Weingarten
Böses Erwachen nach dem Hauskauf
Wer schon mal wirklich schwere Zeiten durchgemacht hat, der kennt das vielleicht: Man liegt abends im Bett und grübelt über die Vergangenheit. Wie könnte mein Leben jetzt aussehen, wäre ich an einer bestimmten Stelle anders abgebogen? Wenn ich das ein oder andere gemacht – oder auch nicht gemacht hätte? So dürften sich Donya und Stefan Lasch aus Leopoldshafen in den vergangenen Jahren öfter gefühlt haben. Ihr Unglück begann 2016 mit dem Erspähen einer Immobilienanzeige, die ihnen ihr Traumhaus in Weingarten präsentierte. Wären sie in dieser Zeit nicht auf der Webseite Immobilienscout24 unterwegs gewesen, es wäre heute vieles anders. Die beiden hätten sicherlich mehr Geld auf dem Konto, weniger graue Haare und weniger Sorgenfalten. Aber von vorne.
Bereit für ein neues Leben in der Pfalz
„Der Preis des Hauses lag bei 395.000 Euro. So viel Geld wollten wir eigentlich nicht ausgeben“, erinnert sich Donya Lasch. „Aber das Drumherum war wirklich verlockend. Außerhalb des Dorfes, mit viel Platz für unsere Tiere und die Firma.“ Die Laschs sind Hundeliebhaber und Züchter. Donya Lasch betreibt in Leopoldshafen ein Fachgeschäft für die Vierbeiner, ihr Mann ist Diensthundeführer und Ausbilder für Diensthunde bei der Polizei Karlsruhe.
Vorbesitzer des Grundstücks war ein Landwirt, der in der Vergangenheit in der Umgebung seine Felder beackert hatte. Nachdem er seine Ländereien an einen anderen Bauern aus dem Dorf veräußert hatte, blieb noch sein Haus im Außenbereich der Gemeinde übrig. Das Ehepaar Lasch entschloss sich, zuzuschlagen und einen neuen Lebensabschnitt in der Pfalz zu beginnen. Das nötige Geld für den Kauf bekamen sie von der Deutschen Bank, die vorher noch einen eigenen Gutachter vorbeischickte.
Böses Erwachen eine Woche vor dem Umzug
Laschs waren bereits dabei, ihr neues Haus vor dem Umzug zu renovieren. Der Umzug war für die darauffolgende Woche geplant, als das böse Erwachen kam. Ein Mitarbeiter des Germersheimer Bauamts kam vorbei und sagte einen Satz, der in Stefan Laschs Gedächtnis geblieben ist: „Sie wissen schon, dass Sie hier nicht wohnen dürfen?“ Wie sich nun herausstellen sollte, war für das Haus nämlich eine sogenannte privilegierte Nutzung vorgeschrieben. Das heißt in diesem Fall, dass nur Landwirte dort leben dürfen. Diese Information hatte der Verkäufer unterschlagen. Und die Laschs hatten den Salat.
Später – im Frühjahr 2017 – erfuhr die Familie, dass der benachbarte Landwirt, der es wohl bereits vorher auf das Grundstück seines Kollegen abgesehen hatte, den Fall bei der Landwirtschaftskammer gemeldet hatte. Die Familie ist ihm heute dankbar dafür – wenigstens in einer Hinsicht: „Wir hatten zumindest noch nicht unser altes Haus verkauft, sonst hätten wir komplett auf der Straße gesessen. Wäre das zwei Jahre später passiert, nachdem wir noch mehr Geld in die Renovierung gesteckt hätten, wäre alles noch schlimmer gewesen. Die Chance auf eine Rückabwicklung hätte es dann auch nicht mehr gegeben“, so Lasch. Aber das ist nur ein schwacher Trost.
Ein Gerichtsverfahren nach dem anderen
Die folgenden Jahre und bis zum heutigen Tag mussten sich Laschs nämlich mit einer Vielzahl an Gerichtsverfahren herumschlagen. Die wurden nach langem Hin und Her, oft in die Länge gezogen durch Richterwechsel, zwar meist gewonnen. Etwas dafür vorweisen kann die Familie aber nicht – es ist wie verhext: Da war zunächst der Prozess gegen den Verkäufer. „Das Landgericht Frankenthal hat den Kaufvertrag für nichtig erklärt und dabei auch dem Vorbesitzer eine arglistige Täuschung bescheinigt“, sagt Roger Roth, der Anwalt des Paares. Das Urteil wurde sogar als „Urteil des Monats“ von der Presseabteilung des Gerichts verschickt.
„Einzig: Das bringt der Familie nichts“, sagt der Anwalt. Denn das Geld ist weg. „Der Beschuldigte hat sich mit dem Geld von Laschs schuldenfrei gemacht und ein neues Haus gekauft.“ Über 200.000 Euro zahlte der Mann seinem Gläubiger der ING DIBA Bank, der Rest floss in sein neues Heim. Mit den Gläubigern des Mannes besteht ebenfalls ein Rechtsstreit, um diesen Teil der Kaufsumme wieder zu bekommen.
Einen weiteren Prozess gewann die Familie vor Kurzem gegen die Maklerin, die den Kauf abgewickelt hatte. Auch sie hätte wissen müssen, dass die Familie nicht in dem Haus wohnen darf, findet Lasch. 18.500 Euro an Provision muss sie zurückgeben, so das Landgericht Frankenthal. Aber auch das soll scheinbar nicht sein. Die Maklerin sei inzwischen mittellos in Rente gegangen, so Roth, und habe das Geld nicht mehr. „Ihr Anwalt bot uns eine Ratenzahlung von 20 Euro im Monat an. Ansprüche auf Schadensersatz waren laut Gericht bereits verjährt“, sagt Lasch.
Deutsche Bank will Geld zurück
Über all dem schwebt die Forderung der Deutschen Bank, die ihr Geld zurückhaben will. Und zwar nicht von dem Verkäufer, sondern von der Familie Lasch. Auch hier ist nach wie vor ein Verfahren anhängig. „Es ist vielleicht das Übelste an der ganzen Sache: Die Deutsche Bank hat ja ihren eigenen Gutachter vorbeigeschickt, bevor der Kredit bewilligt wurde. Der muss das sehen, dass wir da nicht wohnen dürfen, dafür ist er da“, so Donya Lasch aufgebracht. Hat er aber nicht. Das hält die Deutsche Bank, die sich auf Nachfrage nicht zu dem laufenden Verfahren äußern wollte, nicht davon ab, den Privatbesitz der Familie pfänden zu wollen. Um das zu verhindern, wurde auch hier Klage eingereicht.
Beim Verfahren kam es zu einer kuriosen Situation. „Die Bank konnte plötzlich die Mitarbeiterin aus der Karlsruher Filiale, die unseren Kredit bewilligt hatte, nicht mehr finden. Die Frau konnte daher nicht als Zeugin geladen werden“, erinnert sich die Geschädigte. Auf Druck ihres Anwalts sei schließlich die Erklärung gekommen, dass die Mitarbeiterin in der Zwischenzeit geheiratet habe und es deshalb zur Verwirrung um ihren Namen gekommen sei. „Die haben sich blöd gestellt“, ist Roth überzeugt.
Der Kandeler Anwalt möchte das Verfahren inzwischen zu Ende bringen und ist aktuell um eine außergerichtliche Lösung mit der Deutschen Bank bemüht. Die will das Ehepaar Lasch aber nicht um jeden Preis: „Wir sind jetzt so weit gegangen, haben so viel Geld, Nerven, Tränen, Lebenszeit investiert. Wir wurden betrogen und die Bank und der Gutachter haben ihre Arbeit nicht richtig gemacht! Wenn es nach uns geht, sind wir auch bereit, die Deutsche Bank auf Schadensersatz zu verklagen. Wir haben nichts falsch gemacht!“
Eine Zwangsversteigerung steht im Raum
Der Waffenstillstand zwischen den beiden Seiten hat zunächst einmal damit begonnen, das die Deutsche Bank von Pfändungen des Privatbesitzes der Käufer absieht. Stattdessen soll der ehemalige Weingartner Landwirt, der den Schlamassel verschuldet hat, ins Visier genommen werden. Da der ursprüngliche Kaufvertrag unwirksam geworden ist, ist er wieder der Besitzer des Streitobjekts – Laschs sind gleichzeitig noch die eingetragenen Eigentümer. Das Haus soll jetzt zwangsversteigert werden. „Da werden aber sicher keine 400.000 Euro dabei herauskommen“, weiß Lasch. Auch das neue Haus des Mannes könnte zur Disposition stehen.
Dass die Familie Lasch am Ende schadlos aus der Geschichte herauskommt, dürfte ein frommer Traum bleiben. Alleine circa 50.000 Euro haben sie bereits an Gerichts- und Anwaltskosten bezahlen müssen. „Wir hatten keine Rechtsschutzversicherung und die Deutsche Bank verhindert auch durch Schufa-Einträge bei meinen Mann und mir, dass wir kreditwürdig sind“, bemerkt Lasch. „Wir haben in der ganzen Geschichte nichts falsch gemacht, trotzdem haben wir jetzt solche Probleme.“
