Gag dabei: Spender konnten ein Foto von sich an die Eberles schicken und die erstellten davon ein cartoonisiertes Porträt, das sich jetzt auf je einer Fahrgast-Spielkarte wiederfindet. „Das war lustig und kam bei den Leuten sehr gut an“, sagt Haas und ist glücklich über die vielen Unterstützer des Spiels. Ein Werbespiel für die Deutsche Bahn wollte er nicht machen. Das hätte ihm viel kreative Freiheit genommen. Momentan verkauft er „Bahn frei“ über seinen Online-Shop. Doch er will natürlich auch in den regulären Spielwarenhandel. Dafür wird er in der nächsten Zeit wohl Kontakte schießen und Geschäftsreisen machen müssen – mit der Bahn, versteht sich.