Deidesheim
Kerwe mit Eintritt: Feierlaune bei vielen getrübt
Nach zwei Jahren Pandemie ist die Feierlaune bei Jung und Alt groß. In Deidesheim jedoch ist die Stimmung nach dem ersten Kerwe-Wochenende „sehr gemischt“, wie Stefan Wemhoener, Leiter der Tourist Service GmbH, es ausdrückt. „Das Thema polarisiert.“ Wer mit dem neuen Konzept, das eine Absperrung der Festmeile und Eintrittsgeld vorsieht, nicht einverstanden ist, lädt seinen Ärger vor allem bei Stadtbürgermeister Manfred Dörr oder in der Tourist Info ab. Dabei waren gerade Dörr und Wemhoener gar keine Befürworter des jetzigen Konzepts.
50 bis 70 Prozent der Arbeit in der Tourist Info bestehe derzeit aus „Aufklärung“, sagt Wemhoener. „Wir müssen immer wieder erklären, warum das Konzept so ist, wie es ist.“ Das Verständnis dafür sei indes häufig nicht sehr ausgeprägt, gerade bei den Einheimischen. Bei den Betreibern von Ausschankstellen und Höfen sei die Resonanz geteilt. „Die Betreiber der Stände in der Bahnhofstraße sind mit den Umsätzen zufrieden“, so der Touristiker. Im Außenbereich dagegen sei es teilweise nicht so gut gelaufen.
22.000 Bändchen verkauft
Insgesamt sind an den ersten fünf Kerwe-Tagen rund 22.000 Eintrittsbändchen verkauft worden. Der Samstag sei mit 5000 bis 6000 Gästen der besucherstärkste Tag gewesen, gefolgt vom Freitag. Am Montag und Dienstag sei es „sehr ruhig“ gewesen. Mit früheren Jahren sei die Resonanz schwer zu vergleichen, da es dieses Mal eben zum ersten Mal eine Kontrolle an den Zugängen gebe. Außerdem ist der Stadtplatz frei von Angeboten jeglicher Art. In der Vergangenheit wurde die Anzahl der Gäste in den besucherstärksten Jahren mit 150.000 bis 200.000 angegeben, verteilt über zehn Tage.
Aufgrund dieser Größe ist die Kerwe als Großveranstaltung eingestuft worden, für die nach dem jüngsten Polizei- und Ordnungsbehördengesetz ein umfangreiches Sicherheitskonzept nötig ist. So muss es beispielsweise an allen Zugängen zum Festgelände Einfahrtsschutz geben. Allein diese Forderung macht in Deidesheim einen erheblichen Aufwand erforderlich, denn es gibt 14 Zugänge. Um das Sicherheitskonzept zu finanzieren, wurden die Eintrittsbändchen eingeführt.
Nach dem ersten Wochenende stuft Wemhoener das Fest nicht mehr als Großveranstaltung, sondern – Stand heute – als mittelgroße Veranstaltung ein. Bei einer solchen ist die Anzahl der Besucher, die gleichzeitig auf dem Festgelände sein darf, mit 5000 bis 15.000 festgeschrieben. „Auch dann unterliegen wir aber dem Polizei- und Ordnungsbehördengesetz und müssen eingreifen können, wenn zu viele Menschen auf das Gelände kommen“, so Wemhoener. Man könne aufgrund der geringeren Anzahl von Besuchern nicht einfach sagen, die Sicherheitsmaßnahmen seien nicht nötig gewesen. Schließlich sei das neue Konzept im Vorfeld stark kritisiert worden, vor allem in den sozialen Medien.
Weniger Schlägereien und Rucksacksaufen
Ein positiver Effekt des Sicherheitskonzepts sei, dass die Anzahl der Schlägereien abgenommen habe. Und weil es kontrollierte Eingänge gebe, spiele das Thema Rucksack-Alkohol kaum eine Rolle.
Die gesamte Logistik funktioniere trotz der nur kurzen Vorbereitungszeit gut, genauso die Zusammenarbeit im Sicherheitsgremium, so Wemhoener weiter. Ob das Fest sich dank der Eintrittsgebühren letztlich finanziell trage, sei noch unklar. Der Besuch müsse mindestens dem des ersten Wochenendes entsprechen, so Wemhoener. Denn die 22.000 verkauften Bändchen enthielten durch den Verkauf des Zehner-Blocks auch schon Bändchen für das zweite Wochenende. „Wir müssen jetzt abwarten, ob die Leute wiederkommen.“
Bisher zufrieden ist beispielsweise die Winzergenossenschaft, die selbst einen Stand betreibt und weitere Ausschankstellen beliefert. „Wir sind durchgehend präsent auf der Kerwe, unsere Weine gefragt“, sagt Geschäftsführer Steven Kärgel.
Ganz anders Oliver Wittmer, der seinen Stand beim Winzerverein hatte. Wittmer spricht von der „größten Pleite“, die Deidesheim sich je erlaubt habe. Er habe kaum Umsatz gehabt und fast alles, was er eingekauft habe, entsorgen müssen. Am kommenden Wochenende werde er nicht wieder öffnen.
Auch Iris Pfingstgräf, die einen Ausschank im Weingut Biffar betrieben hat, ist in der zweiten Runde nicht mehr dabei. Sei sei davon ausgegangen, dass es auf dem Platz gegenüber dem Weingut Live-Musik geben würde. Das sei aber nicht der Fall gewesen. Kaum ein Besucher habe den Weg ins Weingut Biffar gefunden, das Konzept sei viel zu spät entwickelt worden. Deshalb hat auch Peter Ackermann (Peters Germanenspieß), der ebenfalls im Weingut Biffar war, seinen Stand schon wieder abgebaut. Die bestellte Ware habe großenteils abgesagt werden müssen, es sei „richtig frustrierend“.
Dörr befürchtet Imageschaden der Kerwe
Stadtbürgermeister Manfred Dörr (CDU) hätte lieber eine Weinkerwe in kleinerem Rahmen in den Höfen gesehen. Er befürchtet, dass das Image der Deidesheimer Weinkerwe beschädigt wird, weil die Besucher die Veranstaltung nicht so attraktiv wie in der Vergangenheit empfinden, „und das wieder aufzubauen, dauert Jahre“. Eine Hauptkritik komme von den Einheimischen, die nicht einsehen würden, warum sie für „ihre“ Kerwe Eintritt zahlen sollen. Viele der sonstigen Besucher seien in diesem Jahr weggeblieben. Dörr würde gerne „weg von der Eintrittsregelung“. Gerade weil am ersten Wochenende weniger Besucher gekommen seien, könnten viele den eigentlichen Grund für den Eintritt – die Kosten der Sicherheitsmaßnahmen – nicht nachvollziehen. Wenn die Deidesheimer Kerwe nicht als Großveranstaltung, sondern von der Besucherzahl her als mittlere Veranstaltung eingestuft werde, seien die Sicherheitsmaßnahmen in einer Dimension wie in diesem Jahr nicht mehr erforderlich. Das vorhandene Sicherheitskonzept müsse dann entsprechend angepasst werden. „Es ist ja eine Weinkerwe und kein Hochsicherheitstrakt“, sagt Dörr. Manchen sei deswegen auch die Lust am Feiern vergangen.
Nach der Kerwe Analyse mit allen Beteiligten
Für die Zukunft müsse man da einen anderen Weg finden, so Dörr. Nach der Weinkerwe soll die Veranstaltung mit allen Beteiligten „in aller Ruhe“ analysiert werden. Ziel sei es, für 2023 eine vernünftige Lösung zu finden und die Weinkerwe wieder attraktiv zu machen. Wichtig ist es ihm auch, „die Ehrenamtlichen nicht zu verprellen“.
Grundsätzlich geht es Dörr auch darum, dass die Weinkerwe wieder ein Fest auf einem Niveau früherer Jahre wird. Es dürfe schon eine Veranstaltung mit vielen Besuchern sein. Aber die Weinkultur, die sogar in der Kerweordnung festgeschrieben sei, geht seiner Ansicht nach verloren und sollte wieder ein Schwerpunkt der Deidesheimer Weinkerwe werden.
Zweites Kerwe-Wochenende
Der zweite Teil der Kerwe startet am Freitag, 19. August, und geht bis Dienstag, 23. August. Live-Musik gibt es unter anderem beim Winzerverein (Prinz-Rupprecht-Straße 8), im Hofgarten des Hotels Deidesheimer Hof und im Weingut Kimich. Auch etliche Ateliers sind geöffnet, beispielsweise das der Malerin Rab Paqué. Feierlicher Abbau des Kerwebaums ist am Dienstag um 19.30 Uhr am Marktplatz. Anschließend findet der Heimatabend im Hof des Winzervereins statt. Eintrittsbändchen gibt es bei der Tourist-Info, beim Winzerverein und im Bürgerbüro der Verbandsgemeinde. Der Preis: drei Euro, Kinder bis 15 Jahre frei.