Schwegenheim
Amerikanerin spendet Gemeinde 150.000 Dollar
Bodo Lutzke (FWG) muss immer noch lachen, als er im RHEINPFALZ-Gespräch von der großzügigsten Spende in der Geschichte der Ortsgemeinde Schwegenheim berichtet. Im vergangenen Jahr meldete sich Kathleen Kiernan aus dem US-Bundesstaat Washington per E-Mail bei dem Ortsbürgermeister. Lutzke erzählt von mehreren E-Mails, in denen die 70-Jährige erst in Englisch, dann in gebrochenem Deutsch sagte, dass sie der Gemeinde 100.000 US-Dollar schenken wolle. Der Schwegenheimer Ortschef nahm die Sache nicht ernst. „Wir bekommen oft Mails mit unseriösem Inhalt. Die Frau nannte zwar auch ein paar Namen aus Schwegenheim, aber die kann man ja auch googeln. Deshalb habe ich nicht darauf reagiert“, erzählt der 58-Jährige.
Am 10. August stand Kathleen Kiernan dann plötzlich dienstags während Lutzkes Sprechstunde in seinem Büro. „Hallo Bodo, ich bin jetzt da“, habe sie gesagt und Lutzke fragte entgeistert, wer sie sei. „Ich bin Kathy aus Amerika“, habe die 70-Jährige geantwortet und Lutzke entgegnete nur: „Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“ Die Amerikanerin berichtete von ihrem Willen, der Gemeinde 100.000 US-Dollar schenken zu wollen. „Ich nehme nur Euro“, scherzte Lutzke, der die ganze Sache immer noch nicht ernst nahm.
Kathleen Kiernan berichtete ihm, dass sie aus Amerika nach Frankfurt geflogen und von dort mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Schwegenheim gekommen sei. Kiernan lebt 300 Kilometer entfernt von der Großstadt Seattle in einem sehr abgeschiedenen Dorf. „Wenn Sie Einsiedler werden wollen, müssen Sie dorthin ziehen“, beschreibt es Lutzke und berichtet, dass die Amerikanerin in die nächste Kleinstadt zur Bücherei fahren musste, um E-Mails zu schreiben.
Schwegenheimern dankbar
Der Schwegenheimer Ortsbürgermeister traute dem Braten immer noch nicht, selbst als Kiernan in seinem Büro stand und ihren Wunsch bekräftigte. Er rief bei den Vermietern der Schwegenheimer Ferienwohnung an, die die Amerikanerin zwei Tage zuvor bezogen hatte. Auch diese wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Die Frau habe gesagt, dass sie entfernt mit den Vermietern verwandt sei. Lutzke ließ sich Kiernans Ausweis zeigen und ihre Geschichte erzählen.
Die 70-Jährige sei als kleines Mädchen in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg nach Schwegenheim gekommen und dort vom Ehepaar Ruch in der Kirchstraße aufgenommen worden. „Die Schwegenheimer hätten sich sehr herzlich um sie gekümmert. Das werde sie in ihrem Leben nicht mehr vergessen“, erzählt Lutzke von den Worten der Frau, die sich mit ihrer Spende an die Ortsgemeinde nun erkenntlich zeigen wollte. Auf ihre Familiengeschichte wollte der Ortschef aus Rücksicht nicht weiter eingehen. Nur so viel: Kiernans Tante und ihr Onkel holten sie nach ihrem kurzen Aufenthalt in Schwegenheim in die USA, wo sie aufwuchs.
Weil alle Beteiligten von damals verstorben seien, rief der Ortsbürgermeister den Schwegenheimer Heimatforscher Rolf Feßenmayr an, der Kathleen Kiernan interviewte. Sein Fazit: Die Aussagen der Amerikanerin seien plausibel und ihr Wunsch bestand immer noch.
Wunsch für Verwendung
Allerdings kann Bodo Lutzke als Ortsbürgermeister nicht einfach ohne Weiteres Geld annehmen. Er sprach mit der Verbandsgemeindeverwaltung, die einen solchen Fall auch noch nicht hatte. „Ich war weiter skeptisch, dass das klappt“, beschreibt der 58-Jährige seine damalige Gefühlslage. Die Amerikanerin wollte das Geld von Deutschland aus auf das Konto der Gemeinde überweisen, aber da spielte ihre Bank nicht mit. Deshalb rief sie ihren Nachbarn an, der ihr einen Auslandsscheck per Post nach Schwegenheim schickte. Als der Scheck nach einiger Zeit da war, ging Lutzke damit und mit dem beglaubigten Ausweis der Amerikanerin ins Lingenfelder Rathaus zur Verbandsgemeinde-Kasse und sagte den Mitarbeitern, dass er 100.000 US-Dollar einzahlen wolle. Die Mitarbeiter hätten ihn nicht ernst genommen und gelacht. Als er ihnen allerdings den Scheck zeigte, blickte er in verdatterte Gesichter, erinnert sich Lutzke. Bis das Geld – die 100.000 US-Dollar sind rund 86.000 Euro – auf dem Gemeindekonto eintraf, dauerte es noch einige Wochen, weil der Zahlungsverkehr über die Deutsche Bundesbank abgewickelt werden musste. Am Dienstagabend nahm der Ortsgemeinderat die Spende einstimmig an.
Kathleen Kiernan wünscht sich, dass das Geld im Umweltschutzbereich in erneuerbare Energien investiert wird. Lutzke lässt es deshalb der Bürgerstiftung zukommen, deren Stiftungsrat dann über die Verwendung entscheidet. Der Ortschef kann sich vorstellen, Anteile einer Windkraftanlage zu kaufen oder eine Solaranlage auf dem Dach der Kindertagesstätte zu installieren. Kathleen Kiernan hat übrigens angekündigt, weitere 50.000 US-Dollar spenden zu wollen. Und sie hat ihr Versprechen gehalten: Der Scheck lag laut Lutzke am Mittwoch im Briefkasten. „Ich werde Schwegenheim nie vergessen und es war mir sehr wichtig nach Deutschland zurückzukehren“, habe die 70-Jährige am Ende ihres dreimonatigen Aufenthalts gesagt. Lutzke hat ihr auch das Schwegenheimer Dorfleben und die Pfälzer Kultur nähergebracht. Vom neie Woi sei sie begeistert gewesen, sagt der 58-Jährige und lacht.