Karlsruhe Corona-Tagebuch: RHEINPFALZ-Mitarbeiter berichtet von den Sorgen um den Sohn

Der RHEINPFALZ-Mitarbeiter und Vater eines erwachsenen Sohnes wundert sich über das Einkaufsverhalten mancher Mitbürger.
Der RHEINPFALZ-Mitarbeiter und Vater eines erwachsenen Sohnes wundert sich über das Einkaufsverhalten mancher Mitbürger.

Montag vergangener Woche war es so weit. Endlich. Das „Kind“ hat einen Platz in einer Studenten-WG in Karlsruhe-Durlach gefunden. Das „Kind“, unser Sohn, ist inzwischen 21 Jahre alt und studiert seit einigen Semestern am KIT. So weit, so gut. Donnerstag kam dann aber die Botschaft, dass eine Mitbewohnerin Kontakt zu jemand aus einem Risikogebiet hatte.

Da sich bei ihr Erkältungssymptome einstellen, wird vom Hausarzt Quarantäne empfohlen. Zumindest so lange, bis ein Corona-Test durchgeführt und negativ ausgefallen ist. Damit beginnen die Probleme. Weil der Umzug in die WG bisher eher ein Umzug auf Probe war, fehlen dem Sohn unter anderem ein Schreibtisch und – ganz wichtig - der Computerstuhl. Auch zwei Regale wären nicht schlecht, sowie diverse Kleinmaterialien. Der Vater wird zum Möbelpacker. Hygieneartikel, Essen und dergleichen mehr werden im ausgeliehenen VW-Bus gleich mit nach Karlsruhe befördert. Mangels Parkplatz vor der Haustür, muss vom Vater alles nach und nach rund 50 Meter weit schleppen, der Sohn darf wegen Quarantäne ja nicht aus dem Haus. Da momentan im Sportverein der Trainingsbetrieb ruht, wird dies wohlwollend als Ersatzmaßnahme genommen. Im Hausflur werden die Gegenstände abgestellt, der Sohn sieht aus mehreren Metern Sicherheitsabstand zu und bringt dann alles ins dritte OG. Kontakt vermieden, Problem gelöst. Vorläufig, denn das nächste Problem lässt nicht lange auf sich warten.

Die Mitbewohnerin muss zum Arzt, sich testen lassen. Samstag am späten Nachmittag wurde ihr ein Termin gegeben. Der Arzt hat seine Praxis allerdings in der Karlsruher Nordweststadt, knapp zehn Kilometer von der WG in Durlach entfernt und ein Auto steht der WG derzeit nicht zur Verfügung. Es findet sich auch niemand, der sein Auto für einige Tage gerade nicht braucht. Die Eltern der Mitbewohnerin wohnen in der Nähe von Freiburg, kommen als Taxi-Ersatz somit nicht in Frage, Krankenwagen geht ebenfalls nicht, denn der müsste anschließend desinfiziert werden und würde zu lange ausfallen. Die Idee des Schreibers, sie mit dem familiären Auto zum Arzt zu bringen, sorgt bei einer Medizinerin im Bekanntenkreis für Schnappatmung. Über 60 und männlich – bloß nicht, heißt es. Jemand anders sollte fahren und die junge Frau soll hinten rechts ins Auto sitzen, Gesicht zum Fenster und mit Schal vorm Mund. Danach das Auto gut reinigen, besser noch: desinfizieren. Die Idee wird fallen gelassen. Zum Arzt gehen, Testbox holen und nach der Probenentnahme wieder zurück bringen, wird vom Arzt abgelehnt. Knifflig. Die „Lösung“ kommt dann auf unerwartete Art, der Arzttermin wird vom Arzt selbst gecancelt. Da die Symptome sich gebessert haben, scheint eine Corona-Erkrankung zudem eher unwahrscheinlich. Man weiß es aber nicht und so bleibt die Quarantäne erst mal bestehen. Das bedeutet, die vier WG-Menschen brauchen zusätzliche Nahrungsmittel. Eier, Dosentomaten, Nudeln, Brot, Aufbackbrötchen und dergleichen mehr stehen auf der Wunschliste. Dass Mehl und Brotbackmischungen ausverkauft sind, hat sich schon herum gesprochen, doch auch Dosentomaten sind gerade aus, Teigwaren ohnehin. Auch Tiefkühlpizzen scheinen derzeit sehr beliebt.

Dafür stapeln sich in 90 Prozent der Einkaufswagen Berge von Toilettenpapier, das offensichtlich frisch geliefert wurde. Man kommt sich fast schon wie ein Außenseiter vor, weil man den Toilettenpapier-Wahnsinn nicht mit macht. Im Nachbarort sei es fast zu einer Schlägerei gekommen, berichtet eine Frau. Gespenstisch. Oder doch komplett irre? Vielleicht werden die Nahrungsmittel in den kommenden Wochen tatsächlich knapp, dann werden die mit dem vielen Toilettenpapier aber dumm gucken, geht dem Ex-Erziehungsberechtigten durch den Kopf. Manche Verhaltensweisen lassen sich in diesen Tagen nur mit Humor ertragen. Eine Woche noch, dann dürfen die WG-Bewohner wieder raus.

Info

Im Corona-Tagebuch berichten Redaktionsmitglieder über die persönlichen Erlebnisse in der aktuelle Ausnahmesituation.