Forst
Was Pfalzpoeten Paul Tremmel mit dem Forster Steinbruch verbindet
Wenn einer etwas über den Basaltabbau in Forst erzählen kann, dann Paul Tremmel. Dass der Mann ein begnadeter Mundartdichter ist, weiß in der Pfalz natürlich jeder. Dass er eine besondere Beziehung zum Basaltbruch hat, wissen dagegen nur die Forster Urgesteine. Nach dem RHEINPFALZ-Bericht über die geplante Aussichtsplattform an eben jenem Steinbruch war es der Lokalhistoriker Hans Rau, der sich an die Redaktion wandte und weitere Hinweise zur Geschichte des Steinbruchs gab. Da fällt der Name des Pfalz-Poeten dann zwangsläufig. Das heißt: Genauer gesagt sind es drei Tremmels, die eng mit der Geschichte des Steinbruchs verbunden sind: Großvater Peter, Vater Alois und eben Paul, den jeder als Mundartdichter kennt. Der Mann ist übrigens 93 Jahre alt und lebt seit einigen Jahren im Seniorenheim der Caritas in Deidesheim. Die Geschichte mit dem Großvater reicht weit ins 19. Jahrhundert zurück.
„Mein Großvater war ein Raubauz“, erzählt Tremmel. Von Beruf zunächst „Chauseé-Garde“, ein Wort, das man nicht googeln kann. Es war damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die pfälzische Bezeichnung für jemanden, der für einen Straßenabschnitt zuständig war. Im Falle von Großvater Tremmel war es die Strecke zwischen Böhl-Iggelheim und Speyer. Zehn Kilometer, kerzengerade, die Pferde liefen das automatisch. Und die Fuhrleute schliefen ein, was verboten war. Großvater Tremmel legte sich mit ihnen an, schlug ein paar von ihnen krankenhausreif und musste versetzt werden. Und jetzt kommt der Steinbruch ins Spiel.
1932 nach Forst gekommen
Peter Tremmel wurde 1890 „Aufsichtsperson“ im Steinbruch in Theisbergstegen im Landkreis Kusel. Wer die Biografie des Mundartdichter kennt, weiß: Das ist auch der Geburtsort von Paul. Sein Vater nämlich, Alois, folgte dem Großvater in seiner Funktion als „Aufsichtsperson“ – oder besser gesagt: als Betriebsleiter – im Steinbruch.
Nach Forst kam die Familie Tremmel 1932, denn der dortige Steinbruch gehörte genauso wie der in Theisbergstegen zur Basalt AG, in dessen Eigentum er noch heute ist. Paulchen war damals gerade mal drei Jahre alt, man kann also sagen, er ist ein richtiger Forster Bub. Die Weitergabe der Postens im Steinbruch vom Vater an den Sohn sollte auch im Falle Alois-Paul zum Tragen kommen. Dass Paul beruflich dann doch einen anderen Weg ging, hing in erster Linie damit zusammen, dass der Forster Steinbruch zum fraglichen Zeitpunkt schon zu stark ausgebeutet war und schließlich auch aufgegeben wurde.
Doch zurück in die 1930er-Jahre. Der Steinbruch war ein großer Betrieb, zeitweise arbeiteten dort 70 bis 80 Leute. Schotter, der dort hergestellt wurde, war gefragt, bekanntermaßen trieb Hitler den Straßenbau voran. Und dann kam der Krieg. Paul Tremmel gehört zu den Jahrgängen, die noch eingezogen wurden, obwohl sie noch halbe Kinder waren. Der Senior erinnert sich gut: Es war an seinem 15. Geburtstag, am 30. September 1944, als er zum „Schanzen“ nach Saarbrücken geholt wurde. Also zum Ausheben von Stellungen. Auch die Ardennen-Offensive, jenen letzten, gescheiterten Versuch der Wehrmacht, die Alliierten zurückzudrängen, blieb ihm nicht erspart. Als Paul Tremmel dann im Frühjahr 1945 nach Hause kam, eigentlich um nach einem Besuch wieder in den Krieg zu ziehen, versteckte ihn sein Vater – im Steinbruch. Der Einmarsch der Amerikaner war absehbar, doch noch hatten die Nazis das Sagen. „Mein Vater wäre erhängt worden, wenn sie mich gefunden hätten“, sagt Tremmel.
Saarland blieb ein Intermezzo
Doch Paul blieb unentdeckt, bis die Amerikaner da waren. Kurz darauf war der Krieg zu Ende. Was nun? Zurück in die Schule wollte Tremmel nicht, doch irgendetwas tun musste er, schon allein um Lebensmittelkarten zu bekommen. So begann er eine Schlosserlehre. Dann wechselte er, wie einst der Vater, in den Steinbruch nach Theisbergstegen, als Abteilungsleiter. „Aber es war absehbar, dass ich keine Chance hatte, Betriebsleiter zu werden“, erzählt er. Nach dem Beitritt des Saarlands zur Bundesrepublik ließ er sich abwerben, von einer Firma, die dort Förderbänder herstellte. „Man hat dort gut verdient“, sagt er. Doch es sollte ein Intermezzo bleiben. Tremmel kehrte schließlich zurück zu den Wurzeln, nach Forst.
Die treibende Kraft dabei war Hella. Tremmels große Liebe. „Sie war auch aus einer Steinbruchfamilie, aus Kirn“, erzählt der 93-Jährige. Als er sie kennen lernte, hatte er zuvor gescherzt und gesagt: Die Nächste, die mir über den Weg läuft, heirate ich. Und dann war es tatsächlich die große Liebe, die ihm über den Weg lief. Genauer gesagt: deren Federball vor seinen Füßen auf den Boden fiel. Tremmel bückte sich, gab das Bällchen zurück. Sechs Monate später war er mit der Federballspielerin verheiratet. Etwas später eröffnete Tremmel in Forst eine Tankstelle, die sich dann zu einem Autohaus entwickelte. Es existiert noch heute – allerdings mit neuen Eigentümern.
Wäre Tremmel „nur“ Autohaus-Besitzer gewesen, dann hätte er aber wohl nie Gorbatschow die Hand gedrückt. Oder ein Buch von Helmut Kohl mit einer persönlichen Widmung bekommen. All seine Begegnungen mit Prominenten – und es waren sehr, sehr viele – sind natürlich nur zustande gekommen, weil Tremmel als Mundartdichter berühmt wurde. Dabei war es ein Zufall, dass er mit dem Reimen anfing. Bei einem 60. Geburtstag im Jahr 1972 hieß es: Paul, kennschde net was dichte? Paul konnte. „Ich hab’s aufm Klo geschrieben“, erinnert er sich. Und es sei so gut angekommen, dass ein damaliger RHEINPFALZ-Redakteur, Werner Wendel, schrieb: „Hurra, wir haben wieder einen Bellemer Heiner.“
Rund 10.000 Gedichte
Inzwischen hat Tremmel rund 10.000 Gedichte geschrieben, unzählige Bücher veröffentlicht, Preise bekommen. Und es kommen noch neue Gedichte hinzu, zuletzt hat er beim Herrenweinabend eines vorgetragen. Der 93-Jährige ist zwar seit einem Schlaganfall nicht mehr gut zu Fuß, aber er ist noch immer sehr rührig und gesellig – siehe Herrenweinabend. Er hat auch eine Freundin, Karin. Auf die Frage, was denn das Schönste in seinem Leben war, kommt die Begegnung mit ihr an zweiter Stelle. Auf Platz eins ist noch immer Hella, die erste große Liebe. Hella war Karins Freundin, und als sie wusste, dass sie nicht mehr lange leben würde, bat sie ihre Freundin: „Wenn ich nicht mehr bin, dann kümmerst du dich um den Paul.“ Und so ist es dann auch gekommen. Inzwischen verbringt Paul Tremmel jedes Wochenende bei ihr in Ludwigshafen.
Karin, 83 Jahre alt, fährt auch noch Auto. Und sie hat ihren Freund auch einmal an eine Stelle im Wald gebracht, mit der Tremmel sich sehr verbunden fühlt: an den Basaltsee bei Forst. Dabei handelt es sich nicht um den Kratersee mit der hoher Abbruchkante, an der jetzt die Aussichtsplattform entstehen soll. Sondern um einen weiter westlich gelegenen mit vergleichsweise sanften Böschungen. Auch dieser kleine See ist durch den Basaltabbau entstanden. Tremmel hat das Gelände, das heute unter Naturschutz steht, schon seit vielen Jahren gepachtet. Auch wenn er jetzt nicht mehr so gut hinkommt, ist es ihm wichtig.
Und was hält er von der geplanten Aussichtsplattform? Tremmel nimmt kein Blatt vor den Mund: „Nichts“, sagt er. Warum nicht? „Das ist einfach überflüssig.“ Der Blick sei gigantisch von dort oben. Man könne bei klarem Wetter das Heidelberger Schloss sehen – auch ohne Aussichtsplattform.